Energiesicherheit in Deutschland Keine deutsche Gasreserve ohne russisches Erdgas

Das Gesetz zur Nationalen Gasreserve ist am 30. April in Kraft getreten. Der Gesetzgeber will so absichern, dass Erdgasspeicher zukünftig immer gut befüllt sind. Entgegen der Forderungen von Gas-Embargo-Befürwortern scheint dies jedoch kurzfristig ohne russisches Erdgas kaum möglich.

Gasrohre auf einem Werksgelände.
Im niedersächsischen Rehden wird der größte Erdgasspeicher in Westeuropa betrieben. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Deutsche Gasspeicher Anfang des Jahres kaum gefüllt

Die deutschen Erdgasspeicher sind im vergangenen Winter bedrohlich leer geblieben. Dies lag nach Auskunft des Verbandes der deutschen Gasspeicherbetreiber INES zum einen an den gestiegenen Gaspreisen im Sommer, die die Einspeicherung unattraktiv machten, zum anderen an der höheren Gas-Entnahme im außergewöhnlich kalten April 2021.

Besonders niedrige Füllstande waren allerdings in den hiesigen Speichern der Tochterfirma des russischen Staatskonzerns Gazprom zu beobachten. Branchenkenner sehen darin das strategisches Ziel Russlands, die Erdgasvorräte in Deutschland zu verknappen.

Neues Gesetz gewährleistet Versorgungssicherheit

Um in Kälteperioden oder Zeiten knapper Gasimporte die Versorgungssicherheit zu wahren, greift die Bundesregierung nun regulierend in den Markt ein. Das neue Gesetz gibt vor, welche Mindestfüllstände an mehreren Stichtagen im Jahr erreicht sein müssen. Demnach sollen die Speicher schrittweise bis zum 1. Dezember zu 90 Prozent voll sein. Die Nutzung der Speicherkapazitäten wird künftig in einem Monitoring-Prozess überwacht. Derzeit sind die deutschen Gasspeicher zu rund 34 Prozent gefüllt.*

Werden die gesetzlichen Vorgaben innerhalb des normalen Marktgeschehens nicht erreicht, weil die Gashändler sich keine entsprechenden Vorräte angelegt haben, muss der sogenannte Marktgebietsverantwortliche aktiv werden. Dies ist eine Tochtergesellschaft von 16 großen Netzbetreibern, die bei Bedarf verschiedene Maßnahmen umsetzt, um brachliegende Erdgas-Speicher aufzufüllen.

Politiker fordern Verzicht auf russische Energielieferungen

Aktuell stammen noch rund 40 Prozent des hierzulande importierten Erdgases aus Russland. Mit einer Vielzahl von Sanktionsinstrumenten trägt auch Deutschland zum Ziel bei, die russische Wirtschaft zu schwächen. Ein Erdgas-Embargo gehört bisher allerdings nicht dazu, wird aber von einigen Politikern gefordert.

"Ich halte ein sofortiges Gasembargo auch für möglich und verkraftbar, aber ich kann verstehen, dass mancher zögert und Sorgen hat“, sagt etwa der Grünen-Politiker Anton Hofreiter, Vorsitzender des Europa-Ausschusses im Bundestag, der "Passauer Neuen Presse". Der CDU-Politiker und frühere Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble äußert gegenüber der "Welt am Sonntag": "Es wird bitter, aber ich denke, wir müssen schnellstmöglich auf russische Gas- und Öllieferungen verzichten. Wir dürfen nicht immer der Bremser im westlichen Bündnis sein."

Dass die nun vorgeschriebene Erdgas-Bevorratung die russische Kriegskasse in Milliarden-Höhe aufstocken könnte, mag vielen paradox erscheinen. Doch würden die Gasversorgung und das Füllen der Gasspeicher ohne Lieferungen aus Russland überhaupt funktionieren?

Studie sieht Chance, russisches Gas zu ersetzen

Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) hat untersucht, ob es rein rechnerisch möglich wäre, auf russisches Gas sowohl zur unmittelbaren Nutzung als auch zur Befüllung der Speicher zu verzichten. Um die deutschen Erdgasspeicher vor Beginn der Heizperiode zu 80 bis 90 Prozent aufzufüllen, müssten alle alternativen Anbieter so viel wie möglich liefern. Dafür kämen laut DIW Pipeline-Lieferungen aus Norwegen und den Niederlanden und Flüssigerdgaslieferungen über die Terminals in Nordwesteuropa infrage. Gleichzeitig müsste jedoch auch Erdgas in der Stromerzeugung, der Industrie und den Haushalten eingespart werden.

Energie-Experten: Keine Möglichkeit eines kurzfristigen Verzichts

Kritiker bezweifeln die Aussagekraft der Studie. "Die Studie des DIW beruht auf unrealistischen Annahmen", sagt Christian von Hammerstein. Er ist Partner in der Berliner Anwaltskanzlei Raue und Experte für Energierecht. "Sowohl die Förderung in Norwegen und den Niederlanden sind meines Erachtens an ihrer Höchstgrenze angekommen als auch die Flüssigerdgas-Terminalkapazitäten in den Niederlanden, insbesondere Rotterdam. Auch die Annahmen über kurzfristige Einsparmaßnahmen sind unrealistisch. Ein Verzicht auf russisches Gas bei der Befüllung der Speicher wird jedenfalls 2022 nicht möglich sein."

Ähnlich äußert sich Ludwig Möhring, Hauptgeschäftsführer des Bundesverbandes Erdgas, Erdöl und Geoenergie. Er sieht wenig Chancen, russisches Erdgas beim Beschicken deutscher Gasspeicher ausklammern zu können: "Wenn in Deutschland zeitnah kein russisches Erdgas mehr zur Verfügung stünde, wäre es sehr schwierig, die Speicherkapazitäten rechtzeitig vor dem Winter aufzufüllen. Die europäischen Pipeline-Kapazitäten in Norwegen, den Niederlanden und Deutschland sind weitestgehend am Limit. Da auch die Länder in Nordwest-Europa in einem solchen Szenario ohne russisches Erdgas auskommen müssten, würde sich der Wettbewerb um verflüssigtes Erdgas verschärfen, auch weil die Anlandekapazitäten in Nordwest-Europa limitiert wären. Die kurzfristig in Deutschland errichteten Kapazitäten für verflüssigtes Erdgas werden frühestens 2023 zur Verfügung stehen. Weitere Preiserhöhungen wären auf Grund der Knappheitssignale zusätzlich zu erwarten."

Ein Verzicht auf russisches Gas bei der Befüllung der Speicher wird jedenfalls 2022 nicht möglich sein.

Christian von Hammerstein, Experte für Energierecht

Versorgungssicherheit vs. Boykott

Scheitert Deutschland also an dem Dilemma, nicht gleichzeitig Versorgungssicherheit ohne russisches Gas herstellen und Russland durch den Stopp von Gasimporten sanktionieren zu können? Von Hammerstein sieht hier weder einen Widerspruch noch ein Problem: "Wenn wir uns mit russischem Gas, das im Sommer eingespeichert wird, unabhängig von einem Lieferstopp durch Putin im Winter machen, ist das eine vernünftige und richtige Maßnahme. Man schlägt Putin mit seinen eigenen Waffen. Entscheidend ist, dass wir uns langfristig völlig unabhängig von russischem Gas machen."

Was passiert bei einem Lieferstopp?

Zugleich zeigen die aktuellen Beispiele Polen und Bulgarien, dass Russland mit einem Lieferstopp nicht bis zum Winter warten muss. Was, wenn also schon bald gar kein russisches Erdgas mehr in Deutschland zur Verfügung stehen würde?

Wenn Russland die Gaslieferungen nach Deutschland einstellt und die verbleibenden Gasmengen nicht zur Befüllung der Speicher ausreichen, wird, so von Hammerstein, die Alarmstufe nach dem Notfallplan Gas eintreten. Bei dieser Eskalationsstufe, die die Versorgungslage gravierender als die derzeit geltende Frühwarnstufe einschätzt, geht man jedoch davon aus, dass der Markt die Störung noch selbst bewältigen kann. Von Hammerstein weiter: "Sollte dann im Winter eine Versorgung von Verbrauchern nicht mehr möglich sein, weil weiter keine Gaslieferungen aus Russland kommen und die Speicher nicht ausreichend gefüllt sind, wird das Wirtschaftsministerium die Notfallstufe ausrufen mit der Folge, dass die Bundesnetzagentur entscheiden muss, welche Verbraucher noch beliefert werden müssen und welche nicht mehr."

*Die Daten stammen von der Transparenzplattform für Speicherdaten AGSI, die vom europäischen Verband der Infrastrukturbetreiber (GIE) betrieben wird.

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MDR Wirtschaftsredaktion

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL | 27. April 2022 | 16:00 Uhr

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