Tarifverhandlungen Streiken bald die Bauarbeiter?

Lydia Jakobi, Autorin und Reporterin
Bildrechte: MDR/Karsten Möbius

Die Stimmung im Baugewerbe ist angespannt. Nachdem das erste Schlichtungsgespräch erfolglos ausging, setzen sich die Parteien nun wieder zusammen. Die Gewerkschaften drohen mit Streiks. Das könnte im Herbst zu einem regelrechten "Bau-Debakel" führen, wie manche Beobachter prognostizieren.

Kräne stehen beim Bau von Mehrfamilienhäusern im Neubaugebiet Kronsrode und spiegeln sich in einer großen Pfütze.
In der Baubranche steht man erneut vor Tarifverhandlungen. Bildrechte: dpa

Bisher kam man in den Tarifverhandlungen für die rund 900.000 Beschäftigten in der Baubranche noch zu keinem zufriedenstellenden Ergebnis. Das Gewerbe verzeichnet nicht nur einen Fachkräftemangel, auch die Baustoffe sind knapp.

Der Himmel ist noch nachtschwarz, als Markus Walter schon im Radlader über die Baustelle kurvt. Am Autobahnkreuz Rippachtal muss der Asphalt erneuert werden. Bis Dezember stehen Walter und seine Kollegen hier, während auf der A9 die Lkw-Kolonnen vorbeidröhnen. „Wir fräsen die alte Oberfläche aus Beton und Asphalt ab und tragen anschließend eine neue auf. Die alte Schicht ist schon über 20 Jahre alt und bei dem Verkehr heutzutage unheimlich verschleißt. Das ist unsere Aufgabe hier.“

Walter scheint seinen Beruf zu mögen: Seit 25 Jahren arbeitet er für das Bauunternehmen Strabag. Aber die Bezahlung – die müsse sich ändern, sagt der 40-Jährige. Vor allem im Osten: "Der Bagger ist der gleiche, die Schaufel ist die gleiche." Man mache genau die gleiche Arbeit wie in den westdeutschen Bundesländern. "Und deswegen sind wir auch der Meinung, dass es im Osten wie im Westen gleichen Lohn für gleiche Arbeit geben sollte."

IG BAU fordert Tarifangleichung und Lohnplus

Die Industriegewerkschaft Bauen-Agrar-Umwelt (IG BAU) fordert neben der Tarifangleichung in Ost und West ein Lohnplus von 5,3 Prozent. Vor allem aber will sie eine höhere Entschädigung für die Anreise zu den Baustellen erreichen. Sascha Wollert ist Regionalleiter der IG BAU für Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen und erklärt das Problem: "Wir haben in unseren Tarifverträgen teilweise, aber nicht ausreichende Regelungen zum Thema Wegezeiten, sodass es für Unternehmen sehr günstig ist, Menschen auf Baustellen zu schicken." Wollert meint, das entgrenze Fahrzeiten und mache die Arbeitstage ewig lang. Ein Großteil der Fahrten könne somit als Privatfahrten deklariert werden, ohne eine entsprechende Vergütung zahlen zu müssen.

Uwe Nostitz entgegnet, die Wegstrecken würden bereits einmal jährlich pauschal entschädigt. Er führt als Vizepräsident des Zentralverbands Deutsches Baugewerbe die Verhandlungen und leitet selbst einen Baubetrieb bei Bautzen. Nostitz sagt, die Branche habe unter anderem wegen der gestiegenen Materialpreise kaum noch finanziellen Spielraum. "Wir haben die Lohnerhöhung, die Ost-West-Angleichung und die Wegstreckenentschädigung. Und wenn man das zusammennimmt sind das eben Kostenbelastungen von 15 bis mehr als 20 Prozent. Und das auf einen Schlag." Außerdem gerate man letztlich auch seitens der Investoren und Bauherren an Grenzen.

Über ein Drittel der Baubetriebe beklagt Fachkräftemangel

Dabei muss der Bau attraktiver werden, wenn die Firmen nicht bald ohne Personal dastehen wollen. Es wird zwar kräftig ausgebildet, trotzdem klagen dem Ifo-Institut zufolge bis zu 38 Prozent der Betriebe über einen Mangel an Fachkräften. "Ich glaube, man muss da ehrlich sein. Wir stoßen an unsere Grenzen, was die Ressourcen in Deutschland betrifft. Das werden wir auch nicht mit Lohnsteigerungen abfangen können. Sondern wir brauchen qualifizierte Zuwanderung", erklärt Nostitz.

Er hofft nun auf eine Einigung in der Schlichtungsrunde. Sollte es die nicht geben, drohen Streiks. Das wäre der erste Arbeitskampf seit 20 Jahren. Welche Auswirkungen hätte es am Kreuz Rippachtal? "Für die Baustelle würde das bedeuten, dass die Hälfte der Leute nicht mehr kommt. Mal abwarten", sagt der Strabag-Bauarbeiter Markus Walter.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 13. Oktober 2021 | 08:09 Uhr

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