Heizöl, Benzin, Raffinerien Welche Auswirkungen hätte ein Ölembargo auf Ostdeutschland?

Aktuell-Redakteure - Lucas Grothe
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In sechs Monaten soll nach Plänen der EU-Kommission kein Rohöl mehr aus Russland in die meisten EU-Staaten fließen. Der Osten Deutschlands war bisher besonders stark von den Importen abhängig – was heißt das Embargo nun für ihn?

Ein Schlauch für die Heizöllieferung an einen Kunden in einem Mehrfamilienhaus ist am Füllstutzen eines Erdtanks befestigt.
Der Osten ist besonders abhängig von russischem Öl – die Preise für Heizöl oder Benzin könnten aber trotz eines Embargos auf dem derzeitigen Niveau bleiben. Bildrechte: dpa

Woher bekommt Ostdeutschland sein Öl bisher – und wo wird es zu Benzin, Heizöl oder Kerosin verarbeitet?

Beim Import von Rohöl gibt es in Deutschland noch immer eine Ost-West-Teilung. Der Westen wird über Pipelines aus Südeuropa sowie die Häfen in Norddeutschland und den Niederlanden versorgt. Das Öl im Osten kam bis zum Angriff auf die Ukraine fast komplett durch die Druschba-Pipeline aus Russland. In Zahlen heißt das: Deutschland insgesamt wurde bis Ende Februar zu 35 Prozent mit Öl aus Russland versorgt, Ostdeutschland fast zu 100 Prozent.

Im Osten wird der Rohstoff in den Raffinerien in Schwedt (Brandenburg) und Leuna (Sachsen-Anhalt) verarbeitet. Schwedt versorgt vor allem den Raum Brandenburg/Berlin mit Benzin, Heizöl und Kerosin. Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen werden vor allem über die Raffinerie in Leuna versorgt. Nach Angaben des dortigen Betreibers, dem französischen Total-Konzern, werden rund 1.300 Tankstellen in Mitteldeutschland mit raffiniertem Kraftstoff aus Leuna versorgt.

Woher soll das Öl in Ostdeutschland künftig kommen – und wo soll es verarbeitet werden?

Wegen der Abhängigkeit von Russland war und ist die Angst vor einem Ölembargo oder vor einem Lieferstopp in Ostdeutschland besonders groß. Nun ist klar: Die Übergangsfristen betragen mindestens ein halbes Jahr, es bleibt also Zeit für die Umstellung. Zudem hat die Bundesregierung seit Kriegsbeginn einiges unternommen, um die Öl-Abhängigkeit von Russland zu beenden. Den Durchbruch haben Gespräche von Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) vergangene Woche in Polen gebracht.

Der Plan der Bundesregierung sieht nun vor, dass die Abnahme von russischem Öl aus der Druschba-Pipeline mittelfristig eingestellt werden soll. Stattdessen soll über Schiffstanker Öl in zwei Pipelines in Rostock und Danzig gepumpt werden. Diese sind wiederum mit der Druschba-Pipeline verbunden – in Schwedt und Leuna könnte dann Rohöl aus anderen Weltregionen verarbeitet werden. Unklar ist aber noch, ob die Ölmengen das Niveau der russischen Lieferungen erreichen können.

Zwei Probleme zeichnen sich aber ab: Die Art des Rohöls und die Besitzerstruktur der Raffinerien. Die Raffinerien im Osten sind auf die Verarbeitung von russischem Öl eingestellt, dem sogenannten "Urals Crude". Öffentlich nicht bekannt ist bisher, welche Umrüstungen in den Raffinerien eventuell nötig sind, um Rohöl aus anderen Weltregionen verarbeiten zu können. Entscheidend sind dabei unter anderem der Schwefelgehalt und die sogenannte Schwere des Öls. Der Energieexperte Steffen Bukold hat dazu Mitte April eine Studie für die Umweltorganisation Greenpeace erstellt. Darin schreibt er, dass saudisches Öl als Ersatz zwar ausscheidet, die Einspeisung von westafrikanischen und amerikanischen Sorten allerdings möglich sei. Die Bundesregierung blieb auf Nachfrage vage, sagt aber, dass hier auch anderes Öl verarbeitet werden könne. Die Raffineriebetreiber äußerten sich bisher nicht dazu.

Als weiterer Knackpunkt gilt die Besitzerstruktur der Raffinerien: Leuna gehört dem französischen Total-Konzern. Der hatte bereits angekündigt, Verträge auslaufen zu lassen und bis Jahresende kein Öl mehr aus Russland beziehen zu wollen. Im Anfang Mai vom Bundeswirtschaftsministerium vorgelegten "Fortschrittsbericht Energiesicherheit" heißt es zudem, dass die Raffinerie in Leuna bereits Öl über den Hafen Danzig erhalte und die Importe aus Russland dadurch halbiert habe.

Anders sieht es bei der Raffinerie in Schwedt aus. Die dort verarbeitende "PCK Raffinerie GmbH" gehört mehrheitlich dem russischen Rosneft-Konzern. Eigentlich wollte der niederländische Mineralölkonzern Shell seine verbliebenen Anteile von mehr als 30 Prozent sogar an Rosneft verkaufen, der Deal wurde allerdings kurz nach der russischen Invasion vom Bundeswirtschaftsministerium gestoppt und wird derzeit geprüft. Dennoch bleibt ein Problem: Rosneft wird kaum ein Interesse haben, dass in Schwedt künftig Öl verarbeitet wird, dass nicht aus Russland kommt. Direkte Gespräche zwischen der PCK-Geschäftsführung und der Bunderegierung gibt es derzeit offenbar nicht.

Letztlich könnte es deshalb sogar zu einer Enteignung kommen. Dafür will die Bundesregierung bald eine Änderung des Energiesicherheitsgesetzes von 1975 beschließen. Um die Versorgungssicherheit zu gewährleisten, können dadurch Unternehmen der kritischen Infrastruktur treuhänderisch verwaltet oder eben enteignet werden.

Werden durch das Ölembargo die Preise für Heizöl, Benzin oder Diesel steigen?

Hier gibt es derzeit die meisten Fragezeichen. Kurzfristig scheinen auf Verbraucher und Unternehmen höchstens geringfügig höhere Preise zuzukommen. Am Dienstagabend war der Preis für ein Barrel der Nordsee-Rohöl-Sorte Brent sogar leicht gefallen, am Mittwoch gab es dann einen leichten Anstieg. Der Preis liegt aber immer noch deutlich unter dem Preis von Anfang März – kurz nach Beginn des Krieges. Aus dem Rohöl werden in den Raffinerien unter anderem Benzin, Heizöl oder Vorprodukte für chemische Erzeugnisse hergestellt.

Dominik Möst ist Professor an der Technischen Universität Dresden und beschäftigt sich dort mit der Energiewirtschaft. Dem MDR sagte er, das Ölembargo sei in den Ölpreisen bereits antizipiert, also im derzeitigen Preis mitberechnet. Deutliche Steigerungen seien deshalb wegen der aktuellen Ankündigung eines Embargos nicht zu erwarten. Die Situation ließe sich allerdings nur schwer vorhersagen, denn laut Möst spielen mehrere Einflussfaktoren eine Rolle: "Wieviel des russischen Angebots kann auf den weltweiten Erdölmärkten anderweitig genutzt werden und wieviel zusätzliche Mengen können andere Förderländer auf der Angebotsseite zur Verfügung stellen? Auf der Nachfrageseite spielt die Entwicklung der Erdölnachfrage eine Rolle, insbesondere in China vor dem Hintergrund der scharfen Corona-Politik."

Heizöl für das Einfamilienhaus
Ob Heizöl durch das Embargo teurer würde, lässt sich schwer vorhersagen. Bildrechte: dpa

Könne Russland sein Öl anderweitig auf dem Weltmarkt verkaufen und die Nachfrage in China bleibe wegen vieler Corona-Lockdowns geringer, dann werde der Preis tendenziell sogar sinken, sagt Möst. Oder aber in China steige die Nachfrage stärker und Russland könne sein Öl nicht anderweitig verkaufen – es fehle damit auf dem Weltmarkt. Dann sei eine Steigerung zu erwarten. Die USA und China hatten zuletzt außerdem Teile ihrer strategischen Ölreserven freigegeben.

Allerdings: Der Energieexperte Steffen Bukold hatte in seiner Studie für Greenpeace geschrieben, dass die Umstellung auf Ersatzölsorten für die ostdeutschen Raffinerien die Preise leicht ansteigen lassen könnte. Und auch Dominik Möst sieht Infrastruktur und Logistik als Problem, also wie das Öl zu den Raffinerien kommen soll. Je nach Geschwindigkeit des Embargos müssten in Ostdeutschland mehr Erdöl oder Folgeprodukte wie Diesel und Benzin nachgekauft werden, was sich in leicht höheren Preisen niederschlagen könnte.

Das Bundeswirtschaftsministerium schrieb im "Fortschrittsbericht Energiesicherheit", dass ein Ölembargo mit ausreichender Übergangsfrist in Deutschland "unter Inkaufnahme steigender Preise" handhabbar sei.

In einem Bericht für den Bundestagsausschuss für Klimaschutz und Energie, der dem MDR vorliegt, hatte das Wirtschaftsministerium Ende April geschrieben, dass zwar die Voraussetzungen dafür geschaffen wurden, um mit einer Anpassungsfrist ohne russische Öl-Importe zurechtzukommen, dies aber "mit deutlich höheren Preisen und (ohne substanzielle Maßnahmen zur Verbrauchsreduktion) voraussichtlich mit regionalen, temporären Mangelsituationen verbunden wäre". Es sei davon auszugehen, dass die steigende Nachfrage das aktuell sehr hohe internationale Ölpreisniveau weiter stützen würden. "In der Folge dürften die inländischen Kraftstoff- und Heizölpreise weiter steigen", heißt es weiter. Unklar bleibt allerdings, ob dies wirklich eintritt – und ob es eventuell sogar Preisunterschiede zwischen Ost- und Westdeutschland geben könnte.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 04. Mai 2022 | 15:00 Uhr

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