Streiks abgewendet Tarifeinigung: Bauarbeiter bekommen mehr Geld

Astrid Wulf, Moderatorin und Autorin
Bildrechte: MDR/Karsten Möbius

Es wäre der erste Streik in der Baubranche seit 20 Jahren gewesen: Noch Anfang der Woche sah es danach aus, dass unter anderem auf Baustellen bald Arbeit liegen bleibt. Doch der Schlichtungsversuch zwischen Gewerkschaft und Baugewerbe in den vergangenen zwei Tagen war offensichtlich erfolgreich. In der Nacht verkündeten die Verhandlungspartner eine Einigung, die unter anderem eine schrittweise Lohnerhöhung und einen Ost-West-Angleich beinhaltet.

Arbeiter bei Bauarbeiten an neuen Bürogebäuden
Fünf gescheiterte Verhandlungsrunden hat es gebraucht, bis die Lohnerhöhung für Bauarbeiter beschlossen war. Bildrechte: IMAGO / Rolf Poss

Noch vor wenigen Tagen wirken die Fronten verhärtet zwischen Beschäftigten und Bauunternehmen. Der Frust bei den Bauarbeitern ist zum Beispiel groß beim Thema Anreise auf die Baustellen, beschreibt Sascha Wollert bei MDR AKTUELL die Situation. Er ist Regionalleiter der Industriegewerkschaft Bauen-Agrar-Umwelt (IG Bau) für Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen und erklärt, warum An- und Abfahrten bisher nicht ausreichend entschädigt werden: "Das entgrenzt Fahrzeiten, macht die Arbeitstage ewig lang, weil ein Großteil der Fahrten als Privatfahrten deklariert werden kann, ohne da entsprechend eine Vergütung zu bezahlen."

Die Ergebnisse der Bau-Tarifeinigung im Überblick Die Beschäftigten erhalten für die Monate Juli bis Oktober 2021 eine Corona-Prämie von 500 Euro im Westen und 220 Euro im Osten.

Die Löhne steigen stufenweise: zum 1. November 2021 im Westen um 2 Prozent, im Osten um 3 Prozent. Am 1. April 2022 gibt es eine weitere Erhöhung um 2,2 Prozent (Ost: 2,8 Prozent) und am 1. April 2023 um weitere 2 Prozent (Ost: 2,7 Prozent).

Bis zum Jahr 2026 soll eine 100-prozentige Angleichung der West- und Ost-Einkommen sowie der Ausbildungsvergütungen erreicht sein. Jeder Betrieb im Tarifgebiet Ost kann jedoch per Haustarifvertrag auch früher einen Ost-West-Angleich für seine Beschäftigten festlegen. Für die oftmals langen Anfahrtswege der Beschäftigten zu ihren Baustellen soll es die sogenannte Wegstreckenentschädigung geben.

Zusätzlich erhalten die Beschäftigten im Westen Einmalzahlungen in Höhe von 400 Euro zum 1. April 2022 und 450 Euro zum 1. April 2023. Darüber hinaus wurde eine stufenweise Erhöhung der Ausbildungsvergütungen vereinbart. Der Tarifvertrag hat eine Laufzeit von 33 Monaten.

IG Bau: Harte Verhandlungsrunden

Neben der sogenannten Wegstreckenentschädigung forderte die IG Bau eine Tarifangleichung zwischen Ost und West sowie ein Lohnplus von 5,3 Prozent. Die Reaktion von Verhandlungsführer Uwe Nostitz vom Zentralverband Deutsches Baugewerbe noch Anfang der Woche bei MDR AKTUELL klang nicht optimistisch: "Wenn man das in Summe nimmt, sind das Kostenbelastungen von 15 bis über 20 Prozent – und das auf einen Schlag. Zum anderen muss man auch sagen, dass man irgendwo an Grenzen kommt, wo Investoren und Bauherren sagen: Jetzt geht es nicht mehr."

Nostitz leitet selbst einen Baubetrieb in Bautzen. In den vergangen zwei Tagen widmete er sich aber ganz den Tarifverhandlungen. Es war die zweite Schlichtungsrunde, nachdem fünf Verhandlungsrunden gescheitert waren. Ein Streik schien unausweichlich. Doch mitten in der Nacht teilten die Gewerkschaft, der Zentralverband Deutsches Baugewerbe sowie der Hauptverband der Deutschen Bauindustrie jetzt mit: Wir haben uns geeinigt.

Mehr Lohn und eine Ost-West-Angleichung

Für die rund 890.000 Beschäftigten bedeutet das Lohnerhöhungen in drei Schritten. Zunächst um zwei Prozent im Westen und drei Prozent im Osten. In den nächsten beiden Jahren soll der Lohn weiter angehoben werden. 2026 sollen die Einkommen im Westen und im Osten gleich sein. Hinzu kommen Einmalzahlungen und mehr Geld für die Auszubildenden. Und auch die von der Gewerkschaft geforderte Entschädigung für die oft langen Fahrwege zu den Baustellen soll es geben.

Uwe Nostitz zeigt sich froh darüber, dass die langwierigen, schwierigen Verhandlungen zu Ende sind. Dem Tarifvorschlag müssen jetzt noch die Mitgliedsverbände zustimmen. Dazu haben sie zwei Wochen Zeit.

Quelle: MDR AKTUELL

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 15. Oktober 2021 | 07:05 Uhr

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