Pflege in der Corona-Pandemie "Wir haben keinen Platz mehr, fahrt woanders hin"

MDR SACHSEN-ANHALT-Autor Hannes Leonard steht im Profil vor einer Wand
Bildrechte: MDR/Hannes Leonard

Während Deutschland über 3G, 2G+ oder Lockdown diskutiert, wird in der Pflegebranche an der Belastungsgrenze gearbeitet. Schon seit Monaten sind Krankenpflegende einer enormen psychischen und physischen Belastung ausgesetzt. Der 21-jährige Niklas arbeitet seit einem Jahr als Gesundheits- und Krankenpfleger in der Notaufnahme einer großen halleschen Klinik. Uns hat er von seinem Arbeitsalltag erzählt.

Zwei Krankenpflegerinen stehen in einem Patientenzimmer.
Pflegerinnen und Pfleger kämpfen rund um die Uhr um das Leben von Corona-Patienten. (Symbolbild) Bildrechte: dpa

MDR SACHSEN-ANHALT: Sachsen-Anhalt ist mitten in der vierten Corona-Welle. Was geht Ihnen da durch den Kopf?

Niklas: Da kommen mir sofort orangefarbene Schutzkittel in den Kopf, schlechte Luft, Ungewissheit und Angst. Schlechte Luft, weil wir immer mit FFP3-Maske in die Zimmer der Covid-Patienten gehen. Die sind noch etwas dichter, aber das Luftholen fällt noch schwerer. Ansonsten haben wir eigentlich immer, also den ganzen Arbeitstag über, eine FFP2-Maske auf. Das ist über die Zeit ganz schön belastend. Dazu kommt die Schutzkleidung, darunter schwitzt man wie verrückt. Man versucht eigentlich nur, noch den Patienten zu versorgen. Auf der Strecke bleibt oft die Empathie, die Anteilnahme am Schicksal des Patienten.

Immer wieder wird der Fachkräftemangel im Bereich der Pflege beklagt. Wie bekommen Sie das zu spüren?

Krankenpfleger Niklas steht auf einer Brücke am Geländer.
Niklas arbeitet seit August 2020 an einer Notaufnahme in Halle. Dem Interview hat er zugestimmt, wenn sein Nachname ungenannt bleibt. Bildrechte: MDR SACHSEN-ANHALT

Vor Corona war die Personaldecke schon auf Kante genäht, jetzt ist die Situation noch schlimmer. Es spitzt sich alles einfach immer weiter zu. Gerade die Nachtschichten sind eine Herausforderung. Nachts sind wir meist zu zweit auf einer Station. Dann ist ein Pfleger im Vollschutz bei einem Corona-Patienten. Der andere Pfleger oder die Pflegerin ist dann alleine für zwei oder drei andere Zimmer zuständig. Oder einer muss etwas ins Labor bringen und es gibt zwei Notfälle gleichzeitig.

Gegenseitige Hilfe ist wegen der aufwendigen Schutzmaßnahmen eigentlich ausgeschossen. Nicht umsonst haben wir einen sehr hohen Krankenstand. Ich erlebe viele Kündigungen – ein schlimmer Zustand.

Was müsste sich tun, damit der Beruf des Krankenpflegenden wieder attraktiver wird?

Ich finde, man sollte Pfleger als eine Profession ansehen. Oft wird so getan, als ob Krankenpflege jeder könnte. Bei einem Schuster denkt man ja auch nicht: "Ach, die Schuhe kann ich auch alleine reparieren." Sondern man geht zu einem Schuster, weil der das gut kann. So sollte man auch als Pflegekraft angesehen werden. Es geht um Anerkennung. Und wenn man sich abends um neun auf den Balkon stellt und klatscht, ist das schön, bringt uns aber auch nicht weiter. Wir stehen abends um neun im Covid-Zimmer, von der Geste kommt nichts bei uns an. Und zum Schluss geht es natürlich auch um angemessene Bezahlung.

Wie hat sich die Arbeitsbelastung für Sie in den letzten Wochen entwickelt?

Die ist in den letzten Wochen kontinuierlich gestiegen. Über den Sommer hatten wir echt Glück, unser Isolationsbereich ist zurückgebaut worden. Inzwischen bekommen wir täglich, teilweise auch mehrmals täglich, Corona-Patienten eingeliefert. Dazu ist ja unsere Intensivstation auch noch mit anderen schwerst-verletzten Personen belegt. Manchmal ist es sogar schon dazu gekommen, dass wir als großes Krankenhaus sagen mussten: "Wir haben keinen Platz mehr, fahrt woanders hin."

Schwierig ist auch die Personalsituation. Gerade nachts arbeiten wir am Limit. Und dann muss man auch sagen, dass dieser Virus so tödlich ist, ist eine Belastung für alle, auch die Ärzte. Neulich ist eine Kollegin weinend zu uns auf die Station gekommen und meinte zu mir: "Niklas, in der Nacht haben da oben sechs Menschen ihre Augen geschlossen, die sind alle in einer Nacht an Corona verstorben."

Wie merken Sie konkret, dass die Corona-Zahlen steigen?

Neulich habe ich eine Probe weggebracht. Da hing ein großer Zettel von dem Labor, dass unsere PCR-Tests untersucht. Und auf dem stand, dass die versuchen, die Corona-Tests von Notaufnahmen und Intensivstationen gesondert zu behandeln. Dass die wirklich nach 24 Stunden untersucht sind. Die restlichen Tests bleiben liegen und werden nicht so schnell bearbeitet, weil die so voll sind. Das gibt mir sehr zu denken. Dazu kommt: Zu uns kommen ja nicht nur Patienten, die an Corona erkrankt sind. Sondern Corona-Infizierte, die zusätzlich noch weitere schlimme Erkrankungen haben.

Wie funktioniert so eine Notaufnahme in Corona-Zeiten – testen, testen, testen, damit das Virus vor der Tür bleibt?

Da sind die Corona-Tests natürlich am wichtigsten, damit wir so sicher wie möglich wissen, ob der Patient infiziert ist. Inzwischen bekommen die Patienten drei Tests. Wenn sie nicht vollständig geimpft sind oder es nicht nachweisen können, bekommen sie einen Selbsttest, wie man ihn auch von zu Hause kennt. Das übernimmt ein Mitarbeiter der Vor-Triage, so heißt das. Dann wird bei jedem Patienten anhand seiner Symptome seine Behandlungsdringlichkeit eingeschätzt. Dann gehen die zur Anmeldung. Und wenn die Patienten dann irgendwann auf Station gehen, bekommen die einen laborbasierten Schnelltest und einen PCR-Test.

Wie gehen Sie damit um, wenn Sie von Patienten erfahren, dass die nicht gegen Corona geimpft sind? Beschäftigt sie das?

Manchmal erzählen Patienten, dass sie nicht geimpft sind. Und dann frage ich schon nach, warum nicht. Wenn ich dann höre, wir haben es nicht geschafft, kann ich nur den Kopf schütteln. Schließlich ist das Angebot bei uns in der Stadt ganz gut.

Nicht geimpft ist das eine, manche leugnen auch die Existenz des Corona-Virus'. Hatten sie mit solchen Menschen schon zu tun?

Ja, durchaus. Da mussten wir auch schon den Sicherheitsdienst holen. Wir hatten auch schon Maskenverweigerer in unserer Notaufnahme. Klar müssen die auch behandelt werden. Aber unser Haus hat da zum Glück eine klare Politik, wenn sich jemand nicht an die Regeln hält und es medizinisch vertretbar ist, muss er gehen. Zum Glück sind es bislang meist nur verbale Auseinandersetzungen. Aber wenn so ein Mensch vor einem steht, merkt man schnell, dass das auch in eine andere Richtung gehen kann, wo ich nicht wissen will, was da noch passieren kann.

Bei allem Leid, das mit dem Corona-Virus einhergeht, gibt es für Sie da trotzdem schöne Momente?

Im Oktober kam ein Mitte 30-Jähriger zu uns. Der hatte sich wirklich übel an dem Virus angesteckt. In unserer Notaufnahme hatte er eine Sauerstoffsättigung von unter 70 Prozent, normal sind hundert Prozent. Der hat also richtig tief Luft geholt, aber keinen Sauerstoff in den Körper gekriegt. Da war so wenig Sauerstoff, dass er umgekippt ist und sich dabei auch noch schwer verletzt hat.

In der Zeit bei uns hat er richtig harte Medikamente bekommen. Zum Schluss wurde er mit einer Überdruckmaske beatmet. Und vor ein paar Wochen hatte ich in unserer Notaufnahme wieder den Triage-Dienst und habe den Mann dort wiedergesehen. Er hatte bei uns einen Termin zur Nachkontrolle. Das hat mich sehr gefreut – denn sicher war das nicht.

Die Fragen stellte Hannes Leonard.

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Exakt Mi 01.12.2021 20:15Uhr 09:01 min

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MDR (Hannes Leonard)

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | MDR AKTUELL | 29. November 2021 | 19:30 Uhr

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