Versandhandel Kritik an Arbeitsbedingungen beim neuen Amazon-Lieferdienst

MDR-Wirtschaftsjournalist Ralf Geißler
Bildrechte: Ralf Geißler

Der Versandriese Amazon baut einen eigenen Lieferservice auf, eine Konkurrenz zu DHL, Hermes und UPS. Doch an den Arbeitsbedingungen für die Beschäftigten gibt es Kritik.

In Erfurt-Stotternheim kann man fast täglich die gleiche Szene beobachten. Hunderte Kleintransporter warten vorm Amazon-Verteilzentrum auf Pakete. Die Fahrer, überwiegend Migranten, sprechen Polnisch, Rumänisch, Bulgarisch oder Arabisch. Und sie gehören nicht zu Hermes oder DHL, sondern fahren nur für Amazon aus.

Christian Dülfer, Regionaldirektor von Amazon Logistics, sagt, man baue sich weltweit einen eigenen Lieferdienst auf: "Wir gewinnen dadurch zusätzliche Kapazitäten und Flexibilität." Es gehe darum, auch die steigende Nachfrage der Kunden zur Zustellung am gleichen und am nächsten Tag auch abdecken zu können. Das sei der Grund, warum Amazon einen eigenen Dienst an den Start bringe.

Amazon arbeitet mit Subunternehmen

Ein eigener Dienst bedeutet allerdings nicht, dass die Fahrer bei Amazon angestellt sind. Der Versandriese setzt, wie in der Branche weit verbreitet, auf Subunternehmen. Amazon kennt zwar die Fahrer, legt ihre Routen fest und kann auch Einzelne ausschließen. Das unternehmerische Risiko tragen aber die Subunternehmer – kleine Fuhrunternehmen, die oft nur gegründet wurden, um Amazon-Pakete auszufahren.

Unter welchen Bedingungen diese wiederum ihre Fahrer beschäftigen, wollte Frank Günther von der Gewerkschaft Verdi wissen und stellte sich auf den Parkplatz vorm Erfurter Verteilzentrum. "Wenn man sich die Autos anguckt, das ist schon ziemlich heftig. Da wird mit abgeranzten Fahrzeugen gefahren, da wird auf Ladungssicherung kein Wert gelegt."

Also wir sind viel gewohnt im Paketbereich, aber das war noch mal eine ganz neue Qualität.

Frank Günther ver.di Thüringen - Fachbereich Postdienste, Speditionen und Logistik

Überlange Arbeitszeiten und Rechtsverstöße

Im Rahmen seiner Recherchen stieß Günther auch auf Zeitungsartikel aus Österreich. Dort hat die Polizei in Wien vor einem Jahr 133 Subunternehmen überprüft, die für Amazon fahren. Nur bei dreien gab es keine Verstöße. Bei den anderen fand man Schwarzarbeit, Steuer- oder Sozialleistungsbetrug. Die Amazon-Subunternehmer in Deutschland mögen gesetzestreuer sein. Trotzdem sagt auch Benjamin Heinrichs, die Situation der Fahrer sei prekär.

Im Erfurter Beratungsbüro "Faire Integration" berät er Migranten. Und wöchentlich kämen welche, die nur Amazon-Pakete zustellen: "Es geht mal darum, dass Überstunden nicht bezahlt werden. Es geht aber manchmal auch darum, dass gar nicht bezahlt wird. Es geht um Arbeitszeitüberschreitungen. Also das Gesetz sieht vor, dass acht Stunden die maximale Arbeitszeit sind, zehn sind in Ausnahmen möglich."

In das Beratungsbüro "Faire Integration" kommen Ratsuchende, die teilweise 15 Stunden ohne Pause unterwegs seien. Die Probleme seien vielfältig, bis hin zur ungerechtfertigten Kündigung oder Kündigungen, sobald man krank sei.

Amazon hat Hotline für Fahrer eingerichtet

Konfrontiert man Amazon mit der Kritik, betont Regionaldirektor Christian Dülfer, dass man nur mit Subunternehmern zusammenarbeite, die sich an die Gesetze halten. Man prüfe die Länge der Touren und bestehe auf Einhaltung der Arbeitszeitvorschriften. Auch der Zustand der Fahrzeuge werde regelmäßig überprüft, versichert Nadiya Lubnina, Pressesprecherin bei Amazon. Nach ihrer Information werden Sichtprüfungen durchgeführt, wenn das Fahrzeug beladen wird. "Wir melden unseren Lieferpartnern, falls wir etwas entdecken, das möglicherweise die Fahrtüchtigkeit einschränkt", führt Nadiya Lubnina aus.

Christian Dülfer erklärt zudem: "Wenn es um Bezahlung oder Sonstiges geht, haben wir eine Hotline eingerichtet, wo der Fahrer auch anonym anrufen kann in mehreren Sprachen. Einfach, weil wir wissen möchten, wenn solche Themen aufkommen, dass wir die Themen erkennen können und am Ende auch klären können."

Bei der Gewerkschaft hält man die Hotline für ein wirkungsloses Instrument. Viele Fahrer würden sich schon aus Angst vor einem Jobverlust nicht bei Amazon beschweren. Für Verdi ist die Lösung eine andere. Der Versandriese solle die Fahrer direkt bei sich einstellen und fair entlohnen. Dann könne sich Amazon bei Verstößen auch nicht mehr hinter den Subunternehmen verstecken.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 28. Januar 2021 | 06:11 Uhr

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