Ungewöhnliches Wohnen Röblingen – Ein Bahnhof als Zuhause

Elisa Sowieja-Stoffregen
Bildrechte: MDR/Fabian Frenzel

Schloss, Kirche, Hausboot: Manche Menschen in Sachsen-Anhalt wohnen an ungewöhnlichen Orten. So auch die Mehrgenerationen-WG im Bahnhof Röblingen am See im Landkreis Mansfeld-Südharz. Die Zimmer dort sind beliebt, denn es gibt eine sehr gute Verkehrsanbindung und viel Platz für kreative Projekte.

Milan Piesche, Fabian Reisert, die kleine Tilda und Amanda Dählmann wohnen im Bahnhof Röblingen.
Milan Piesche, Fabian Reisert, die kleine Tilda und ihre Mama Amanda Dählmann wohnen im Bahnhof Röblingen. WG-Oma Regina ist gerade auf Weltreise. Bildrechte: MDR/Elisa Sowieja-Stoffregen

Im Bahnhofsgebäude Röblingen am See schaut man vom Wohnzimmer aus auf die Gleise. Hier: Amanda Dählmanns Töchter Marit und Tilda mit WG-Mitbewohner Fabian Reisert.
Marit (l.) und ihre Schwester Tilda können vom Wohnzimmertisch aus schauen, welcher Zug gerade einfährt. Hier sitzen sie mit WG-Bewohner Fabian Reisert. Bildrechte: MDR/Elisa Sowieja-Stoffregen

92 Sekunden braucht man vom Sofa in der Gemeinschaftsküche bis zum Gleis 2. Ein pendelnder Mitbewohner hat es ausgetestet. Frühstückt man bei offenem Fenster, erfährt man sogar, ob die Zeit noch für einen zweiten Kaffee reicht – den Verspätungsansagen sei Dank. Besser angebunden als die Mehrgenerationen-WG um Amanda Dählmann kann man in Röblingen am See nicht sein. Die Gruppe hat ihr Zuhause im Bahnhofsgebäude. Elf Bewohner aus ganz Deutschland hauchen dem einst verwaisten Bahnhof Leben ein – von der zweijährigen Tilda bis zur WG-Oma Regina, 64.

Nur 20 Minuten bis zum Hauptbahnhof Halle

Früher verlieh der Bahnhof dem Dorf im Seegebiet Mansfelder Land Bedeutung weit über die Region hinaus. Denn mehr als 100 Jahre lang gehörte zu ihm ein großes Bahnbetriebswerk. Heute macht in Röblingen immerhin noch der Regionalexpress zwischen Halle und Kassel Halt. Der ist einer der Gründe, weshalb hier ein freies WG-Zimmer meist ruckzuck weg ist und immer neue entstehen, erzählt die Initiatorin beim Interview auf der Bürocouch in der einstigen Bahnhofsgaststätte. "Die Anbindung ist großartig. Ich bin in 20 Minuten in Halle. So schnell würde ich es in meiner Heimatstadt Hamburg nicht mal zum Bahnhof schaffen."

Die Geschichte des Bahnhofs

Der Bahnhof Röblingen am See ist mehr als 150 Jahre alt. Er war früher aus zwei Gründen bedeutsam. Besonders Anfang des 20. Jahrhunderts war er das Tor zu den Seebädern am Salzigen und Süßen See. Und von 1876 bis 1992 war ihm das Bahnbetriebswerk Röblingen am See angegliedert. 2014 kaufte ein Unternehmer den Bahnhof der Deutschen Bahn ab, vier Jahre später verpachtete er ihn an die Initiative Lebensraum Röblingen.

Amanda Dählmann hat die 1.500-Quadratmeter-Fläche 2018 von einem Berliner Unternehmer gepachtet und die Initiative Lebensraum Röblingen gegründet. Damals stand der Bahnhof schon vier Jahre lang leer und war völlig heruntergekommen. Amanda Dählmann brachte auf Anhieb acht künftige Mitbewohner mit. Woher sie die hatte? "Ich hätte auch 1.500 mitbringen können", sagt sie. "Es gibt in Deutschland eine riesige Szene, die sich verwirklichen will und Bock auf Gemeinschaft hat." Die 31-Jährige kennt viele dieser Leute, denn sie verdient ihr Geld als Beraterin für Gemeinschaftswohnprojekte.

Wahlfamilie mit einem Koch und einem Youtuber

Dählmanns Mitbewohner, sie nennt sie ihre Wahlfamilie, haben fast alle ein eigenes Projekt im Kopf. Koch Milan Piesche etwa möchte ein Café gründen, in dem er gerettete Lebensmittel verarbeitet und dann gegen Spenden herausgibt. Youtuber Fabian Reisert plant Kurse zur Persönlichkeitsentwicklung. Die Projekte haben eines gemein: Sie wollen dem Dorf einen Ort für Begegnungen bieten. So gibt es schon jetzt ein offenes Atelier, einen Verschenkeladen und Veranstaltungen in der Wartehalle – zum Beispiel Abende, an denen Eisenbahner von früher erzählen.

Sanierung mit natürlichen Materialien

Im offenen Atelier des Bahnhofs Röblingen am See kann sich jedermann künstlerisch austoben.
Im offenen Atelier kann sich jeder aus dem Dorf künstlerisch austoben. Bildrechte: MDR/Elisa Sowieja-Stoffregen

Doch erst einmal muss das Gebäude weiter saniert werden. Die WG macht alles in Eigenregie und nutzt natürliche Materialien wie Lehm, Holz und Stein. Die Aussicht auf ein Bett in diesen ursprünglichen Gemäuern muss sehr motivierend sein. Neuling Milan Piesche stört es nicht, dass sein Zimmer noch eine Baustelle ist. Er schwärmt nur: "Hohe Wände, Dielenfußböden, freistehende Balken. Das ist schon ein ästhetisches Wohnen."

Hier gibt's Infos zum Gemeinschaftswohnen

Für Menschen, die mit dem Wohnen in Gemeinschaft liebäugeln, gibt es mehrere Internetplattformen. Eine ist Bring Together, eine Art Tinder fürs Gemeinschaftswohnen. Eine andere Seite ist GEN (Global Ecovillage Network), ein Netzwerk internationaler Gemeinschaften und Ökodörfer.

Wenn das Wetter richtig scheiße ist und ein Zug ausfällt, holen wir die Leute auch rein.

Amanda Dählmann Initiatorin Lebensraum Röblingen

Was an dem alten Gebäude überrascht: Wenn der Zug einfährt, hört man das drinnen kaum. Nur die Wände vibrieren ein bisschen. Ein Hoch auf den Erfinder der Schallschutzfenster! Für Bahnansagen öffnet die WG ihr Küchenfenster aber immer gern. Die liefern nämlich oft unterhaltsame Gründe, warum mal wieder ein Zug zu spät kommt. Favorit: "Kühe im Gleisbett". Dicht gefolgt von der Genese eines Zugausfalls: "Der Zug kommt fünf Minuten später. Der Zug kommt doch 50 Minuten später. Der Zug entfällt heute."

In solchen Fällen ist es für Röblinger Bahnfahrer sehr praktisch, dass im Bahnhof jemand wohnt. Amanda Dählmann erzählt: "Wenn das Wetter richtig scheiße ist und ein Zug ausfällt, holen wir die Leute auch rein und machen ihnen einen Kaffee."

MDR (Elisa Sowieja-Stoffregen)

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT | 16. Dezember 2021 | 15:30 Uhr

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