Hohe Preise auf dem Energiemarkt Lieferstopp von Stromanbietern: Stadtwerke müssen Tausende Kunden übernehmen

Wegen der steigenden Energiepreise mussten viele Billig-Energieanbieter 2021 ihren Kundinnen und Kunden kündigen. Zuletzt traf es den Anbieter Stromio. Nun müssen meist die Stadtwerke die betroffenen Kundinnen und Kunden übernehmen. Für die Stromversorger ist das eine große Belastung. Die Stadtwerke Leipzig haben darum einen deutlich höheren Tarif für Neukunden eingeführt. Auch die Erfurter Stadtwerke planen das.

Kurz vor der Stilllegung produziert das Kohlekraftwerk Mehrum im Landkreis Peine am frühen Morgen noch einmal Strom.
Viele insolvente Billig-Stromanbieter stellen die Grundversorger in den Kommunen in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen vor Herausforderungen. (Symbolbild) Bildrechte: dpa

Nun hat es auch Stromio getroffen: Die Kundinnen und Kunden des Billig-Stromanbieters haben einen Brief mit schlechten Nachrichten bekommen. Stromio kann die Haushalte seit dem 26. Dezember nicht mehr mit Strom versorgen.

So ist es in den vergangenen Wochen und Monaten immer mehr Billig-Stromanbietern ergangen. Der Grund dafür sind die seit Monaten steigenden Energiepreise. Sie machen vielen Strom- und Gasanbietern das Geschäft schwer. Denn wegen der meist auf längere Zeit geschlossenen Verträgen mit festen Preisen können sie die Preiserhöhung nicht an ihre Kunden weitergeben. Gerade für kleinere und Billig-Anbieter ist das ein Problem, weil sie ihren Strom meist kurzfristig einkaufen und dadurch den aktuell hohen Preisen ausgeliefert sind – und das bei der durch die Pandemie steigenden Nachfrage nach Energie.

39 Energielieferanten können keine Energie mehr liefern

Der Hamburger Ökostrom-Anbieter "Smiling Green Energy" musste Mitte Oktober Insolvenz anmelden, Lition Energie aus Berlin ist im November insolvent gegangen und Neckermann Strom hat es im Dezember erwischt. Laut Bundesverband der deutschen Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW) haben in diesem Jahr 39 Energielieferanten, darunter auch Gasversorger, die Belieferung mit Strom eingestellt oder das angekündigt.

Die Kunden der betroffenen Anbieter stehen jetzt zwar nicht ohne Strom da – das regelt das Gesetz. Aber sie verlieren ihren günstigen Tarif und kommen stattdessen in die sogenannte Ersatzversorgung, die meist deutlich teurer ist. Teilweise müssen Kundinnen und Kunden zudem um ihre bereits geleisteten Vorauszahlungen bangen. Zusätzlich nehmen manche Stromanbieter aktuell keine neuen Kunden auf.

Ist Ihr Stromanbieter insolvent? Das rät die Verbraucherzentrale Sachsen:

Hunderttausende Haushalte in Deutschland betroffen

Deutschlandweit liegt die Zahl der betroffenen Haushalte im sechsstelligen Bereich. Für die Grundversorger ist die Situation problematisch: Sie müssen auf einmal deutlich mehr Haushalte versorgen als geplant – und deswegen viel von der aktuell teuren Energie zukaufen.

Ein Problem besteht darin, dass unseriöse Billiganbieter ihre Kunden nicht mehr beliefern, die dann in der Ersatzversorgung landen. Für sie müssen die Unternehmen zu den aktuell extrem hohen Preisen zusätzlich Energie zukaufen – über die von ihnen langfristig für ihren ursprünglich absehbaren Bedarf beschafften Mengen hinaus.

Kerstin Andreae, Geschäftsführerin des BDEW

Der MDR hat Energie-Grundversorger in Thüringen, Sachsen und Sachsen-Anhalt gefragt, was die aktuelle Situation auf dem Strommarkt für sie bedeutet.

Leipziger Stadtwerke führen neuen, höheren Tarif ab Januar 2022 ein

So haben die Leipziger Stadtwerke in Sachsen einen deutlich teureren Tarif für die Kundinnen und Kunden eingeführt, die ab nächstem Jahr bei ihnen mit Strom oder Gas ersatz- und grundversorgt werden. Ab Januar 2022 bezahlen Betroffene bei den Leipziger Stadtwerken dann doppelt so viel für den Grundtarif wie bisher.

Frank Viereckl, Pressesprecher der Leipziger Stadtwerke, erklärt: "Die aktuell vermehrte Einstellung der Energiebelieferung durch einige Energielieferanten stellt die Leipziger Stadtwerke zum Teil vor erhebliche wirtschaftliche Herausforderungen. Obwohl die Leipziger Stadtwerke durch langfristig angelegte Beschaffungsstrategien eine Glättung der Preisentwicklung erreichen konnten, müssen sie für die in die Ersatzversorgung gefallenen Kunden nun Energie zu aktuellen, sehr hohen Marktpreisen beschaffen."

Der neue, teurere Tarif solle nun sicherstellen, dass auch künftig alle Kunden mit Strom beliefert werden können, die in die Ersatz- und Grundversorgung fallen. Und das ohne, dass die Bestandskunden der Stadtwerke dafür mitbezahlen müssen. Seit September haben die Leipziger Stadtwerke nach eigenen Angaben etwa 10.000 Kundinnen und Kunden übernommen, deren eigentlicher Stromanbieter sie nicht mehr versorgen konnte.

Erfurter Stadtwerke planen neuen Tarif ab März 2022

Auch bei den Erfurter Stadtwerken in Thüringen ist ein neuer Tarif in Planung. Ab März 2022 soll er für alle Kunden und Kundinnen gelten, die in die Ersatz- oder Grundversorgung fallen oder einen neuen Vertrag abschließen. Bisher mussten die Erfurter Stadtwerke 3.000 neue Haushalte in die Ersatzversorgung aufnehmen.

Wie hoch der neue Tarif sein wird, steht noch nicht fest. "Da ist derart Dynamik in den Preisen gerade, dass wir das noch nicht sagen können", sagt Karel Schweng, Geschäftsführer der Erfurter Stadtwerke. "In den letzten Wochen hat sich der Preis für Strom pro Woche um 10 Cent pro Kilowattstunde verteuert. Wir wollen noch beobachten, wie sich das entwickelt und ob da die Volatilität noch rausgeht."

Die Preise sind so stark explodiert, wie ich das noch nie erlebt habe – und ich arbeite seit 30 Jahren in der Energie.

Karel Schweng, Geschäftsführer der Erfurter Stadtwerke

Stadtwerke Halle mussten 1.000 Haushalte von Stromio übernehmen

Auch die Stadtwerke in Halle in Sachsen-Anhalt kennen das Problem. Allein vom Anbieter Stromio haben sie etwa 1.000 Haushalte in die Ersatzversorgung übernommen. "Wenn wir kurzfristig zukaufen, müssen wir aktuell für Strom und Gas das Zehnfache des sonst üblichen Preises zahlen. Kaufen wir langfristig, das Vierfache", sagt Olaf Schneider, Geschäftsführer der Energieversorgung Halle GmbH (EVH). Bereits seit Anfang Oktober habe die EVH für andere Versorger einspringen und viele Haushalte spontan mitversorgen müssen.

Bundesregierung soll dazu beitragen, dass weniger Versorgungslücken entstehen

Langfristig müsse die Bundesregierung mithelfen, dass solche Versorgungslücken gar nicht erst entstehen. Da sind sich der Verband kommunaler Unternehmen (VKU), in dem viele Grundversorger organisiert sind, und der BDEW einig.

So sagt Ingbert Liebing, Hauptgeschäftsführer des VKU: "Das Desaster von Anbietern, die mit riskanten Beschaffungsstrategien schnelle Rendite machen wollten, geht voll zulasten der Kunden." Die neue Bundesregierung solle sich Gedanken machen, wie Wettbewerb und das bewährte System der Grundversorgung besser austariert werden könnten. Liebig fordert eine effizientere Aufsicht der Bundesnetzagentur über "unseriöse Anbieter".

Ähnlich formuliert es der BDEW: "Es muss gewährleistet sein, dass Energieanbieter ihrer Lieferverpflichtung nachkommen. Unseriösen Geschäftsmodellen muss Einhalt geboten werden." Dafür brauche es die Unterstützung der Bundesregierung.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version dieses Artikels stand, dass der Stromanbieter Stromio insolvent sei. Das ist falsch. Stromio hat die Stromlieferung eingestellt.

MDR (Alisa Sonntag)

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