Geschützte Tierart Wolfsriss nahe Wohnsiedlung: Jäger will Wölfe schießen

MDR-Reporter André Damm
Bildrechte: André Damm

Immer wieder kommt es in Sachsen-Anhalt zu Wolfsattacken und immer wieder ist die Aufregung groß. Ende Oktober hat in Wittenberg mit großer Wahrscheinlichkeit ein Wolf drei Schafe und eine Ziege getötet. Was viele erschreckt: die Nähe des Wolfsrisses zu einer Wohnsiedlung. Deshalb wird die Forderung lauter, Wölfe in Sachsen-Anhalt zu bejagen.

Wölfe Wittenberg
In Sachsen-Anhalt gibt es derzeit 22 einheimische und sechs länderüberschreitende Wolfsrudel mit insgesamt etwa 190 Tieren. Bildrechte: Jan Janisch

Der Wittenberger Hansjörg Groß ist Jäger aus Leidenschaft. Ein großgewachsener Mann, der im Ortsteil Pratau ein Jagdgeschäft betreibt und dort Kleidung, Munition und Gewehre verkauft. Außerdem bildet Groß in seiner Jagdschule "Diana" angehende Jäger aus. Er ist viel in den Wäldern unterwegs. Erst in dieser Woche hat er ein Wildschwein geschossen.

Und auch mit Wölfen hat er schon Erfahrungen gemacht. "Das soll jetzt keine Panikmache sein. Aber wenn ein Rudel auf einen nachts zukommt, ich habe das schon erlebt mit fünf, sechs Tieren, dann wird einem schon anders zumute. Viele Hundebesitzer glauben gar nicht, wie nah der Wolf dran ist", erzählt Groß im Gespräch mit MDR SACHSEN-ANHALT.

Jäger will Wölfe bejagen lassen

Jäger Groß ist deshalb dafür, Wölfe bejagen zu lassen. Denn nach seinen Worten meiden die Raubtiere Wohnsiedlungen nicht mehr. Im Bad Schmiedeberger Ortsteil Großwig töteten Wölfe zahlreiche Schafe, obwohl das Gehege an einem Gasthof grenzt und sich ein Mehrfamilienhaus ganz in der Nähe befindet.

Für Groß ist das kein Einzelfall mehr. "Der Wolf ist unmittelbar in menschlichem Raum unterwegs. Er hat keine natürlichen Feinde mehr, er merkt, dass auch der Menschen ihm nichts antut und deshalb hat er die Scheu verloren."

Wölfe Wittenberg
Jäger Hansjörg Groß will Wölfe stärker bejagen lassen. Bildrechte: MDR/André Damm

Wölfe sollten deshalb ins Jagdrecht übernommen werden, findet Groß. "Sie sind seit 22 Jahren hier angesiedelt und wenn nicht bald eingriffen wird, werden auch die Übergriffe auf Schafe und Pferde mehr werden und dann werden auch die Schäden zunehmen", meint Jäger Groß. Außerdem würden Wölfe das Wild vertreiben, ergänzt er. Man sehe inzwischen eher einen Wolf als Rehwild.

Tierschützer: Genug Wild im Wald

Für Tierschützer Jan Janisch aus Jessen ist das Jägerlatein. Er glaubt nicht, dass der Wildbestand wegen der Wölfe abgenommen hat. Es gebe genug Wild im Wald, sagt Janisch. Die Jäger müssten vielleicht etwas länger warten, bis sie zum Schuss kommen. Ohnehin kann Janisch, der als Tierfotograf arbeitet, die aufgeheizte Debatte nicht nachvollziehen. Für ihn gehören Wölfe zur Natur einfach dazu. Die Tiere seien äußert scheu, würden um Menschen einen weiten Bogen machen.

Eine Ausnahme könnten Wolfswelpen sein, die noch keine schlechten Erfahrungen gemacht haben und deshalb auch neugierig sind. Es habe noch nicht einen Zwischenfall mit Menschen gegeben, sagt Janisch. Und solche Attacken in Wohnsiedlungen – wie zuletzt in Wittenberg – könne es immer wieder einmal geben, wenn Tierbestände nicht gut gesichert sind. Dann lasse sich ein Wolf solch eine Mahlzeit nicht entgehen.

Heimlich getötete Wölfe

Unerträglich für Janisch ist, dass Wölfe immer wieder heimlich getötet werden. "Wir haben bisher zwei Fälle, die nach einem Muster verlaufen sind. Einmal in Bad Schmiedeberg, einmal bei Jessen. Dort wurden Wölfe erschossen und danach wie Abfall in einem Gewässer gesorgt." Der Tierfotograf sorgte für Aufsehen, weil er aktiv nach den Tätern sucht und jeweils eine Belohnung in Höhe von mehreren tausend Euro ausgesetzt hat. Bislang hat sich aber niemand gemeldet.

Schießen, Schaufeln, Schweigen

Es dürfte eine Dunkelziffer illegal getöteter Wölfe geben, schätzt auch Andreas Berbig. Er leitet das Wolfskompetenzzentrum in Iden in der Altmark. In Teilen der Jägerschaft sei ein rüder Ton zu vernehmen, erzählt er. Einige Waidmänner würden beim Thema Wölfe von den drei S sprechen: Schießen, Schaufeln, Schweigen. Das sei natürlich überhaupt nicht hinnehmbar, sagt Berbig.

Berbig sieht derzeit auch keine Notwendigkeit, Wölfe jagen zu lassen. Es sei zwar immer schade um das getötete Vieh, aber die Zahl der Wölfe sei in Sachsen-Anhalt noch überschaubar. Berbig spricht von 22 einheimischen und sechs länderüberschreitenden Rudeln mit etwa 190 Tieren. Im Dezember werden neue Zahlen vorgelegt. Er schätzt, dass sie erneut höher ausfallen werden. Die Debatte um die Bejagung von Wölfen dürfte dann wieder Fahrt aufnehmen.

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MDR (André Damm, Moritz Arand)

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT – Das Radio wie wir | 10. November 2022 | 16:40 Uhr

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