Auslaufende Corona-Hilfen Insolvenzwelle für 2022 befürchtet

Insolvenzrechtler rechnen nächstes Jahr mit deutlich mehr Unternehmenspleiten. Derzeit seien noch Unternehmen am Markt, die bereits vor Corona nicht mehr überlebensfähig gewesen seien. Während der Corona-Krise hätten sie aber etwa mit dem Kurzarbeitergeld noch Möglichkeiten gehabt. Im zweiten Halbjahr 2022 sei dagegen ein deutliches Plus bei insolventen Unternehmen zu erwarten. Bis zu 25.000 Insolvenzen drohen – besonders bei kleinen Unternehmen.

Bis März 2022 hat die geschäftsführende Bundesregierung die Regeln zur Kurzarbeit verlängert. Unternehmen, die von der Coronakrise betroffen sind, sollen so leichter Kurzarbeitergeld für ihre Beschäftigten erhalten. Viele hat das schon in den vergangenen Monaten vor der Pleite gerettet.

Marktprozesse außer Kraft gesetzt

Manche waren aber bereits vor Corona nicht mehr überlebensfähig, sagt Wirtschaftsjurist Michael Pfüller. Er leitet den Leipziger Standort der Kanzlei Voigt Salus, die deutschlandweit Unternehmen und Verbraucher in Insolvenzfragen berät.

Diese Unternehmen würden laut Pfüller ohne Corona-Hilfen nicht mehr existieren: "Bei normalen Prozessen würden die aus dem Markt bereinigt werden. Diese Unternehmen haben nicht großartig produktiv tätig sein müssen: Sie haben trotzdem noch Möglichkeiten gehabt mit dem Kurzarbeitergeld. Das sind Hilfsmittel, die gegebenenfalls an der falschen Stelle angekommen sind."

Bislang keine Pleitewelle

Bisher zeigt sich in der Statistik noch keine Welle von Firmenpleiten. 1.029 Unternehmensinsolvenzen gab es laut Statistischem Bundesamt im vergangenen August: etwa zwei Prozent weniger als noch im August 2020.

Carsten Linnemann, Vorsitzender der Mittelstands- und Wirtschaftsunion von CDU und CSU, sieht die geringe Zahl der Unternehmensinsolvenzen mit Sorge: "Grundsätzlich gehören Insolvenzen zur Sozialen Marktwirtschaft dazu. Es gibt Wettbewerb und die Besseren setzen sich durch. Da muss man jetzt aufpassen, dass man die Programme so schnürt, dass wirklich denen geholfen wird, die aufgrund von Corona Hilfe brauchen und nicht denen, die ohnehin ein nicht tragfähiges Geschäftsmodell haben. Das wäre der falsche Weg."

Kein gesamtwirtschaftliches Problem

Im vergangenen Jahr hätten sich bis zu 25.000 Insolvenzen aufgestaut, sagt Steffen Müller vom Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung in Halle: "vor allen Dingen zum Teil Kleinstinsolvenzen, also von sehr kleinen Unternehmen. Die sind zum Teil jetzt im ersten Halbjahr 2021 nachgeholt worden, zum Teil kommen sie aber auch noch. Das ist allerdings kein gesamtwirtschaftliches Problem, weil die Insolvenzen von kleinen Unternehmen einfach keine wirtschaftliche Bedeutung haben."

Eine große wirtschaftliche Krise sei nicht Sicht, findet Müller. Für viele Unternehmen hätte sich im Frühjahr die wirtschaftliche Lage verbessert. Michael Pfüller von der Kanzlei Voigt Salus glaubt dennoch, dass im nächsten Jahr mehr Insolvenzanträge seine Kanzlei erreichen könnten.

Zunahme der Insolvenzen im 2. Halbjahr 2022

Ein Grund seien steigende Rohstoffpreise: "Wir laufen auf eine Inflation zu. Lieferkettenproblematiken, die wir mitbekommen." Das werde ganz massiv in der Automobilbranche Einzug halten. Auch der Chipmangel bedeute wieder eine Kettenreaktion für die Automobilzulieferer.

Pfüller rechnet spätestens im zweiten Halbjahr 2022 mit einem deutlichen Plus von insolventen Unternehmen.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 28. November 2021 | 10:11 Uhr

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