Papas berichten Väter in Elternzeit: Warum sich manche noch immer als Exoten fühlen

Elisa Sowieja-Stoffregen
Bildrechte: MDR/Fabian Frenzel

Obwohl es immer mehr Väter in Elternzeit gibt, fallen sie oft nach wie vor auf. Warum ist das so? Vier Väter aus Sachsen-Anhalt erzählen von ihren Erfahrungen.

René Aderholz aus Zerbst ist in Elternzeit mit Tochter Elisa.
Christian Aderholz aus Zerbst ist noch bis zum Herbst in Elternzeit mit Tochter Elisa. Bildrechte: René Aderholz

Bei den Vorsorgeuntersuchungen mit Sohn Georg war Cedric Harms immer ein besonderer Anblick: ein Mann mit Baby im Wartezimmer. Allein. Sensationell.

Selbst die Kinderärztin hatte sich noch nicht so recht an diese Kombination gewöhnt. "Sie hat mir immer erklärt, was denn die Mutti alles beachten muss", erzählt der Vater aus Egeln im Salzlandkreis. Er schmunzelt. "Ich dachte nur: Aber ich bin doch den ganzen Tag lang mit dem Kleinen zu Hause."

Jede vierte Person, die Elterngeld bezieht, ist Vater

Väter in Elternzeit gibt es immer häufiger. In Sachsen-Anhalt war 2020 etwa jede vierte Person, die Elterngeld bezogen hat, ein Mann. Im Jahr 2015 war es noch knapp jede fünfte Person. Trotzdem fühlen sich diese Väter auch jetzt teils immer noch als Exoten.

Väter in Elternzeit: meist nur höchstens zwei Monate

Cedric Harms war mit Sohn Georg in Elternzeit.
Cedric Harms war mit Sohn Georg in Elternzeit. Bildrechte: Cedric Harms

Bei Cedric Harms liegt das wohl daran, dass er mit seinem Kind länger als nur ein paar Wochen zu Hause blieb. Denn bei fast drei Vierteln der Papas, die Elternzeit nehmen, dauert diese Auszeit höchstens zwei Monate. Und diese Monate werden dann meist auf den ersten und den 13. Lebensmonat des Kindes gelegt. So ist bei Teil eins der väterlichen Elternzeit die Mutter mit dabei, bei Teil zwei sind Vater und Kind mit der Kita-Eingewöhnung beschäftigt. Vorsorgeuntersuchungen bleiben somit ein klassischer Mama-Job.

Cedric Harms hingegen teilte sich die Elternzeit mit seiner Frau gleichmäßig auf: Sie nahm die ersten sechs Monate, er die zweiten sechs. "Ich wollte einfach an der Entwicklung teilhaben", sagt er.

So oft und so lange nehmen Väter Elternzeit

23,9 Prozent der Menschen, die im Jahr 2020 im Land Elterngeld bezogen, waren Männer. Damit liegt Sachsen-Anhalt leicht unter dem Bundesschnitt von 24,8 Prozent. Im Jahr 2015 hinkte der Väteranteil mit 18 Prozent dem deutschlandweiten Durchschnitt von 21 Prozent noch um drei Prozentpunkte hinterher.

Die bezahlte berufliche Auszeit dauerte bei den Vätern im Land im Schnitt etwa dreieinhalb Monate. Bei Müttern waren es fast 14 Monate. Die Zahlen entsprechen in etwa denen für ganz Deutschland.

Fast drei Viertel der Väter (72,8 Prozent) pausierten für maximal zwei Monate. Im Gegensatz dazu blieben die allermeisten Mütter (96,4 Prozent) mindestens zehn Monate zu Hause. Fast jede zehnte Mutter (9,4 Prozent) ging sogar für zwei Jahre oder länger in Elternzeit – bei den Vätern waren es nur 1,6 Prozent.

Auf der Straße staunen die Leute erstmal

Die Leute fragen meistens: 'Wie lange bist du denn jetzt zu Hause? Einen Monat?' Wenn ich dann sage: 'Nee, über ein Jahr', kommt erstmal ein 'Oh!'

Christian Aderholz nimmt 14 Monate Elternzeit.

Auch Christian Aderholz saß schon oft allein unter Frauen beim Kinderarzt. Er ist seit August 2021 in Elternzeit, insgesamt werden es 14 Monate. Seine Frau geht längst wieder arbeiten. Wenn er Tochter Elisa vormittags durch die Zerbster Innenstadt schiebt, trifft er eigentlich immer irgendwen – und wird natürlich auf den Kinderwagen angesprochen. "Die Leute fragen meistens: 'Wie lange bist du denn jetzt zu Hause? Einen Monat?'", erzählt der 38-Jährige. "Wenn ich dann sage: 'Nee, über ein Jahr', kommt erstmal ein 'Oh!'" Aber das sei gar nicht negativ gemeint. "Die Leute finden das gut. Vor allem die Frauen."

Chef will rare Fachkräfte nicht vergraulen

Im Job sticht Christian Aderholz mit seiner langen Elternzeit ebenfalls heraus. Er arbeitet in einem 40-Mann-Betrieb als CNC-Schleifer. Unter den Kollegen mit Kindern ist es üblich, höchstens zwei Monate Elternzeit zu nehmen. Seine Pläne, über ein Jahr wegzubleiben, nahm der Chef damals schweigend zur Kenntnis. Immerhin versuchte er nicht, ihm ein schlechtes Gewissen zu machen. Das ist nicht ganz selbstverständlich, denn Aderholz ist schwer zu ersetzen. Auf seine Aufgaben sind nur wenige spezialisiert, und in einer Kleinstadt wie Zerbst ist die Auswahl an Spezialisten besonders überschaubar.

Ob die stille Akzeptanz vielleicht auch daher kommt, dass man rare Fachkräfte wie ihn nicht vergraulen will? "Auf jeden Fall", sagt Aderholz. "Vor der Elternzeit konnte ich auch schon meine Arbeitszeit reduzieren. Wenn ich früher etwas wollte, war das nicht so einfach."

Reaktion auf lange Elternzeit: Glückwünsche – und Ablehnung

Cedric Harms wurde auf der Arbeit für seine Entscheidung zu einer längeren Elternzeit sogar beglückwünscht. Das dürfte aber vor allem am Arbeitgeber liegen. Denn der Egelner ist Referent im Sozialministerium. Wo, wenn nicht dort sollte man über solch eine fortschrittliche Familienorganisation jubilieren?

Über ganz andere Erfahrungen berichtet Eric*. Der Merseburger arbeitet als Kalkulator für ein großes Bauunternehmen mit mehreren Standorten in Deutschland. Da sollten Personalausfälle kein übermäßiges Problem sein, könnte man denken. So war es aber offenbar nicht.

"Mein Vorgesetzter hätte die Elternteilzeit am liebsten abgelehnt."

Eric*, Vater aus Merseburg

Eric plante acht Monate Auszeit plus 16 Monate Teilzeit. Die Reaktion, so erzählt er: "Am liebsten hätte mein Vorgesetzter die Elternteilzeit abgelehnt. Er ist so ein Verfechter von: Die Frauen haben sich um die Kinder zu kümmern." Der junge Vater berichtet von einem Vorschlag seines Chefs: Eric solle doch die Arbeitszeiten mit ihm ohne Antrag auf Elternzeit regeln.

Doch er beharrte auf seinem Rechtsanspruch. Die ersten Monate seiner Elternteilzeit sind inzwischen vergangen. Die Arbeitszeiten seien immer wieder ein Problem, sagt Eric. "Ich habe ständig Diskussionen, weil ich nachmittags arbeiten soll. In einem Gespräch hieß es mal: Wenn es viele geben würde, die denken wie Sie, würde die Welt zugrunde gehen." Der Merseburger glaubt, das Problem liege nicht nur bei seinem Vorgesetzten, sondern in der Firmenkultur. Inzwischen schaut er sich nach einem neuen Job um.

So lange gibt es Elterngeld

Eltern stehen gemeinsam insgesamt 14 Monate Basiselterngeld zu, wenn sich beide an der Betreuung beteiligen und dadurch Einkommen wegfällt. Sie können die Monate frei untereinander aufteilen. Ein Elternteil kann mindestens zwei und höchstens zwölf Monate in Anspruch nehmen.

Alleinerziehende können die vollen 14 Monate Elterngeld in Anspruch nehmen.

Grundsätzlich gibt es Basiselterngeld nur innerhalb der ersten 14 Lebensmonate des Kindes.

Eltern von Frühchen erhalten seit kurzem bis zu vier Monate länger Elterngeld.

Man kann auch seine Basiselterngeld-Monate in ElterngeldPlus-Monate umwandeln und so die Bezugszeit strecken. Dabei entspricht ein Monat Basiselterngeld zwei Monaten ElterngeldPlus. Wenn man nach der Geburt nicht arbeitet, ist das ElterngeldPlus halb so hoch wie das Basiselterngeld. Arbeitet man in Teilzeit, kann es sich besonders lohnen. Dann kann das ElterngeldPlus genauso hoch sein wie das Basiselterngeld mit Teilzeit.

Eltern, die sich Familie und Beruf besonders gleichberechtigt aufteilen, können den Partnerschaftsbonus erhalten. Dabei gibt es bis zu vier zusätzliche Monate ElterngeldPlus, wenn beide gleichzeitig in Teilzeit arbeiten.

Mehr Infos zum Elterngeld gibt es auf der Website des Bundesfamilienministeriums.

Zwei Monate Elternzeit für Väter scheinen gesellschaftlich etabliert

Marian Platzer war mit seinem Kind in Elternzeit.
Marian Platzer war mit Sohn Marius zwei Monate lang in Elternzeit. Bildrechte: Marian Platzer

Im Gegensatz zu den drei anderen Vätern fühlte sich Marian Platzer in seiner Elternzeit überhaupt nicht als Exot. Er gehört allerdings auch zu denjenigen, die sich für die klassischen zwei Monate entschieden haben.

Die sind nach seiner Erfahrung heute gesellschaftlich etabliert. Der junge Vater aus Zappendorf im Saalekreis merkt das vor allem im Beruf. Er arbeitet bei einem IT-Dienstleister für die öffentliche Verwaltung. "Bei uns ist das der Quasi-Standard", sagt er. Auch in seinem Freundeskreis und in der Familie, erzählt er, sei sein Modell gängig.

Im Tischtennis-Verein gab es ein paar Männer vom alten Schlag, die meinten: 'Deine Frau muss doch selbst klarkommen.'

Marian Platzer, Vater aus dem Saalekreis

Nur einen Ort gab es, an dem fiel er als Vater in Elternzeit doch aus der Reihe: in seinem Tischtennisverein. "Da gab es ein paar Männer vom alten Schlag, die meinten: 'Deine Frau muss doch selbst klarkommen'", erinnert er sich. Marian Platzer glaubt, das liegt vor allem an der Generation. "Mein Opa zum Beispiel wollte mit der Kindererziehung gar nichts zu tun haben", erzählt er. "Ich glaube, unsere Generation will nicht mehr nur für die Firma robotern. Wir legen eher Wert auf gemeinsame Zeit mit der Familie."

Die Theorie mit dem Generationenunterschied hat auch Eric*. "Die Generation vor uns ist sehr arbeitsgeprägt. Das sehe ich zum Beispiel bei meinem Schwiegervater." Und bei einer großen Familienfeier im vergangenen Sommer erntete er auch schräge Blicke von der einen oder anderen Tante, erzählt er.

Aus dem Konzept bringen lassen sich die beiden Männer von solchen Skeptikern nicht. Marian Platzer hat mit seiner Frau schon jetzt besprochen, dass er beim zweiten Kind noch einen Monat länger zu Hause bleibt.

*Der vollständige Name ist der Redaktion bekannt.

Elisa Sowieja-Stoffregen
Bildrechte: MDR/Fabian Frenzel

Über die Autorin Elisa Sowieja-Stoffregen arbeitet seit September 2021 für MDR SACHSEN-ANHALT. Nach ihrem Studium in Erfurt hat sie lange bei der Volksstimme gearbeitet, vor allem als Landesreporterin. Nun nimmt sie zu ihren Terminen neben Zettel und Stift auch Smartphone und Mikrofon mit.

Die gebürtige Magdeburgerin ist für MDR SACHSEN-ANHALT als Reporterin vor allem in den Gemeinden und kleinen Städten unterwegs. In ihrer Freizeit hechtet sie gern Badmintonbällen hinterher und testet immer mal wieder, wie viele "Warum?"-Fragen am Stück sie kindgerecht und mit pädagogischer Finesse beantworten kann, bevor ihr ein "Weiell-das-so-ist!" herausrutscht.

MDR (Elisa Sowieja-Stoffregen)

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