Kritik an Sachsen-Anhalt Digitales Schulzeugnis ist vorerst gescheitert

Ein großer Mann mit Locken und Brille steht vor einer Betonwand.
Bildrechte: MDR/Viktoria Schackow

Mit einem digitalen Zeugnis sollen sich Schulabgänger bei Ausbildungsbetrieben oder an Unis bewerben können. Sachsen-Anhalts Landesregierung ist für ganz Deutschland dafür zuständig, ein solches System zu entwickeln. Ein Pilotversuch lief drei Jahre und muss nun beendet werden, weil das System nicht funktioniert. Experten waren von Beginn an skeptisch.

Die im Auftrag von Sachsen-Anhalt entwickelte Technologie zum bundesweiten "digitalen Zeugnis" ist wohl gescheitert. Mit der Technologie sollten digitale Schulzeugnisse als PDF-Datei bereitgestellt werden. Schülerinnen und Schüler sollten sie zusätzlich zum Papierzeugnis bekommen und Unis und Arbeitgeber mit dem System überprüfen können, ob diese digitalen Zeugnisse echt sind. Die Entwicklung hat laut Sachsen-Anhalts Ministerium für Infrastruktur und Digitales in den vergangenen drei Jahren knapp 800.000 Euro gekostet.

Sachsen-Anhalts Landesregierung ist bundesweit dafür verantwortlich, weil das Land im Rahmen des Online-Zugangsgesetzes alle Verwaltungsdienstleistungen im Bereich Bildung digitalisieren soll. Mit dem digitalen BAföG-Antrag war das bereits gelungen – er war im vergangenen Jahr online gegangen.

Experten hatten schon 2019 auf Probleme hingewiesen

Mit der Umsetzung des digitalen Zeugnisses hatte die alte Landesregierung die Bundesdruckerei beauftragt. Diese hatte dafür seit 2019 eine Blockchain-Technologie entwickeln lassen. Bereits damals hatte das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) vor dem Einsatz einer Blockchain gewarnt.

Sicherheitsprobleme seien damit deutlich wahrscheinlicher, als wenn traditionellere Technologien verwenden würden, heißt es in einem BSI-Gutachten von 2019, das MDR SACHSENANHALT vorliegt. Auch andere Expertinnen und Experten haben während der Entwicklung darauf hingewiesen, dass die Blockchain-Technologie die falsche Technologie für diese Anwendung sei.

Pilotbetrieb im Sommer 2021 gestartet

Trotzdem ging das digitale Zeugnis im vergangenen Sommer in den Pilotbetrieb. 250 Schülerinnen und Schüler in Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz und Berlin bekamen digitale Zeugnisse zusätzlich zu ihren Zeugnissen auf Papier. Im vergangenen Herbst haben Gutachter dann erneut darauf hingewiesen, dass die Blockchain-Technologie in diesem Fall schwierig sei.

Im Februar 2022 haben die Softwareentwicklerin und selbst ernannte Krawallinfluencerin Lilith Wittmann und ein Kollege nachgewiesen, dass sie sich im System der Bundesdruckerei quasi anmelden und sogar echt aussehende Zeugnisse erstellen können.

Bundesdruckerei und Landesregierung haben das System anschließend offline genommen. In einem Schreiben, das MDR SACHSEN-ANHALT vorliegt, werden die Sicherheitslücken bestätigt.

Das Land muss alles überarbeiten

Außerdem schreibt das Bundesbildungsministerium auf Nachfrage von MDR SACHSEN-ANHALT nun deutliche Sätze: "Aufgrund des aufgezeigten Handlungsbedarfs wird Sachsen-Anhalt das Projekt 'Digitales Schulzeugnis' in enger Abstimmung mit dem Bundesbildungsministerium nochmals überarbeiten und die gewonnenen Erkenntnisse in das Projekt einfließen lassen." Erprobung und Evaluation hätten eine Reihe von Verbesserungsmöglichkeiten gezeigt, "die im weiteren Projektverlauf zwingend berücksichtigt werden müssen".

Bernd Schlömer (FDP), Staatssekretär in Sachsen-Anhalts Digitalministerium, hat mittlerweile bei Twitter angekündigt, sich mit Lilith Wittmann treffen zu wollen.

Wann und ob Sachsen-Anhalts Landesregierung ein deutschlandweites digitales Zeugnis an den Start bringen kann und welche Technologie dafür genutzt wird, kann derzeit niemand sagen.

Ein großer Mann mit Locken und Brille steht vor einer Betonwand.
Bildrechte: MDR/Viktoria Schackow

Über den Autor Marcel Roth arbeitet seit 2008 als Redakteur und Reporter bei MDR SACHSEN-ANHALT - Das Radio wie wir. Nach seinem Abitur hat der gebürtige Magdeburger Zivildienst im Behindertenwohnheim gemacht, in Bochum studiert, in England unterrichtet und in München die Deutsche Journalistenschule absolviert. Anschließend arbeitete er für den Westdeutschen Rundfunk in Köln.

Bei MDR SACHSEN-ANHALT berichtet er über Sprachassistenten und Virtual Reality, über Künstliche Intelligenz, Breitbandausbau, Fake News und IT-Angriffe. Außerdem ist er Gastgeber des MDR SACHSEN-ANHALT-Podcasts "Digital leben". E-Mail: digitalleben@mdr.de

Mehr zum Thema: Digitales aus Sachsen-Anhalt

MDR (Marcel Roth)

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT – Das Radio wie wir | 09. Mai 2022 | 09:00 Uhr

404 Not Found

Not Found

The requested URL /api/v1/talk/includes/html/9fbfdddf-266f-4ec9-8821-99150912a542 was not found on this server.

Mehr aus Sachsen-Anhalt

Eine Collage aus verbrannten Bäumen und Weintrauben. 2 min
Bildrechte: MDR/dpa
2 min 30.09.2022 | 18:00 Uhr

Die drei wichtigsten Themen vom 30. September aus Sachsen-Anhalt erfahren Sie hier kurz und knapp in nur 1 Minute. Präsentiert von MDR-Redakteurin Olga Patlan.

MDR S-ANHALT Fr 30.09.2022 17:44Uhr 01:42 min

https://www.mdr.de/nachrichten/sachsen-anhalt/video-nachrichten-aktuell-dreissigster-september-100.html

Rechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Video