Nach Fund von Neugeborenen in Halle Warum trotz Babyklappen Kinder ausgesetzt werden

Zwei Babys sind kürzlich in Halle innerhalb weniger Tage ausgesetzt worden. Um Neugeborene vor solch einem Schicksal zu schützen, gibt es Babyklappen und vertrauliche Geburten. Die Angebote werden jedoch wenig genutzt. Ein möglicher Grund ist die ländliche Struktur in Sachsen-Anhalt. Zudem sind manche Frauen mit solchen Angeboten schwer erreichbar.

Babyarm mit Armband
Wer sein Neugeborenes anonym abgeben will, kann es in die Babyklappe geben oder sich vorab für eine vertrauliche Geburt entscheiden. (Symbolbild) Bildrechte: Colourbox.de

  • In Sachsen-Anhalt gibt es Angebote wie Babyklappen, Babynester und vertrauliche Geburten für Mütter in Not, damit diese ihre Babys nicht aussetzen wie neulich in Halle geschehen.
  • Diese Angebote werden selten genutzt, ein möglicher Grund liegt in der ländlichen Struktur des Bundeslandes.
  • Fälle von Kindsaussetzung wie in Halle werde es trotz der Angebote immer wieder geben, vermutet der Sprecher des Krankenhauses St. Elisabeth und St. Barbara Halle.

Kurz nach Weihnachten berichteten in Halle Polizei und Staatsanwaltschaft von einem grausigen Fund: An einem Wertstoffhof war eine Babyleiche entdeckt worden. Nur einen Tag später wurde aus Halle-Neustadt der Fund eines weiteren Neugeborenen gemeldet, dieses Kind überlebte. Weshalb die Kinder ausgesetzt wurden, ist bislang unklar. Möglicherweise hätte eines der Angebote für Mütter in Not die Kinder schützen können: eine Babyklappe oder eine vertrauliche Geburt.

Auflistung aller Babyklappen in Sachsen-Anhalt
Babyklappen in Sachsen-Anhalt Bildrechte: MDR/Fabian Frenzel

Vier Babyklappen gibt es in Sachsen-Anhalt. Sie werden jedoch selten genutzt. Zwischen 2001 und 2020 meldeten Adoptionsvermittlungsstellen nur 37 Säuglinge, die sie aus Babynestern entgegennahmen. Das teilt Landesverwaltungsamt mit. Allerdings sind die Angaben der Vermittlungsstellen freiwillig, die tatsächliche Zahl kann also höher sein. Anonyme Geburten gibt es ebenfalls selten. Statistisch gesehen fanden pro Jahr etwa drei Kinder aus anonymen Geburten Adoptivfamilien. Für die vertrauliche Geburt, die es seit 2014 gibt, entschieden sich Mütter in Not im Schnitt nur zweimal pro Jahr.

Dabei sind die Angebote gut auffindbar. Im Internet landet man mit Suchmaschinen schnell auf Informationsseiten wie dem Hilfetelefon Schwangere in Not. Beratungsstellen und Hebammen kennen die konkreten Angebote in ihrer Nähe.

Babyklappe, anonyme Geburt, vertrauliche Geburt

Bei einer Babyklappe legt die Mutter ihr Neugeborenes unbeobachtet in ein Wärmebettchen hinter einer Stahlklappe. Es wird dann versorgt und später zur Adoption freigegeben – sofern die Mutter es nicht innerhalb von acht Wochen zurückhaben möchte. Babyklappen sind vom Gesetz her nicht erlaubt, werden aber geduldet, um Kindstötungen zu verhindern. Kritiker bemängeln, dass die Frauen ihre Kinder ohne medizinische Unterstützung gebären, es keine einheitlichen Standards gibt und dass die Kinder nie etwas über ihre Herkunft erfahren können.

Bei der anonymen Geburt bringt die Mutter in einem Krankenhaus zur Welt, gibt aber ihre Identität nicht bekannt. Auch hierfür gibt es keine rechtliche Grundlage, und die Kinder erfahren nie, woher sie stammen.

Mit der vertraulichen Geburt gibt es seit 2014 eine rechtssichere Alternative. Dabei bringt die Mutter ihr Kind in einer Klinik oder bei einer Hebamme zur Welt und gibt Informationen zu ihrer Identität nur einer Beraterin. Diese schließt sie 16 Jahre lang weg, danach darf das Kind sie einsehen.

In Großstädten funktioniert Anonymität anders als im ländlichen Raum.

Dr. Thomas Beier, Gesundheitszentrum Bitterfeld-Wolfen

Ein möglicher Grund für die seltene Nutzung von Babyklappen und vertraulichen Geburten liegt in der ländlichen Struktur in Sachsen-Anhalt. In Bitterfeld-Wolfen, der mit Abstand kleinsten Stadt mit einem Babynest in Sachsen-Anhalt, hat seit 2009 erst eine Mutter ihr Kind dort abgegeben. Der Chefarzt der Kinderklinik im Gesundheitszentrum Bitterfeld-Wolfen, Dr. Thomas Beier, erklärt sich das so: "Babyklappen wurden ursprünglich in Großstädten angeboten. Dort funktioniert Anonymität anders als im ländlichen Raum, wo jeder weiß, wer schwanger ist." Trotzdem, sagt er, sei es gut, dass es das Angebot gebe – zur Sicherheit für den Fall, dass es doch einmal jemand braucht.

Ein Schild mit der Aufschrift 'Babykorb' am Gebäude der Erfurter Frauenklinik, 2001
In Sachsen-Anhalt gibt es vier Babyklappen. Bildrechte: IMAGO

Auch im eher kleinen Dessau-Roßlau wird das Angebot verhalten angenommen. Das Städtische Klinikum Dessau zählte in den vergangenen zwei Jahren nicht ein Kind in der Babyklappe. Immerhin gab es jeweils eine vertrauliche Geburt. Im deutlich größeren Magdeburg wird die Babyklappe etwas häufiger genutzt. Das Krankenhaus St. Marienstift Magdeburg berichtet, dass seit 2006 im Durchschnitt etwa ein Kind pro Jahr ins Babynest gelegt wird. Für vertrauliche Geburten entschieden sich dort seit 2014 zwei Mütter.

#MDRklärt Darum werden Babyklappen in Sachsen-Anhalt selten genutzt

Darum werden Babyklappen in Sachsen-Anhalt selten benutzt
Bildrechte: MDR/dpa
Darum werden Babyklappen in Sachsen-Anhalt selten benutzt
Bildrechte: MDR/dpa
Die vier Babyklappen in Sachsen-Anhalt werden selten genutzt. Das liegt an der ländlichen Struktur in Sachsen-Anhalt.  Bitterfeld-Wolfen: seit 2009 ein Kind  Dessau: Städtisches Klinikum | seit 2019 kein Kind Magdeburg: St. Marienstift | seit 2006 durchschnittlich ein Kind pro Jahr Halle: keine Angabe, Babynestseit 2001 Zwischen 2001 und 2020 meldeten Adoptionsvermittlungsstellen nur 35 Säuglinge, die sie aus Babynestern entgegennahmen. Die Angaben sind freiwillig, die tatsächliche Zahl kann also höher sein.
Bildrechte: MDR/Maximilian Fürstenberg
Babyklappen wurden ursprünglich in Großstädten angeboten. Dort funktioniert Anonymität anders als im ländlichen Raum, wo jeder weiß, wer schwanger ist, so Dr. Thomas Beier, Chefarzt Kinderklinik im Gesundheitszentrum Bitterfeld-Wolfen.
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Babyklappen wurden ursprünglich in Großstädten angeboten. Dort funktioniert Anonymität anders als im ländlichen Raum, wo jeder weiß, wer schwanger ist, so Dr. Thomas Beier, Chefarzt Kinderklinik im Gesundheitszentrum Bitterfeld-Wolfen
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Babyklappen verhindern aber nur geplante oder bedingt geplante Kindsaussetzungen.
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Mütter, die ihr Neugeborenes aussetzen oder töten sind oft Frauen, die ihre Schwangerschaft verdrängt haben, so Jan-Stephan Schweda, Sprecher des Krankenhauses St. Elisabeth Halle. Das Aussetzen oder Töten erfolge dann im Affekt. Diese Frauen seien nur schwer mit dem Angebot des Babynestes erreichbar.
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MDR (Maximilian Fürstenberg)

Dieses Thema im Programm:
MDR SACHSEN-ANHALT – Das Radio wie wir |  05. Januar 2022 | 12:00 Uhr.
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Mütter verdrängen ihre Schwangerschaft bis zur Geburt

Trotz der Angebote werde es Fälle wie die in Halle wohl immer wieder geben, erklärt Jan-Stephan Schweda, Sprecher des Krankenhauses St. Elisabeth und St. Barbara Halle, das seit 2001 ein Babynest anbietet. "Das Babynest verhindert nur geplante oder bedingt geplante Kindsaussetzungen", sagt er. "Nach den Erkenntnissen aus der Vergangenheit sind Mütter, die ihr Neugeborenes aussetzen oder töten mehrheitlich Frauen, die ihre Schwangerschaft verdrängt haben und sich erst mit der Geburt damit auseinandersetzen." Die Aussetzung oder Tötung erfolge dann im Affekt. "Diese Frauen sind erfahrungsgemäß nur schwer mit dem Angebot des Babynestes erreichbar."

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MDR (Elisa Sowieja-Stoffregen)

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT | 05. Januar 2022 | 12:00 Uhr

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