Probleme mit den Lieferketten Unternehmen entdecken Produktionsstandort Deutschland wieder

Seit Monaten hakt es in Deutschlands Industrie. Denn wichtige Vorprodukte aus dem Ausland kommen mit massiver Verzögerung. Mal kann eine Lieferung einen chinesischen Hafen nicht verlassen, weil der wegen Corona geschlossen wurde. Mal gibt es keine Frachtschiffe, die gewünschtes Material von Südamerika nach Europa bringen. Angesichts dessen fragen sich immer mehr Unternehmer: Macht es nicht Sinn, Produkte wieder selbst in Deutschland herzustellen?

Kontrollstation Infineon Dresden
Unternehmen produzieren wieder zunehmend in Deutschland. So wie der Chiphersteller Infineon in Dresden. Bildrechte: Infineon Technologies AG

Ralf Nolte hat es getan. Er hat Pläne für ein Werk in Brasilien wieder in die Schublade geschoben, das bereits gekaufte Grundstück unbebaut gelassen und nachgedacht. Nun eröffnet sein neues Werk für Zitrus-Aromen nächste Woche doch wieder in Thüringen. Dort, wo seine Firma MCI Miritz ihren Sitz hat. Kirchgandern statt Sao Paolo.

Geschäftsführer Nolte bereut die Entscheidung nicht: "Wir haben uns vor allem für Deutschland entschieden aufgrund der großen kulturellen Unterschiede zwischen Südamerika und Deutschland, aufgrund von Sprachbarrieren. Teilweise aufgrund von Korruption und vor allem aus den Gründen, dass wir hier wissen, was wir an unseren Mitarbeitern haben."

Deutschland wird als Produktionsstandort wiederentdeckt

Tatsächlich entdecken diverse Firmen Deutschland als Produktionsstandort wieder. C&A lässt in Mönchengladbach Jeans nähen. CATL baut in Erfurt bald Batterien. Infineon produziert mehr und mehr Chips in Dresden. Vor allem wegen Lieferproblemen im Zuge der Corona-Krise dächten etliche Unternehmer darüber nach, Produktion wenigstens teilweise zurück zu holen, sagt die Ökonomin Dalia Marin.

Marin erklärt: "Neunzehn Prozent der Industrieunternehmen sagen, dass sie nach Deutschland zurückverlagern. Davon verlagern zwölf Prozent der Industrieunternehmen zu deutschen Zulieferern zurück. Also sie produzieren die Vorleistung nicht selbst, sondern lassen diese Vorleistung statt von einem chinesischen Lieferanten von einem deutschen Lieferanten produzieren. Und sieben Prozent sagen, sie verlagern zurück und produzieren die Vorleistung selbst."

Möglich werde die Rückverlagerung durch Technik, sagt Marin. Da immer mehr Arbeit von Robotern erledigt werden könne, seien teure deutsche Arbeitsplätze kein großes Problem mehr. Die Werke in Deutschland könnten zu ähnlichen Preisen produzieren wie die in Asien.

Viele Arbeitsplätze hängen am Exportgeschäft

Beim Deutschen Industrie- und Handelskammertag sieht man das nicht ganz so. Melanie Vogelbach spricht von Einzelfällen. Und sie will auch nicht, dass es zum Trend wird, möglichst viel Produktion ins Heimatland zu holen. "Wir importieren natürlich viel aus dem Ausland, das ist so. Und deswegen sind wir da bei Lieferketten-Störungen auch betroffen", sagt Vogelbach. "Aber wir profitieren von den internationalen Lieferketten und der global vernetzten Wirtschaft auch sehr."

In Deutschland hingen ein Viertel aller Arbeitsplätze am Export, in der Industrie sei es sogar jeder zweite Arbeitsplatz. Und das heiße, wir leben auch sehr gut von dieser internationalen Arbeitsteilung.

Ifo-Institut befürchtet Wirtschaftseinbußen

Ähnlich sieht es das ifo-Institut. Es prognostiziert, dass Deutschland zehn Prozent seiner Wirtschaftskraft einbüßen könnte, wenn wichtige Industriegüter nur noch hier produziert würden. Gunter Erfurt hat sich trotzdem für Sachsen-Anhalt entschieden.

Der Chef von Meyer Burger lässt bei Thalheim wieder Solarzellen herstellen. Dabei war die Produktion hier schon totgesagt. "Wir haben mittlerweile gelernt, dass große Abhängigkeiten bestehen weltweit. Und Solarenergie ist eine Zukunftsenergie. Wahrscheinlich sogar die bedeutungsvollste in der Energiewende", sagt Erfurt. Und da mache es absolut Sinn, diese Produkte auch wieder hierzulande zu fertigen.

Bis Jahresende will Gunter Erfurt 1,4 Gigawatt Produktionskapazität aufbauen. Das sei mehr als jemals im Solar Valley gefertigt wurde. Erfurt weiß, dass man nicht alles in Deutschland herstellen kann. Auch er bezieht Teile aus dem Ausland. Und doch findet er: "Made in Germany" hat wieder einen guten Klang.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL | 10. Februar 2022 | 06:08 Uhr

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