Pflege in der Corona-Pandemie "Die psychische Belastung ist ungebrochen hoch"

MDR SACHSEN-ANHALT-Autor Hannes Leonard steht im Profil vor einer Wand
Bildrechte: MDR/Hannes Leonard

Drei Wochen vor Weihnachten wird die Lage in den Krankenhäusern im Land immer dramatischer, hat eine nicht-repräsentative Umfrage von MDR SACHSEN-ANHALT ergeben. Besonders das Pflege-Personal arbeitet an der Belastungsgrenze. Zu schaffen machen die ungebrochen steigende Anzahl von neuen Patienten und der Fachkräftemangel.

Ein Blick auf die nüchternen Corona-Zahlen verheißt nichts Gutes: In Sachsen-Anhalt liegt die 7-Tage-Inzidenz laut Robert-Koch-Institut bei über 700. Und noch immer sind im Land nur gut 67 Prozent der Bevölkerung geimpft.

In der frühen Phase der Pandemie galt, dass zum Erreichen der Herdenimmunität etwa zwei Drittel der Bevölkerung durch Impfung oder Infektion immun geworden sein müssten. Doch seit dem Aufkommen der ansteckenderen Delta- oder Omikron-Variante gehen Experten nicht mehr davon aus.

Lage in den Krankenhäusern spitzt sich weiter zu

Heißt: Die Lage in den Krankenhäusern im Land wird sich weiter zuspitzen. Inzwischen haben viele Kliniken Besuchsverbote erlassen: Das Harzklinikum mit seinen Krankenhäusern in Blankenburg, Quedlinburg und Wernigerode hat ein grundsätzliches Besuchsverbot ausgesprochen.

Auch die fünf halleschen Krankenhäuser schränken ihre Besucherregelungen aufgrund der steigenden Infektionszahlen ein. Patientenbesuche sind nur noch in Fällen möglich, in denen "medizinische, sozial indizierte oder palliativmedizinische Gründe" vorliegen.

Vor dem Städtischen Klinikum in Dessau-Roßlau stehen mehrere Hinweisschilder.
Das Städtischen Klinikum in Dessau-Roßlau ist dünn besetzt. (Archivbild) Bildrechte: MDR/Michael Rosebrock

Wie in vielen anderen Krankenhäusern auch sind wir zurzeit in der Pflege dünn besetzt. Viele Pflegekräfte befinden sich momentan in Quarantäne, zum Beispiel auch aufgrund infizierter Kinder. Hinzu kommen Ausfälle durch andere Krankheiten und nicht zu besetzende Stellen.

Gelfo Kröger Sprecher vom Klinikum Dessau

Besondere Personalengpässe habe man in der intensivmedizinischen Pflege – also dort, wo Corona-Patienten versorgt werden: "Dort arbeiten Pflegekräfte mit besonderen Qualifikationen und Zusatzausbildungen, die nicht ohne weiteres zu ersetzen sind", teilt Gelfo Kröger, Sprecher vom Klinikum Dessau, auf Anfrage von MDR SACHSEN-ANHALT mit.

Hohe Arbeitsbelastung nicht nur auf Corona-Stationen

Katharina Merz arbeitet als Krankenschwester auf einer Corona-Intensivstation in einer Klinik in Magdeburg. Sie ist 47 Jahre alt und sagt, nach dem Ende der Pandemie brauche sie eine Kur, um alles hinter sich zu lassen und psychisch zu verarbeiten. Allein auf ihrer Station hätten seit letztem Jahr sechs Kollegen aufgehört.

Patricia Grünzweig von der Uniklinik Halle meint: Man dürfe auch die Pflegenden auf den Normal-Stationen nicht vergessen: "Häufig wird nur auf die Belastung auf den Intensivstationen geschaut, aber auf den Normalpflegestationen ist die Arbeitsbelastung mindestens genauso hoch." Hier stehe vor allem emotionale Betreuung der Patienten im Vordergrund. Denn die dürften ja aufgrund der Pandemie momentan keinen Besuch empfangen. "Die Pflegenden versuchen hier, psycho-emotionale Unterstützung zu geben", sagte Grünzweig MDR SACHSEN-ANHALT.

Nicht nur die alltägliche Belastung "durch das permanente Tragen von persönlicher Schutzausrüstung, aber auch an der Schwere der Erkrankung der Patienten selbst" macht Pflegerinnen und Pflegern zu schaffen. Diana Scholz vom Agaplesion-Diakoniekrankenhaus Seehausen meint:

Die Kolleginnen und Kollegen arbeiten seit zwei Jahren täglich unter erschwerten Bedingungen, acht Stunden mit FFP2-Maske bzw. stundenweise auch im Vollschutz. Dies ist sehr belastend.

Darüber hinaus fehlen aber in vielen Krankenhäuser auch Kollegen, die im Notfall einspringen können.

Fachkräftemangel noch stärker spürbar

"Im Durchschnitt fehlen aktuell ca. 40-80 Mitarbeiter an den jeweiligen Standorten", schreibt Marika Hesse vom Klinikum Burgenlandkreis auf Anfrage. Immerhin könnten Ausfälle zurzeit noch gut kompensiert werden – etwa durch Stationsschließungen. Klar sei aber auch, dass die Stationsschließungen sowie weitere Umplanungen "eine hohe Flexibilität und Kompromissbereitschaft" von allen Mitarbeitern erforderten.

Da wundert es nicht, dass sich die Mitarbeiter in der Pflege nach Job-Alternativen umschauen. Eine Umfrage des Berufsverbandes für Pflegeberufe hat ergeben, dass ein Drittel der Befragten nach der Pandemie aus dem Beruf aussteigen wird beziehungsweise den Ausstieg ernsthaft in Erwägung zieht.

Dabei seien die Probleme der Branche seit langem bekannt. Darauf weist Sabine Karg vom Berufsverband für Pflegeberufe auf MDR-SACHSEN-ANHALT-Anfrage hin: "Die enormen physischen und psychischen Belastungen haben sich durch die Pandemie noch weiter verschärft".

Und der Frust unter den Mitarbeitern in den Krankenhäusern wächst. "Die Pflegenden fühlen sich von der Politik nicht ernst genommen, weil trotz der dramatischen Lage immer noch keine handfesten Lösungen für den gravierenden Personalengpass in Sicht sind. Die Pflege braucht dringend mehr Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Das hängt maßgeblich von den Arbeitsbedingungen und einer Entlohnung ab."

Immerhin ein kleiner Lichtblick für die Pflegerinnen und Pfleger in den Krankenhäusern in Sachsen-Anhalt: Seit ein paar Tagen sinkt die Hospitalisierungsrate. Mit dem Wert wird angegeben, wie viele Personen je 100.000 Einwohner innerhalb von sieben Tagen infolge einer Covid-Erkrankung ins Krankenhaus eingewiesen werden mussten.

MDR SACHSEN-ANHALT-Autor Hannes Leonard steht im Profil vor einer Wand
Bildrechte: MDR/Hannes Leonard

Über den Autor Hannes Leonard arbeitet seit November 2021 bei MDR SACHSEN-ANHALT. Der gebürtige Hallenser hat in Dresden und Halle studiert, zuletzt Rechtswissenschaften. Schon während seines Studiums hat er als Autor unter anderem für die Süddeutsche Zeitung oder Spiegel Online gearbeitet.

Hannes Leonard wohnt in Halle und ist Vater von zwei Kindern.

Weitere Porträts von Pflegekräften in der Corona-Pandemie

MDR (Hannes Leonard)

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL FERNSEHEN | 29. November 2021 | 19:30 Uhr

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