Nach der Pandemie Was bleibt vom Homeoffice?

Ralf Geißler, Wirtschaftsredakteur
Bildrechte: MDR/Isabel Theis

In der Pandemie wurden fast alle, bei denen es möglich war, ins Homeoffice geschickt. Zur Überraschung vieler arbeiteten die meisten dort nicht weniger effektiv. Nun sind alle Corona-Auflagen aufgehoben. Müssen jetzt wieder alle ins Büro? Was bleibt in Zukunft vom Homeoffice?

Eine Frau sitzt mit einem Laptop an einem Tisch im Homeoffice.
Homeoffice hat sich in der Pandemie etabliert. Aber bleibt das auch so? Bildrechte: dpa

Peter Ledermann baut gerade Büros. Der Chef der Handelsplattform Unite lässt in Leipzig eine neue Firmenzentrale errichten: sieben Stockwerke, 450 Arbeitsplätze. Kürzlich war Richtfest. Dabei hatte Ledermann in der Pandemie fast alle seine Mitarbeiter ins Homeoffice geschickt.

Das Büro als Ort der Zugehörigkeit

Doch ganz ohne Büros geht es eben doch nicht, findet der Chef. "Es braucht ein Bürogebäude als Ort, zu dem man gehört, der Identität stiftet, zu dem man kommen kann. Homeoffice hat bei uns dazu geführt, dass wir Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter an ganz unterschiedlichen Ecken der Welt einstellen. Aber auch die brauchen einen Ort, wo sie sagen: Da gehören wir hin."

Die Möglichkeit zum Homeoffice soll bei Unite aber bleiben. Ledermann rechnet derzeit mit 450 Büroplätzen für 900 Beschäftigte. Manche kämen täglich, manche zweimal die Woche, einige fast nie. Die Leipziger Firma lebt eine neue Flexibilität.

Homeoffice kann die Produktivität steigern

In dieser Mischform hat das Homeoffice vielerorts Zukunft, findet der Wirtschaftswissenschaftler Jean-Victor Alipour vom ifo-Institut. "Wir gehen sehr stark davon aus, dass das Homeoffice bleiben wird. Während Corona haben wir gesehen, dass die gefürchteten Produktivitätseinbußen ausgeblieben sind. Im Gegenteil: Man hat vielerorts Leistungssteigerungen verzeichnen können."

Das sei besonders bei Beschäftigten zu sehen, die alleine konzentriert arbeiten müssten, sagt Alipour. Er rechnet damit, dass künftig 20 bis 30 Prozent aller Beschäftigten in Deutschland zumindest tageweise im Homeoffice arbeiten werden. Firmen, die das anböten, hätten es auch leichter, Fachkräfte zu gewinnen.

Präsenzarbeit hat viele Vorteile

Ähnlich blickt der Leipziger Arbeitspsychologe Hannes Zacher auf das Thema. Ein vollständiger Büroersatz werde das Homeoffice aber nicht. Er gehe zwar davon aus, dass die Akzeptanz weiter steige, das Arbeiten vor Ort aber der Standard bleiben werde. "Die meisten Unternehmen werden wieder zur Präsenz gehen. Das ist aus Forschungssicht auch verständlich, weil Präsenz viele Vorteile hat. [...] Menschliche Zusammenarbeit lebt von diesem direkten Austausch."

Für Menschen, die in Fabriken oder der Pflege arbeiten, ist ohnehin kaum Homeoffice möglich. Wer direkt mit Personen oder Maschinen arbeitet, kann das schlecht von zu Hause aus.

Langfristig könnte Homeoffice dem Klima schaden

Die Politik hat das Homeoffice zuletzt gefördert - auch mit der Begründung, es helfe dem Klima, wenn weniger Menschen zur Arbeit fahren. Doch das stimme womöglich nicht, sagt der Wirtschaftsforscher Waldemar Marz. Denn mit der Aussicht, kaum noch ins Büro zu müssen, wachse bei vielen Beschäftigten das Interesse am Häuschen vor den Toren der Stadt.

"Kurzfristig senkt Homeoffice CO2-Emissionen durch weniger Fahrten. Aber langfristig werden die Pendelwege größer, neue Vororte entstehen und Menschen ziehen mehr aus den Innenstädten raus. Das frisst die anfänglichen Einsparungen auf." Die Emissionen könnten sogar steigen, wenn dadurch der Wohnraum pro Kopf wachse, sagt Marz.

Die Grenze zwischen Arbeit und Freizeit verschwimmt. Das sahen in einer Studie der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung 60 Prozent der Befragten so. Manche Beschäftigte verzichten deshalb aufs Homeoffice. So wie bei der Leipziger Firma Unite: Dort kommen 15 bis 20 Prozent fast täglich ins Büro, obwohl sie auch zu Hause arbeiten dürften.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL | MDR AKTUELL | 29. Mai 2022 | 06:48 Uhr

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