Ausstieg aus Öl und Gas Energiewende nur mit Technik aus China?

Weg von Öl und Gas und raus aus der Abhängigkeit von Russland, so lautet das Credo der deutschen Politik spätestens seit Beginn des russischen Angriffskrieges gegen die Ukraine. Allerdings ist die Ausstiegs-Perspektive, der schnellere Ausbau von erneuerbaren Energien, nicht ohne Probleme: Zum einen sehen sich die Unternehmen in Deutschland mit ungünstigen Rahmenbedingungen konfrontiert – zum anderen könnte eine neue Abhängigkeit von China drohen.

Solarzellen auf Hausdächern, im Hintergrund sind Windräder zu sehen.
Früher war Deutschland Weltmarktführer bei der Herstellung von Solarmodulen. Auch bei der Produktion von Windrädern waren deutsche Hersteller lange führend. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Solarindustrie: Viele Komponenten aus China

Fossile Brennstoffe wie Erdgas oder Erdöl sollen durch erneuerbare Engergien ersetzt werden. Das bedeutet einen Ausbau beispielsweise von Solarstrom. Doch das macht zunehmend eine neue Abhängigkeit deutlich: 95 Prozent der Lieferungen, die für die Produktion von Solarzellen nötig sind, kommen aus China. Nach Ansicht von Professor Volker Quaschning von der Hochschule für Technik und Wirtschaft in Berlin müsse deshalb die Frage gestellt werden: "Verstehen wir uns in fünf Jahren noch gut mit China?" Der Ingenieurwissenschaftler beobachtet den Solarmarkt seit Jahrzehnten und stellt fest: "Wenn die Lieferung von Solarmodulen aus China ausbleibt, dann ist die Energiewende in Deutschland gestorben. Und dieses Risiko können wir nicht eingehen."

Wenn die Lieferung von Solarmodulen aus China ausbleibt, dann ist die Energiewende in Deutschland gestorben.

Volker Quaschning, Hochschule für Technik und Wirtschaft Berlin

Die Abhängigkeit von China zeigt sich in der gegenwärtigen Pandemie beispielsweise beim Hersteller von Solarmodulen in Dresden, Solarwatt. Dessen in Deutschland produzierten Solarmodule sind zwar teurer als Importe aus China – dafür bietet Solarwatt aber 30 Jahre Garantie. Doch die Zellen, die in die Module eingesetzt werden, stammen vor allem aus China. Die dortigen Lockdowns sind spürbar: "Wir merken es ruckelt", erzählt Geschäftsführer Detlef Neuhaus, "Es ist auch immer so ein bisschen abhängig von der Entscheidung der chinesischen Regierung, wie radikal sie da bestimmte Dinge stilllegen. Wir rechnen aber damit, dass es noch schlimmer werden kann.“

Konzept für ein Solardach über einer Autobahn 119 min
Neue Visionen braucht das Land. Wie schnell können Erneuerbare Energien in Sachsen ausgebaut werden? Bildrechte: Labor3

Deutsche Abhängigkeit ist hausgemacht

Die Abhängigkeit von China in der deutschen Solarindustrie ist hausgemacht: Vor zehn Jahren war Deutschland Weltmarktführer bei der Herstellung von Solarmodulen – vom Siliziumblock über die Zellen bis zum Modul. Doch dann entdeckte China diesen Zukunftsmarkt, woraufhin dort damit begonnen wurde, die Produzenten staatlich zu fördern. Gleichzeitig wurde in Deutschland die Einspeisevergütung drastisch gestrichen. Dank der Subventionen besetzten chinesische Produzenten immer mehr den Markt, währenddessen in Deutschland die Nachfrage drastisch einbrach. Deutsche Hersteller, wie etwa Solarworld, gingen reihenweise Pleite, seit 2011 musste die Solarbranche in Deutschland mehr als 100.000 Arbeitsplätze abbauen.

Heute jedoch ist die Nachfrage in Deutschland wieder hoch, von einem regelrechten Boom ist die Rede. Dass die deutsche Solarindustrie nach Jahren nun wieder zurück sein könnte, sieht Solarwatt-Geschäftsführer Detlef Neuhaus noch ein wenig skeptisch. Schließlich seien Geldgeber für die entsprechenden Investitionen nötig "und das machen die nur, wenn sie Rahmenbedingungen haben, die verlässlich sind." Die Politik müsse demnach für Kalkulationssicherheit sorgen, denn insbesondere durch die vergangenen zehn Jahre sei die deutsche Solarindustrie ein gebranntes Kind, so Neuhaus.

Arbeitsplatzabbau seit 2016 in der Windbranche

Nicht nur bei der Produktion von Solarmodulen waren deutsche Hersteller früher führend – auch in Sachen Windkraftanlagen gehörten sie zur Weltspitze. Und auch hier leiden die Unternehmen unter ähnlichen, unbeständigen Rahmenbedingungen: Die Nachfrage wurde erst durch staatliche Förderung gesteigert und später mit neuen Gesetzen wieder ausgebremst. Die Chinesen stiegen auch auf diesen Markt ein und so setzte ein harter Preiskampf der hiesigen Branche zu. Außerdem würgte die Politik die Eigenproduktion in Deutschland ab, die Nachfrage brach daraufhin ein. Seit 2016 werden in der Windbranche massiv Arbeitsplätze abgebaut.

So hat der weltweit größte Hersteller von Windkraftanlagen, das dänische Unternehmen Vestas Wind Systems, sein deutsches Rotorenwerk dicht gemacht und im Sommer 2022 beendet die Nordex Group die Produktion von Rotorblättern in Rostock. Auf Anfrage teilt Nordex mit, man könne nur dort produzieren, wo es auch Nachfrage gibt. Selbst wenn in Deutschland künftig wieder mehr eigene Anlagen gebaut werden, dauert dies noch Jahre und so lange können unrentable Werke nicht gehalten werden. Beide Hersteller haben noch Produktionsstätten in Südeuropa, Südamerika und in Asien. Künftig müssen die riesigen Montageteile also bei Bedarf über tausende Kilometer bis nach Deutschland transportiert werden.

Wissenschaftler: 50.000 zusätzliche Fachkräfte nötig

Während der Abbau von Arbeitssplätzen in der Braunkohle-Industrie mit staatlichen Milliardenhilfen abgemildert wird, findet im Bereich der Zukunftsenergien nichts dergleichen statt. Nun fehlen die Arbeitskräfte, die für die Energiewende nötig sind, da nur wenige nachkommen, wie Professor Volker Quaschning deutlich macht: "Wenn man seit Jahren hört, dass Hiobsbotschaften verkündet werden, Fabriken zugemacht werden, überall Arbeitsplätze abgebaut werden – das lockt natürlich nicht Menschen an, das zu studieren. Es fangen viel weniger Leute an, als wir brauchen, sowohl in den Hochschulen als auch im Handwerk."

Es fangen viel weniger Leute an, als wir brauchen, sowohl in den Hochschulen als auch im Handwerk.

Volker Quaschning, Hochschule für Technik und Wirtschaft Berlin

Der Wissenschaftler von der Hochschule für Technik und Wirtschaft in Berlin und einige seiner Kollegen haben ausgerechnet, dass allein für die Umsetzung der Energiewendepläne von Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) 50.000 zusätzliche Fachkräfte nötig seien, um das Vorhaben realisieren zu können.

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Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | MDR Umschau | 17. Mai 2022 | 20:15 Uhr