Ukraine-Krieg Was bedeutet ein Energie-Embargo für die deutsche Wirtschaft?

Die Debatte um einen Importstopp für russische Energie wird hitziger. Besonders die mitteldeutsche Wirtschaft ist besorgt. Laut Leopoldina und dem Wirtschaftsministerium sei aber im Ernstfall die Versorgungssicherheit mittelfristig garantiert.

Die europäischen Sanktionen haben Russland bereits hart getroffen. Doch durch die zunehmende Brutalität der russischen Offensive werden die Forderungen innerhalb der EU nach noch härten Maßnahmen lauter. Einige Mitgliedsländer fordern sogar einen Energie-Embargo gegenüber Russland. Dem schließt sich auch die Ukraine an. Damit ginge auch ein Importstopp für russische Energieträger wie Öl und Gas einher.

Bundesregierung bisher zurückhaltend

Die Bundesregierung hat sich bisher allerdings zurückhaltend gegenüber solchen Vorschlägen gezeigt. Bundesfinanzminister Lindner betonte jedoch, dass diese Option nicht kategorisch abgelehnt werde. Diese Entwicklungen sorgen für gespaltene Reaktionen. Politik und Wissenschaft sind zuversichtlich, dass die deutsche Wirtschaft ein kurzzeitiges Embargo verkraften kann. Bis zum nächsten Winter soll die Versorgung gewährleistet sein. So schätzt auch die Nationale Akademie der Wissenschaften, die Leopoldina in Halle an der Saale, die Situation ein. Dagegen sieht die Industrie sich durch höhere Energiepreise und Versorgungsmangel ihre Existenz bedroht.

Robert Habeck
Robert Habeck (Bündnis 90/Die Grünen), Bundesminister für Wirtschaft und Klimaschutz, steigt auf dem militärischen Teil des Flughafen Berlin Brandenburg in ein Flugzeug der Flugbereitschaft der Bundeswehr, um nach Doha (Katar) zu fliegen. Bildrechte: dpa

Industrie fürchtet Versorgungsengpässe

34% seines Erdöls importiert Deutschland aus Russland – im Jahr 2021 immerhin knapp 28 Millionen Tonnen. Beim Erdgas waren es 2020 mit 56 Milliarden Kubikmetern sogar 55%. Auf über ein Drittel dieser Gaslieferungen ist die Industrie angewiesen – entweder als Energielieferant oder als Rohstoff zur Weiterverarbeitung.

Im privaten Sektor ist Gas als allererstes Wärmelieferant. Sollte es aber wirklich zu einem Lieferstopp von russischen Energieträgern kommen, wären zuerst die Unternehmen betroffen. Denn laut Bundesnetzagentur müsse zunächst die Versorgungssicherheit der Privathaushalte vorrangig gewährleistet sein.

Ausbleibende Lieferungen könnten Mittelstand schädigen

Müssten in diesem Fall Unternehmen für längere Zeit vom Netz genommen werden, hätte das für sie schlimme Konsequenzen, so Markus Krebber, Vorsitzender des Energiekonzerns RWE: "Eine längere Lieferunterbrechung würde die Produktionsanlagen der Industrie und des Mittelstands nachhaltig schädigen." Und auch EON-Chef Leonhard Birnbaum teilt diese Befürchtung: "Wenn wir Industriebetriebe für drei Monate abschalten, reden wir von Existenzen."

Wenn wir Industriebetriebe für drei Monate abschalten, reden wir von Existenzen.

Leonhard Birnbaum, Chef vom Energiekonzern Eon

Viele Industrien sind von einer dauerhaften Versorgung abhängig. Stehen dort die Maschinen erst still, sind nicht nur die Betriebe, sondern auch all damit verbundenen Unternehmen betroffen. Es ist also nicht verwunderlich, dass Unternehmen skeptisch auf die Sanktionspolitik schauen.

Furcht um Chemieindustrie

Einige treffen solche Sanktionen allerdings härter als andere – so wie die Chemieindustrie. Sie ist nicht nur auf Gas und Öl als Energielieferant angewiesen. Das Gas dient hier auch als Rohstoff, wie für die Produktion von Stickstoffdünger. Denn ohne das Gas kann der dafür notwendige Ammoniak nicht hergestellt werden. In Piesteritz in Sachsen-Anhalt wird genau das gemacht und dazu bedarf es ungemeiner Mengen an Erdgas. Doch was passiert, wenn solche Unternehmen nicht mehr beliefert werden können? "In dem Szenario würden wir zusätzlich schweren, schweren Schaden nehmen", sagte Christof Günther, energiepolitischer Sprecher des Verbandes der Chemischen Industrie Nordost und Betreiber der InfraLeuna.

Diese Befürchtung teilt auch der Verband der Chemischen Industrie. Dieser hatte der Branche in Deutschland für 2022 ursprünglich fünf Prozent Umsatzwachstum und zwei Prozent Produktionsplus vorausgesagt. Doch vor dem Hintergrund des Ukraine-Konflikts wurde das wieder revidiert. "Unsere Wettbewerbsfähigkeit droht, verloren zu gehen", befürchtet Günther, denn die erhöhten Energie- und Fertigungskosten würden es ihnen unmöglich machen, langfristig mit Billigproduzenten wie Asien konkurrieren zu können. Dort sei die Energie nämlich weiterhin günstig.

Ostdeutschland besonders betroffen

Gerade in den neuen Bundesländern hängt viel an der Chemie. Mit 160 Betrieben und 65.000 Beschäftigten ist die Chemiebranche ein wichtiger Eckpfeiler der mitteldeutschen Wirtschaft. So ist neben Piesteritz ist auch der Standort Leuna ein wichtiger Knotenpunkt der Branche. Auf dem 300 Hektar großen Gelände befinden sich ca. 100 Firmen mit mehr als 12.000 Beschäftigten. Im Chemiepark Leuna entsteht Wasserstoff.

Der Wasserstoff dient dann anderen Betrieben als Energielieferant. Rund 40 Prozent des dort angelieferten Gases wird zu Wasserstoff verarbeitet. "Und ein Stopp dieser Lieferung wäre ein Riesenproblem. Wir könnten schlicht die Produktion nicht aufrecht erhalten." Der Ausfall der Produktion in Leuna würde wiederum andere Betriebe beeinflussen, so zum Beispiel in Zeitz. Das erklärt Arvid Friebe, Manager des Industrie- und Chemiepark Zeitz: "Gehen in Leuna die Lichter aus, gehen sie auch in Zeitz aus. […] Wenn der Wasserstoff aus Leuna nicht kommt, können die Betriebe hier am Standort in Zeitz auch nicht mehr produzieren."

Doch auch in Leuna selbst wird gebangt. Der Betrieb Harze Leuna ist auf andauernde Lieferungen angewiesen und das nicht nur, weil er so viel Strom wie Merseburg verbraucht. Die 200 Mitarbeiter müssen hier dauerhaft produzieren, da ihre Erzeugnisse nicht ewig haltbar und ihre Lagerkapazitäten begrenzt sind. Laut Geschäftsführer Klaus Paurs sind die Lieferungen an russischem Gas unersetzlich.

Kritik aus den Bundesländern

Sachsen-Anhalts Energieminister Armin Willingmann (SPD) kritisiert die Energiepolitik der letzten Jahre – besonders im Hinblick auf deutsche Abhängigkeit von russischen Importen. Er betrachtet das potenzielle Ausfallen der russischen Energielieferungen als problematisch. Auch wenn die Versorgung durch die Energiespeicher für einige Wochen gewährleistet sei, so sieht Willingmann darin keine Lösung des Energieproblems. Stattdessen spricht er sich für eine mittelfristige Umstrukturierung der Energiewirtschaft aus: "Wir müssen die Entwicklung Richtung Wasserstoff vorantreiben".

Auch Willingmanns SPD-Parteigenosse und Ministerpräsident von Brandenburg, Dietmar Woidke, hält den Energie-Embargo für risikoreich und hofft, "dass wir uns auf Bundesebene im Klaren darüber sind, dass uns ein völliger Stopp der Energielieferungen vor große Probleme stellen würde". Das sagte er dem Handelsblatt.

Wir müssen die Entwicklung Richtung Wasserstoff vorantreiben.

Armin Willingmann, Energieminister in Sachsen-Anhalt

Denn auch für das Land Brandenburg sind Öl und Gas essenziell. In Schwedt beispielsweise bereitet die PCK-Raffinerie Öl zu Kraftstoffen und Heizöl auf. Wie auch Leuna bezieht sie ihr Öl dabei direkt aus Russland. Sollte der Betrieb durch Einstellung der Lieferungen nicht weiter produzieren können, hätte das Folgen – nicht nur für den Betrieb selbst, erklärt Woidke: "Davon hängen ganze Produktionsketten und die Versorgung in Nordostdeutschland einschließlich des Flughafens Berlin Brandenburg ab. Wir sind also im Moment auch da auf russische Lieferungen angewiesen."

Habeck auf der Suche nach der Energie

Um die Versorgung unabhängig von Russland zu sichern, befindet sich der Bundeswirtschaftsminister derzeit auf "Shopping Tour". Dabei sollen Energielieferanten akquiriert werden – auch im nahen Osten. Dort wurde bereits eine Vereinbarung mit Katar ausgehandelt, Deutschland mit Flüssiggas (LNG) zu versorgen. Diese soll den Grundstein für eine langfristige Zusammenarbeit legen. Im Gegenzug unterstützt Deutschland vor Ort den Ausbau erneuerbarer Energien.

Außerdem bestünden laut Habeck Möglichkeiten zur Kooperation zwischen deutschen Firmen und Katar, besonders im Bereich der Medizintechnik. Weitere Gespräche führte der Wirtschaftsminister mit Vertretern der Vereinigten Arabischen Emirate. Dort wird über eine Kooperation im Bereich des grünen Wasserstoffs verhandelt.

Quelle: MDR-Wirtschaftsredaktion

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 16. März 2022 | 08:12 Uhr

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