Wirtschaft Welche Folgen der Brexit für deutsche Unternehmen hatte

Ralf Geißler, Wirtschaftsredakteur
Bildrechte: MDR/Isabel Theis

Das Benzin ist knapp, Lkw-Fahrer fehlen und in den Supermärkten bleiben viele Regale leer. Die Nachrichten aus Großbritannien klangen in den vergangenen Wochen beunruhigend. Das Land kämpft mit den Folgen des EU-Austritts, dem sogenannten Brexit. Doch auch deutsche Firmen, die nach Großbritannien liefern, sind davon betroffen. Wie sehr hat der Brexit das Geschäft hierzulande tatsächlich beeinträchtigt?

Eine Flagge, die zur Hälfte die britische, zur anderen Hälfte die deutsche Flagge zeigt. Darüber sind Pfeile, Pakete und Euro- sowie Pfund-Münzen zu sehen, die den Handel zwischen beiden Ländern symbolisieren.
Die Handelsbeziehungen zwischen Großbritannien und Deutschland haben durch den Brexit gelitten. Bildrechte: MDR/IMAGO/Panthermedia

  • Durch den Brexit ist der Import und Export von Waren bürokratischer geworden.
  • Seitdem ist Großbritannien vom dritt-wichtigsten Markt für deutsche Exportprodukte auf den achten Rang gefallen.
  • Um die Handelsbeziehungen wieder anzukurbeln, müsste die EU neue Verträge mit den Briten schließen – doch der Streit um Nordirland behindert die Verhandlungen.

Ein Monat Lieferzeit für ein Ersatzteil

Der Brexit hat Tobias Ahrens einige Nerven gekostet. Der Unternehmer im sächsischen Großpösna verkauft Autoanhänger der englischen Marke "Brian James Trailers". Bei der Einfuhr in die EU habe er anfangs mit viel Bürokratie kämpfen müssen, mit Zollformularen und Steuerfragen, erzählt Ahrens.

Bis heute bräuchten seine Händler Geduld, wenn Einzelteile nachbestellt werden müssten: "Jeder Händler, der Ware per Post bekommt, muss dann entweder selbst zum Zollamt fahren, die Ware auslösen und die Ausfuhr-Umsatzsteuer bezahlen, oder er muss sehr aufwendig Vollmachten zur Zollabwicklung hinterlegen." Und das seien teils langwierige Prozesse. Drei bis vier Wochen dauere es, bis ein einfaches Ersatzteil beim Händler ankomme.

Das klingt alles anstrengend. Und doch habe er sich mit dem Brexit arrangiert, resümiert Ahrens. Viele Probleme seien lösbar und sein Umsatz sei sogar gewachsen.

Exporte nach Großbritannien stark geschrumpft

Bei vielen anderen Unternehmern ist es dagegen bergab gegangen. Der Warenaustausch zwischen Deutschen und Briten ist drastisch geschrumpft. Der Export deutscher Autos auf die Insel hat sich seit 2015 nahezu halbiert. Volker Treier, Außenwirtschaftschef beim Deutschen Industrie- und Handelskammertag, bedauert das.

Das Vereinigte Königreich war vor dem Referendum zum Austritt aus der Europäischen Union unser dritt-wichtigster Exportmarkt. Jetzt ist es auf den achten Rang gefallen. Das ist für unsere Exporteure wirklich bedauerlich.

Volker Treier, Außenwirtschaftschef beim Deutschen Industrie- und Handelskammertag

Umgekehrt sei Großbritannien auch auf der Liste der wichtigsten Länder, die nach Deutschland importieren, abgestiegen, so Treier. In Ostdeutschland pflegte vor allem Sachsen intensive Handelsbeziehungen mit den Briten. Wirtschaftsminister Martin Dulig wollte vergangene Woche mit Unternehmern nach London reisen, um Kontakte aufzufrischen. Doch wegen der Pandemie wurde der Termin verschoben.

Nordirland-Streit behindert EU-Handelsverträge

Es stellt sich eine grundsätzliche Frage: Kann die Politik den Brexit überhaupt noch erträglicher machen? Derzeit gebe es haufenweise auszufüllende Papiere und zu erbringende Nachweise, so Oliver Holtemöller, Vizepräsident am Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung Halle. "Da kann durch Verhandlungen durchaus einiges auch wieder rückgängig gemacht werden. Man müsste dann entsprechende internationale Vereinbarungen abschließen." So etwas könne aber nicht Deutschland mit Großbritannien verhandeln, sondern das wäre eine Aufgabe der EU.

Doch bevor die EU die Zollbürokratie abbaut, müsste sie sich erst einmal mit Großbritannien über Nordirland einigen. Noch immer streiten beide Seiten über die Frage, wie durchlässig die nordirische Grenze sein darf. Es ist sogar denkbar, dass Großbritannien wegen des Streits die noch jungen Handelsverträge mit der EU wieder kündigt.

Die Unternehmer sehen derweil irritiert zu. Oder sie machen weiter, so gut sie eben können – so wie es auch Anhänger-Händler Tobias Ahrens tut.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 28. November 2021 | 06:11 Uhr

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