Exotische Haustiere Wenn im Wohnzimmer neun Schlangen leben

Daniel Tautz vor einer grauen Wand
Bildrechte: MDR/Jörn Rettig

Ob Vogelspinne, Weißbüschelaffe oder ein weißer Löwe: in Sachsen-Anhalt leben Tausende Menschen mit exotischen Tieren zusammen, die man sonst nur aus dem Zoo kennt. Was treibt sie an? Und wie geeignet sind Exoten für die eigenen vier Wände? Zu Besuch bei Patrick Nadazy, der in seinen Terrarien weit mehr als nur neun Schlangen hält.

Diese Tigerpython ist eine von neun Schlangen, die in den Terrarien von Patrick Nadazy leben.
Die Boa Constrictor stammt ursprünglich aus Südamerika. Bildrechte: MDR/Daniel Tautz

Das Wohnzimmer von Patrick Nadazy ist eigentlich großzügig geschnitten. Ein prächtig geschmückter Weihnachtsbaum ziert die Mitte des Raumes, rundherum liegt buntes Spielzeug verstreut. Doch tritt man weiter in die gut beheizte Stube, stellt man fest: Ein großer Teil des Zimmers liegt abgeschottet hinter Glasscheiben. Dort, zwischen den üppigen Tropenpflanzen und Ziersteinen, leben Patricks Haustiere.

Pythons, Boas und Schildkröten im Wohnzimmer

Er streckt den Arm aus und zieht ein schimmerndes, schlauchartiges Objekt von der Gardinenstange. "Das ist eine Schlangenhaut von meiner gelben Tigerpython, die hat sich erst vor kurzem einmal gehäutet", erklärt er und spannt dabei die Arme auseinander. Das Ende hängt trotzdem auf dem Boden. Patricks Tigerpython ist gut vier Meter lang.

Aller paar Monate häuten sich die Schlangen. Diese Haut hat die vier Meter lange Python abgestreift.
Diese Haut stammt von Patricks Python. Länge: vier Meter. Bildrechte: MDR/Daniel Tautz

Und doch ist sie nur ein kleiner Teil von Patricks Haustierbestand. Fragt man ihn, was er noch so in seinen Terrarien hält, muss er erst einmal kurz Luft holen. "Vier Tigerpythons, fünf Boa Constrictors, zwei Chinchillas, ein Jemen-Chamäleon", zählt er auf, "und eine Spornschildkröte und eine Afrikanische Pantherschildkröte." Mit dem Großteil davon teilt er sein Wohnzimmer, die anderen leben im Flur und im Schlafzimmer.

Kaum Regelungen in Sachsen-Anhalt

Dass Patrick in seinem Haus bei Staßfurt solche Tiere halten kann, wäre in anderen Ländern – und anderen Bundesländern – so nicht möglich. Doch in Sachsen-Anhalt gibt es kein sogenanntes Gefahrtiergesetz, das regelt, welche Tiere im Privatbesitz erlaubt sind. Artgeschützte Tiere müssen lediglich gemeldet werden.

Einen großen Teil des Wohnzimmers hat Patrick zum Terrarium umgebaut. Dazwischen: Kinderspielzeug und der Weihnachtsbaum.
Das Wohnzimmer von Patrick: Zwischen Terrarium und Weihnachtsbaum. Bildrechte: MDR/Daniel Tautz

Und so gibt es nicht nur große Würgeschlangen in Sachsen-Anhalts Haushalten: Ein Mann in der Börde hält einen weißen Löwen im Garten, bei anderen hüpfen Weißbüschelaffen durch die Wohnung. Offizielle Zahlen dazu gibt es kaum, im Jahr 2013 berichtete die Magdeburger Volksstimme, dass in 8.000 sachsen-anhaltischen Haushalten exotische Tiere leben. Demnach sind etwa die Hälfte davon Reptilien, wovon wiederum Schildkröten den größten Teil ausmachen.

Zoologe: Haltung muss stimmen

Für den Zoologen Hendrik Müller von der Universität Halle ist die Haustierhaltung vor allem eine Frage der Lebensbedingungen. "Jedes Tier hat natürlich bestimmte Bedürfnisse, was die Temperatur, die Ernährung oder den Käfig anbelangt – und die müssen klar eingehalten werden", sagt er. "Und natürlich muss man auch beachten, dass die Tiere groß werden und dass ab einer bestimmten Größe auch eine gewisse Gefahr von ihnen ausgeht." Bei einer Würgeschlange gehe man davon aus, dass ab dreieinhalb, vier Metern auch für einen erwachsenen Mann durchaus eine Gefahr besteht.

"Aber wenn die Rahmenbedingungen stimmen, dann ist auch eine Boa Constrictor ein relativ gutes Haustier", so Müller weiter. Im Regelfall werden die nur alle zwei, drei Wochen mal gefüttert. "Man kann sie also auch zu Hause lassen und ein langes Wochenende wegfahren. Für eine Schlange ist das okay, mit einem Hamster geht das nicht so einfach."

18 Terrarien im Kinderzimmer

Für Hamster hat sich Patrick Nadazy auch nie interessiert. "Mein erstes Haustier hab ich mit 13 bekommen", erzählt er, "das war ein Leguan". Seit der Fernsehsendung 'Wildes Wohnzimmer' sei er verrückt nach Exoten gewesen. "Von meinem ersten Lehrlingsgehalt habe ich mir für 320 Euro meine ersten beiden Boa Constrictors gekauft."

In seinem Kinderzimmer standen damals nur eine Schlafcouch, ein Kleiderschrank und 18 Terrarien, erinnert sich der 30-Jährige heute. "Meine Mutter war ziemlich froh, als ich ausgezogen bin, dann hat sie beim Strompreis wieder ordentlich gespart."

In diesem Terrarium leben die fünf Boa Constrictor von Patrick.
In diesem Terrarium leben die fünf Boa Constrictor von Patrick. Bildrechte: MDR/Daniel Tautz

Denn damit die exotischen Tiere von Patrick angemessen leben können, brauchen sie die nötigen Bedingungen. Seine Schlangen liegen auf einer Fußbodenheizung zusammengerollt, das Chamäleon hockt unter einer teuren Tageslichtlampe. Patrick hat die Terrarien selbst gebaut und die Türen und Lüftungen mit mehreren Schlössern gesichert. Die meisten seiner Nachbarinnen und Nachbarn wissen, welche Tiere bei ihm leben – und die seien eher interessiert.

Achtung, Schlange!

Doch es gibt immer wieder die Momente, in denen die Öffentlichkeit ängstlich auf Schlangen wie die von Patrick blickt. In Sachsen-Anhalt zuletzt als im Spätsommer dieses Jahres ein Python in Haldensleben ausbüxte und wochenlang gesucht wurde.

Schlangenhalter Patrick bedauert die einseitige, negative Wahrnehmung seiner Tiere. Und auch der Zoologe Hendrik Müller wirbt für einen differenzierten Blick auf die exotische Tierhaltung daheim. Natürlich gebe es Menschen, die fahrlässig seien oder so ein Tier nur halten, weil es spannend, cool oder gefährlich ist, sagt er. "Das sind wahrscheinlich die falschen Gründe, ein solches Tier zu halten."

Wissenschaftliches Interesse von privaten Haltern

"Aber es gibt auch genug Leute, die sich wirklich ernsthaft für verschiedene Gruppen von Fischen, Amphibien oder Vögeln interessieren und dann da sehr professionell rangehen." Die die Tiere nachziehen, beobachten und teilweise auch ihre Ergebnisse publizieren.

Bei seiner früheren Arbeit an der Universität Jena habe es zum Beispiel Zusammenarbeiten mit Fischhaltern gegeben: "Im Universitätskontext kann man natürlich keine 30, 40 Arten halten. Da ist es gut, wenn man auch im Privaten auf einen gewissen Aquarienbestand zurückgreifen kann – und natürlich auf die Erfahrung der Leute, die sowas halten."

Bisher keine Kontrolle beim Halter

Hendrik Müller ist deshalb klar gegen ein Pauschalverbot von exotischen Haustieren, ebenso wie Patrick Nadazy. Obwohl er selbst exotische Tiere hält, würde er sich eine politische Nachschärfung wünschen. "Ich habe alle meine Tiere angemeldet, aber bisher war noch nie jemand da, um die Haltung zu kontrollieren und zu schauen, wie ich sie halte und ob sie sicher verwahrt sind."

So ist die Haltung von exotischen Tieren in Sachsen-Anhalt geregelt

Alle Halter lebender Wirbeltiere der besonders bzw. streng geschützten Arten müssen ihre Tiere bei der jeweiligen Gemeinde anmelden. Zu den besonders geschützten Arten gehören unter anderem der überwiegende Teil der Exoten, wie z. B. Affen, Papageien, Landschildkröten und Riesenschlangen, aber auch verschiedene Echsenarten wie Taggeckos und Chamäleons.

Darüber hinaus zählen neben den Greifvögeln auch alle übrigen europäischen Vogelarten dazu. Nicht angemeldet werden müssen wirbellose Tiere, wie Spinnen oder Skorpione. Die Haltung wird durch drei Gesetze geregelt

1. Das Gesetz über Ordnungswidrigkeiten
2. Das Gesetz über die öffentlich Sicherheit und Ordnung des Landes
3. Das Tierschutzgesetz

Bei Bedarf können Gemeinden den Haltern noch gesonderte Auflagen machen. Das ist aber praktisch noch nie vorgekommen.

#MDRklärt Darum dürfen in Sachsen-Anhalt Krokodile gehalten werden

In der Unstrut wird ein Krokodil vermutet. Doch wenn sich in dem Fluss tatsächlich ein Krokodil verbirgt, woher kommt es? Etwa von einer Privatperson? In Sachsen-Anhalt ist das Halten der Reptilien nicht illegal.

Darum dürfen in Sachsen-Anhalt Krokodile gehalten werden
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Darum dürfen in Sachsen-Anhalt Krokodile gehalten werden
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1993 trat Verordnung zum Halten gefährlicher Tiere in Kraft. Sie galt aber nur bis 2003 und wurde nicht verlängert. Jetzt wird es über drei Gesetze geregelt: Gesetz über Ordnungswidrigkeiten (OWiG) Gesetz über die öffentliche Sicherheit und Ordnung des Landes Sachsen-Anhalt (SOG LSA) und das Tierschutzgesetz (TierSchG)
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Die Körperlich Unversehrtheit und das Eigentum anderer muss geschützt werden. Das bedeutet, ein Krokodil darf sich nicht frei umherbewegen und es müssen Vorsichtsmaßnahmen getroffen werden, damit Schäden durch das Krokodil verhindert werden. (§ 121 OWiG)
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Das heißt, man darf mit einem Krokodil nicht gemütlich durch den Park spazieren gehen und es muss in ein Gehege.
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2. Theoretisch kann eine Kommune aber noch weitere Vorschriften machen oder es gar verbieten, wenn sie fürchtet, das Krokodil könnte eine Gefahr sein. (§ 94 SOG LSA)
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Praktisch kam das laut Umweltministerium noch nie vor, selbst nicht bei Löwen.
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Das Krokodil muss artgerecht gehalten werden, was von den Landkreisen kontrolliert werden darf. (§ 2, § 11 und § 16 TierSchG)
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Das bedeutet, ein Krokodil darf nicht in der Badewanne gehalten werden oder  vegetarisch ernährt werden.
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Dieses Thema im Programm:
MDR SACHSEN-ANHALT - Das Radio wie wir | 07. September 2020 | 08:00 Uhr

Quelle: MDR/mx
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In Sachsen-Anhalt könne jeder, der 18 oder älter sei, eine Giftschlange kaufen, ohne dass jemand die Kenntnisse oder die Haltungsbedingungen prüfe, kritisiert er. "Man geht auf die Messe, holt sich die Giftschlange ab und hat eine 'Waffe'’, wenn man es so sieht."

Patrick Nadazy hält in seinem Wohnzimmer viele exotische Tiere.
Patrick Nadazy vor einem seiner Terrarien Bildrechte: MDR/Daniel Tautz

In die Haltung seiner Schlangen steckt Patrick Nadazy viel Zeit, Geld und Energie, er besucht Lehrgänge und hilft überforderten Halterinnen und Haltern aus. Und er wolle nicht unter den wenigen leiden, die sich nicht vernünftig um ihre Haustiere kümmern.

Für sein eigenes Heim hat Patrick schon die nächsten Pläne: Eine grüne Baumpython will er sich kaufen – und große Leguane. Dafür soll sogar ein ganzer Streifen seines Wohnzimmers weichen, für einen kompletten Anbau voller Reptilien.

MDR (Daniel Tautz)

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT HEUTE | 23. Dezember 2021 | 19:00 Uhr

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