Neue Geburten-Leitlinie So unterschiedlich hat ein Vater die Geburten seiner Kinder erlebt

Luise Kotulla
Bildrechte: Alexander Kühne

Die Kinder von Julian Gottschalk kamen 2018 und 2021 auf die Welt — und ihre Geburten könnten kaum unterschiedlicher sein. Bei der ersten gab es Komplikationen und seine Frau hatte Todesangst. Die zweite war so schön, wie es Julian Gottschalk nicht für möglich gehalten hätte. Den Unterschied machte eine neue Geburten-Leitlinie. Gottschalk spricht im Interview über seine Gefühle während der Geburten und sagt: Es ist nicht egal, wie eine Geburt abläuft – auch nicht für den Vater.

Ein Vater hält sein lachendes kleines Kind in den Armen
Heute sind Julian Gottschalk, seine Frau und seine beiden Kinder eine glückliche Familie. Doch der Start war schwer. Bildrechte: MDR/Engin Haupt

Achtung: Die folgenden Antworten können für Schwangere oder Mütter mit schwierigen Geburtserfahrungen verstörend sein.

MDR SACHSEN-ANHALT: Hast du dich gefreut, bei der Geburt deines ersten Kindes dabei zu sein?

Julian Gottschalk: Ja, ich habe mich schon darauf gefreut. Ich hatte aber auch ein bisschen Respekt vor dem ganzen Prozess, weil ich durch den Geburtsvorbereitungskurs auch mitbekommen hatte, dass eine Geburt anstrengend sein kann. Und die Rolle als Mann war mir nicht so richtig klar. Irgendwie sollte man so eine Art Sprachrohr sein. Und da war ich auch selbst ein bisschen unsicher. Aber eigentlich habe ich mich sehr gefreut, dass wir ein Kind bekommen.

Eine junge, lachende Familie in einem Strandkorb
Bildrechte: Nina Conzen

Julian Gottschalk Julian Gottschalk und seine Frau Nina Conzen haben zwei Söhne. Sie sind ein und drei Jahre alt. Momentan ist Julian noch in Elternzeit, insgesamt ein halbes Jahr. Der 32-Jährige ist Ausstellungsgestalter für Museen, kommt aus Berlin und lebt seit seinem Studium an der Kunsthochschule Burg Giebichenstein in Halle.

Wie hast du die Geburt erlebt?

Es war ja fast so, dass ich vom Krankenhaus noch mal nach Hause gegangen wäre. Doch dann ist die Fruchtblase geplatzt. Wir haben dann quasi eine Nachtschicht lang überbrückt, in der wir Kraft sammeln und schlafen sollten. Was bei mir ein bisschen funktioniert hat, bei Nina gar nicht. Nina hat sehr viel erbrochen und war schon ganz schön schlapp, als es so richtig losging und wir in den Kreißsaal umgezogen sind.

Und dann war es für mich überraschend, weil ich vom Geburtsvorbereitungskurs so eingestellt war, dass ich meine Frau motiviere und für sie da bin, mit ihr atme, ihr die Hand halte und dass wir das zusammen machen.

Doch ab einem gewissen Punkt kam so ein Zweifel bei meiner Frau, dass etwas nicht stimmt, und das relativ früh. Mit dem hatte ich nicht gerechnet. Damit konnte ich nicht umgehen.

Julian Gottschalk unterstützte seine Frau bei der Geburt

Die Hebamme hat gesagt, sie sieht keine Indikation, keinen Anlass, nachzusehen. Meine Frau meinte aber, da stimmt irgendetwas nicht und sie möchte einen Arzt haben. Ich war weiter erst einmal in dem Modus, zu sagen: "Doch, wir schaffen das, du schaffst das und es wird auch wieder besser."

Aber gleichzeitig haben wir uns in der Phase voneinander entzweit, emotional. Nina hat irgendwann gemerkt, sie muss jetzt da durch, obwohl sie überhaupt nicht will, weil keiner hilft. Und ich habe auch keinen Zugang mehr gehabt, ihr zu helfen. Ich war schon eine Stütze, aber ziemlich unbeholfen. Wir wurden ziemlich allein gelassen.

Wie ging es dir in dem Moment?

Ich fühlte mich irgendwie hilflos. Weil dann die Hebamme gefühlt einmal stündlich für eine oder zwei Minuten bei uns war, ansonsten eine Schülerin von ihr, eine Auszubildende quasi, die aber auch überfordert wirkte, weil sie gesehen hat, dass wir uns quälen.

Und ich wusste auch nicht damit umzugehen, dass die Hebamme quasi die Hilfe verweigert hat. Außerdem wollte ich ihr ja erst einmal auch vertrauen, weil sie schon sehr erfahren wirkte.

Hast du mit deiner Partnerin mitgelitten?

Also ich bin jemand, der eher verdrängt. Ich kann gar nicht sagen, ob mir in der Situation schon alles über den Kopf gewachsen ist. Vielleicht habe ich erst einmal gedacht, ich mache stoisch mein Ding, unser Ding, wie ich es gelernt habe. Und es wird irgendwie funktionieren. Vielleicht, dachte ich, halten wir auch noch die Stunden aus, bis die Ärzte sehen: Jetzt müssen wir etwas machen.

Aber im Nachhinein fühle ich mich auf jeden Fall schlecht, weil ich das Gefühl habe, ich hätte etwas tun müssen. Egal, was ich denke. Nina hatte dieses Gefühl, und dem hätte man auf jeden Fall Beachtung schenken müssen.

Nina hatte dir gesagt, dass sie Angst um ihr Leben hat?

Genau. Sie hat den Schmerz beschrieben, dass er sehr krass ist und auch, dass sie wirklich Angst hat zu sterben. Und dann war meine Reaktion: "Nein, du stirbst nicht." Vom Gefühl her habe ich eher beschwichtigend reagiert. Das hat ihr aber nicht geholfen, weil sie gemerkt hat, dass wirklich etwas nicht stimmt.

In den Stunden nach dem Ausruf der Todesangst haben wir uns irgendwie komplett entfremdet. Also ich war immer dabei, habe mit geatmet, ihren Kopf genommen, gegen meine Brust gehalten, wenn sie sich ausgeruht hat und schon so schlapp war, dass sie sich kaum halten konnte. Aber wir hatten uns entfremdet. Ich habe immer gehofft, in jedem Moment geht die Tür auf und dann passiert endlich etwas.

Ein junger Vater hält sein Baby zum "Bäuerchen".
Es war ein steiniger Weg, bis Julian Gottschalk seinen Sohn in die Arme schließen konnte. Bildrechte: Nina Conzen

Nach einem Tag mündete die Geburt dann im Kaiserschnitt. Wie war die erste Zeit zu dritt?

Ich fand es sehr, sehr schwer. Also erstmal hatten wir uns ein Familienzimmer zusagen lassen. Das haben wir nicht bekommen, weil unser Kind auf die Neonatologie musste, weil er noch Fieber hatte. Aber weil das Kind nicht bei der Mutter war, konnte ich auch nicht bei der Mutter bleiben. Wir waren alle drei getrennt und das fast eine Woche lang.

Ein junger Vater hält sein Baby auf dem Arm.
Die erste Zeit mit Kind war für die junge Familie schwierig. Bildrechte: Nina Conzen

Es war sehr schwer, in dieser Situation zusammenzuwachsen. Eigentlich hat man es zusammen erlebt. Wir hatten aber ganz unterschiedliche Perspektiven und es hat ewig gedauert, bis wir die Geburt verarbeitet hatten. Das hat uns entzweit. Und das ist unnötig und auch sehr blöd, weil man sich ja auf dieses Kind einstellen möchte. Aber irgendwie waren wir noch mit etwas anderem verhaftet. Auch zu Hause, als wir dann nach einer Woche nach Hause gehen konnten, war die Bindung zwischen Nina und mir erst einmal nicht so da. Also ganz anders als beim zweiten Kind.

Wie ging es dir damit, dann auch bei der Geburt eures zweiten Kindes dabei zu sein?

Ich hatte schon sehr Respekt. Wir haben uns dann aktiv damit auseinandergesetzt, wie so eine zweite Geburt stattfinden kann, dass wir irgendwie gut da raus gehen. Und das hat uns dann auch wieder zusammengeschweißt. Wir haben uns nach den Gesprächen mit den Hebammen immer wieder ausgetauscht und haben gemerkt, wir sprechen dann doch eine Sprache. Wir wissen, was Nina braucht und wie ich mich gut einbringen kann und für sie da sein kann.

Ansonsten war das eine ganz andere Umgebung. Und es waren mehr Personen, es war eine 3:1-Betreuung: zwei Hebammen und eine Doula. Also lag weniger Last auf mir und ich konnte immer mit fragen. Das hat es sehr entspannt.

Ich hatte während der Geburt keine Angst. Es war die ganze Zeit das Gefühl, dass es machbar ist. Und wenn es nicht machbar ist, hatten wir immer noch das kleine Team, das Nina unterstützt.

Julian Gottschalk Zweifacher Vater

Nina fühlte sich emotional super aufgefangen, genauso von medizinischer Seite. Sie war die zentrale Person im Raum und wurde diesmal immer wieder gefragt, wie es ihr gerade geht. Da hat sie sich wirklich einfach als Expertin gefühlt — was ja auch naheliegt, dass man als die Person, die gerade ein Kind zur Welt bringt, in dem Moment am besten weiß, was los ist und wie es ihr geht.

Hattest du mit einer positiven zweiten Geburt gerechnet?

Dass wir eine so krass schöne Geburtserfahrung haben, hätte ich im Leben nicht gedacht. Ab dem ersten Tag der Schwangerschaft hätte ich nie damit gerechnet, dass es so sein kann. Es war sehr heilsam für uns.

Ein junger Vater mit Kinderwagen
Julian Gottschalk verbringt viel Zeit mit seinen Kindern. Bildrechte: MDR/Luise Kotulla

Nina konnte das Ganze sehr selbstbestimmt bestreiten. Und sie hat es geschafft. Auch die Stimmung war immer sehr feinfühlig und irgendwie locker. Also es war kein Stress im Raum. Wir haben viel geschwiegen und in manchen Situationen auch gelacht, weil dann irgendeine Antwort vielleicht schnippisch war. Es war einfach eine top Geburt.

War die Zeit danach einfacher als beim ersten Kind?

Wir waren sofort ein Team und wir waren viel entspannter und einfach auch happy. Dass wir diese schöne Geburt hatten, hat uns viel Kraft gegeben für die erste Zeit, wenn es mal ein bisschen kniffliger war. Aber im Endeffekt war auch unser Baby sehr entspannt. Und ich glaube, da half auch die Geburt und die erste Begegnung mit uns — wie wir drauf waren, das strahlt schon auf ein Baby ab, würde ich sagen.

Glückliche Eltern sitzen mit ihrem Kind auf einer Decke.
Ihr zweites Kind hatte einen leichteren Start ins Leben. Bildrechte: MDR/Luise Kotulla
Luise Kotulla
Bildrechte: Alexander Kühne

Über die Autorin Luise Kotulla arbeitet seit 2016 als freie Mitarbeiterin bei MDR SACHSEN-ANHALT. Schwerpunkte der gebürtigen Hallenserin sind Themen aus dem Süden Sachsen-Anhalts, rund um engagierte Menschen und Probleme vor Ort. Außerdem ist sie für MDR um 4 als Fernsehredakteurin unterwegs.

Bevor sie zum MDR kam, hat sie beim Stadtfernsehen TV Halle gearbeitet. Sie studierte Geschichte, Medienwissenschaft und Online-Journalismus in Halle und Großbritannien. Ihre Lieblingsorte in Sachsen-Anhalt liegen in und um Halle, im Burgenlandkreis und im Harz.

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MDR (Luise Kotulla)

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT HEUTE | 19. Juni 2022 | 19:00 Uhr

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