Weniger Ausbildungsbetriebe Mangelnde Ausbildungsmoral – Wirtschaft weist Vorwurf von sich

Juso-Chefin Rosenthal hatte vor wenigen Tagen bei MDR AKTUELL die Ausbildungsmoral von Unternehmen kritisiert. Sie würden sich zunehmend aus der Verantwortung stehlen und kaum noch Lehrstellen anbieten. Der Zentralverband des Handwerks, die IHK Chemnitz und der Hotel- und Gaststättenverband (Dehoga) wollen das nicht auf sich sitzen lassen.

Eineinhalbtausend Unternehmerinnen und Unternehmer könnten sich durchaus von dem Vorwurf der Juso-Chefin Jessica Rosenthal angesprochen fühlen. Denn so viele Ausbildungsbetriebe weniger gab es 2019 im Vergleich zum Vorjahr. Das ist ein Rückgang um 0,4 Prozent. So steht es im Berufsbildungsbericht des Bildungsministeriums. Diese Zahl gibt Rosenthal also recht.

Zentralverband des Handwerks widerspricht

Hans Peter Wollseifer
Hans Peter Wollseifer vom Zentralverband des Handwerks Bildrechte: dpa

Dennoch ärgert sich Hans Peter Wollseifer, Präsident des Zentralverband des Handwerks, über den Vorwurf der Juso-Chefin und vermutet ein "Informationsdefizit bei Frau Rosenthal".

Wollseifer betont mit Blick auf die Ausbildungssituation, ganz das Gegenteil der Vorwürfe sei der Fall. Das Handwerk sei grundsätzlich anders, man tue "eine ganze Menge" für die Ausbildung.

Ich denke, Frau Rosenthal wird ein Informationsdefizit haben.

Peter Wollseifer Zentralverband des Handwerks

Unverständnis bei der IHK Chemnitz

In Ostdeutschland ist die Zahl der ausbildenden Betriebe zuletzt leicht angestiegen. Die Kritik der Juso-Chefin Rosenthal kommt daher bei Gabriele Hecker, Geschäftsführerin Bildung bei der IHK Chemnitz, ebenfalls nicht gut an. Sie sagt MDR AKTUELL, die Aussage könne man nicht bestätigen. Das Gegenteil sei der Fall: "Unsere Unternehmen sind nach wie vor sehr daran interessiert, selbst auszubilden."

Auch Sandra Warden, Geschäftsführerin des Hotel- und Gaststättenverbandes (Dehoga) reagiert verwundert und mit wenig Verständnis. Sie verweist dabei auf das "Gastgewerbe als starke Ausbildungsbranche", das seit vielen Jahrzehnten sehr viele Ausbildungsplätze anbiete.

Corona-Pandemie als Ausbildungsbremse

Neben den ausbildenden Betrieben wird auch jährlich die Zahl der verfügbaren Ausbildungsplätze erhoben. Hier gibt es neuere Daten, die bis in die Corona-Zeit reichen. Das Bundesinstitut für Berufsbildung, kurz BIBB, verzeichnet demnach für 2020 neun Prozent weniger Stellen als im Vorjahr.

Im Gastgewerbe erkläre sich das aber sehr einfach durch Corona, sagt die Dehoga-Vorsitzende Warden. Denn im Frühjahr, als die Stellen besetzt werden sollten, seien Restaurants und Hotels noch geschlossen gewesen. Dass man da natürlich weniger Ausbildungsplätze angeboten habe als in einem normalen Jahr, sei sehr normal und sehr verständlich, betont Warden und verweist zugleich auf eine sinkende Zahl der Bewerber. Diese sei viel stärker rückläufig als die Zahl der Ausbildungsplätze. Da liege das eigentliche Problem.

Mangel an Azubis – nicht an Plätzen

In dieser Einschätzung sind sich alle Befragten einig, und auch in der Statistik des BIBB spiegelt sich das wieder.

«Azubis gesucht» steht auf einem Banner am Stand einer Firma beim Forum Berufsstart Mitteldeutschland in Erfurt.
Mangel an Azubis als das eigentliche Problem Bildrechte: dpa

Handwerkspräsident Wollseifer berichtet, dass fast jeder zweite Betrieb noch einen oder eine Auszubildende sucht.

Wollseifer zufolge ist das Angebot da, es gebe eher das Nachfrageproblem. Wenn es eine Verantwortung gebe und vielleicht auch ein Defizit, liege das vielleicht auf der politischen Ebene. Von dort müsste noch mehr kommuniziert werden, dass die berufliche gleichwertig mit der akademischen Bildung sei und es auch dort beste Karrieremöglichkeiten gebe.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 03. Oktober 2021 | 05:00 Uhr

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