Azubi-Umfrage Lehrlinge in Sachsen-Anhalt brauchen immer länger zur Berufsschule

Ein Mann mittleren Alters und mit kurzem Haar schaut in die Kamera
Bildrechte: MDR/Alexander Kühne

Fast die Hälfte der Azubis in Sachsen-Anhalt fährt länger als eine Stunde zur Berufsschule. Tendenz: Steigend. Diese Fahrten sind unnötig und gefährden die Attraktivität der Lehre, meint Simone Danek von der IHK. Das Land sieht jedoch keinen Handlungsbedarf.

Auszubildende sitzen im Unterricht
Bis Azubis im Unterrichtsraum sitzen, kann in Sachsen-Anhalt einige Zeit vergehen. (Symbolbild) Bildrechte: dpa

"In Loburg ist die Welt zu Ende", sagt der Rufbusfahrer, als Josefine Scholz zu ihm ins Taxi steigt. Sie kennen sich schon. Oft hat er die 17-Jährige eingesammelt, um sie ein Stück auf ihrer täglichen Odyssee zu begleiten. Die angehende Verkäuferin muss um 3:30 Uhr in der Nacht aufstehen, damit sie pünktlich zum Unterrichtsbeginn um 8 Uhr in der Berufsschule ist. "Als ich die Ausbildung angefangen habe und es dann hieß, die Berufsschule ist in Köthen, musste ich erstmal schlucken", erzählt Josefine, die jeden Tag um 20:30 Uhr ins Bett gehen muss.

Fast die Hälfte der Azubis ist über eine Stunde unterwegs

Josefine Scholz sitzt auf dem Weg zur Berufsschule in einer Bahn.
Damit sie pünktlich in der Berufsschule ist, startet Josefine Scholz morgens um 3:30 Uhr in den Tag. Bildrechte: MDR / Alexander Kühne

Josefine Scholz ist kein Einzelfall. Landesweit müssen 40 Prozent der Azubis länger als eine Stunde fahren, um zur Berufsschule zu kommen. Für die meisten Arbeitnehmer ist ein solcher Arbeitsweg normal. Simone Danek, Geschäftsführerin für Aus- und Weiterbildung bei der Industrie- und Handelskammer (IHK) Halle-Dessau, findet das unzumutbar.

Wir reden von Auszubildenden, die 16 bis 17 sind. Wenn man sich da nicht bewegt, führt das dazu, dass in manchen Berufen die Ausbildung einfach nicht zustande kommt.

Simone Danek IHK Halle-Dessau

Gerade sind die aktuellen Umfragen von den Azubis zurückgekommen und werden jetzt ausgewertet. Die Ursachen für die langen Wege sind laut Danek vielfältig. Hauptgrund sei der demografische Wandel. Die Zahl der Lehrlinge sei in den letzten Jahrzehnten kontinuierlich gesunken. Klassen seien daraufhin zusammengelegt und ganze Berufsschulen mangels Schülern geschlossen worden. Es gebe aber auch eine 30 Jahre alte Landkreisregel, die für viele Lehrlinge zu einer unnötig langen Fahrtzeit führe.

Das Land sieht keinen Handlungsbedarf

Diese Landkreisregel betrifft auch Josefine Scholz, die vom Taxi in den Bus nach Zerbst steigt. Die nächstgelegene Berufsschule befindet sich genau in entgegengesetzter Richtung, nämlich in Burg. "Mein Bruder geht dort zur Schule, der fährt erst 6:30 Uhr los. Das ist schon ein Unterschied", erzählt Josefine, die seit 5 Uhr unterwegs ist. Burg liegt im Jerichower Land. Doch Josefine muss im Kreis Anhalt-Bitterfeld in die Berufsschule gehen, weil sich dort ihr Ausbildungsbetrieb befindet.

Diese Regel hat vor 30 Jahren Sinn gemacht, aber da gab es viel mehr Azubis und kleinere Landkreise. Jetzt verschärft die Regel das Problem.

Simone Danek IHK Halle-Dessau

Die IHK versucht diesbezüglich seit Jahren auf das Bildungsministerium einzuwirken. Doch in den Amtsstuben wird die Regel nicht als Problem wahrgenommen. "Es wird mit dem Ausbildungsplatzprinzip angestrebt, dass alle Auszubildenden eines Betriebes gemeinsam im jeweiligen Ausbildungsjahr an einer berufsbildenden Schule unterrichtet werden, auch wenn die Auszubildenden ggf. in einem anderen Landkreis ihren Hauptwohnsitz haben", heißt es dazu aus dem Bildungsministerium.

Wie viel Fahrtzeit ist zumutbar?

Nur in Härtefällen ab 90 Minuten Fahrtzeit lässt das Schulgesetz Ausnahmeregelungen zu. Nach 90 Minuten ist Josefine in Dessau am Bahnhof angekommen. Auch hier befindet sich eine Berufsschule, die sie nicht besuchen darf. "Theoretisch könnte ich eine Stunde später fahren und wäre dann rechtzeitig hier", ärgert sich Josefine, während sie eine halbe Stunde auf den Anschlusszug nach Köthen wartet. Viel Freizeit gehe so für sie verloren. Mit ihrem früheren Hobby, dem Bowlen, habe sie schon aufgehört.

Sebastian Becker, Marktleiter in Zerbst
Marktleiter Sebastian Becker hat schon mehrfach versucht, Ausnahmen für seine Azubis zu ermöglichen – ohne Erfolg. Bildrechte: MDR/Alexander Kühne

Ihr Chef, Sebastian Becker, Leiter des Edeka Center Becker in Zerbst, hat schon oft versucht für viele seiner Azubis eine Ausnahmeregelung nach Dessau zu bekommen, doch der Landkreis mauert. "Da hieß es immer, wenn wir unsere Azubis nach Dessau geben, dass dann der Landkreis Anhalt-Bitterfeld seine Berufsschulen nicht mehr voll bekommt", erzählt Becker. Außerdem müsste der Landkreis für jeden Azubi Schulgeld an Dessau überweisen.

Kurz nach 7 Uhr kommt Josefine endlich an ihrem Ziel an. In ihrer Klasse hält sie den traurigen Rekord mit der längsten Anfahrtszeit. Glücklicherweise machen ihre Mitschüler jetzt nach und nach ihre Führerscheine, sodass Fahrgemeinschaften gebildet werden können. Auch Josefine möchte, sobald sie 18 ist, nicht nur ihren Führerschein machen, sondern auch nach Zerbst ziehen. Dann hätte sie endlich mal Zeit für sich.

MDR (Alexander Kühne, Maren Wilczek, Fabian Frenzel)

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