Geburtshilfe Wie Familien in Sachsen-Anhalt von einer neuen Geburten-Leitlinie profitieren

Luise Kotulla
Bildrechte: Alexander Kühne

Vor anderthalb Jahren ist eine neue Geburten-Leitlinie veröffentlicht worden. Demnach müsste sich die Geburtshilfe eigentlich radikal verändern: Darin wird eine 1:1-Betreuung empfohlen. Medizinische Eingriffe während der Geburt, die in Krankenhäusern Standard sind, sollen unterlassen werden – weil sie mehr schaden als nutzen. Wie Hebammen und Ärzte in Sachsen-Anhalt mit der neuen Leitlinie umgehen.

Eine Frau sitzt während der Wehen auf dem Geburtshocker und wird von ihrer Hebamme betreut
Die neue S3-Leitline zur Vaginalen Geburt am Termin will nur das Beste für Kind und Mutter. Sie gilt für Geburten, die innerhalb von fünf Wochen um den errechneten Geburtstermin stattfinden. (Symbolbild) Bildrechte: IMAGO / imagebroker

"Störe keine Geburt" – so könnte die neue "S3-Leitline zur Vaginalen Geburt am Termin" auf den Punkt gebracht werden. Doch in den Kreißsälen in Sachsen-Anhalt sieht die Realität oft anders aus. Die Frauen bekommen vorsorglich eine unangenehme Venenkanüle in Hand oder Arm gestochen, viel zu häufig werden sie vaginal untersucht oder ans CTG angeschlossen, mit dem die Herztöne des Kindes und die Wehen der Mutter gemessen werden.

Seit Veröffentlichung der Leitlinie im Dezember 2020 gilt jedoch eigentlich: Es soll keine Interventionen geben, die keinen nachgewiesenen Nutzen haben. Und da bleibt nicht viel übrig.

Was ist die S3-Leitlinie?

Während der Entbindung wird die Schwangere von ihrer Hebamme akupunktiert
Für die Leitlinie wurden weltweit Studien gesichtet, auch zu Akupunktur während der Geburt. Bildrechte: IMAGO / imagebroker

In Leitlinien geben Expertinnen und Experten ihren Fachkollegen Empfehlungen. Das gibt es in vielen Bereichen der Medizin. Stufe 3, also S3, ist die höchste Qualitätsstufe in Deutschland. Alle beteiligten Fachgesellschaften und die Betroffenen, in diesem Fall Schwangere oder ehemals Schwangere, samt weiterer Interessengruppen, waren einbezogen. Systematisch wurden alle Studien zum Thema weltweit gesichtet. Das rund 250 Seiten lange Dokument gilt deutschlandweit, hat Empfehlungscharakter und soll Orientierung bieten. Kliniken, Geburtshäuser und Hausgeburtshebammen sollten es lesen und bestenfalls umsetzen.

Für wen genau gelten die Empfehlungen?

Die S3-Leitlinie zur Vaginalen Geburt am Termin gilt für Geburten, die genau darauf zutreffen. Zielgruppe sind Schwangere bzw. Gebärende und deren Kinder, die zwischen Schwangerschaftswoche 37+0 bis 41+6 auf die Welt kommen. Weitere Bedingung: Es darf nur ein Kind sein und das muss aus Schädellage geboren werden, also mit dem Kopf voran.

Warum es die neue Geburten-Leitlinie gibt

Die S3-Leitlinie zur Vaginalen Geburt am Termin war nötig geworden, weil es bis dahin keine aktuellen Empfehlungen dieser Qualität gegeben hat. Viele Punkte, die in der neuen Leitlinie abgedeckt sind, wurden zudem bisher gar nicht thematisiert.

Wer an der Leitlinie mitgearbeitet hat 

Federführend waren die Deutsche Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe sowie die Deutsche Gesellschaft für Hebammenwissenschaft. Außerdem waren unter anderem der Arbeitskreis Frauengesundheit, der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte oder die Deutsche Gesellschaft für Anästhesiologie & Intensivmedizin eingebunden. Das Team umfasste mehrere dutzend Menschen, darunter auch aus Österreich und der Schweiz.

Geburtserlebnis im Blick – das will die Leitlinie

Der Fokus liegt nicht mehr ausschließlich darauf, dass das Kind gesund sein soll. Es geht vielmehr um ein gutes, selbstbestimmtes Geburtserlebnis für die ganze Familie – wozu natürlich auch gehört, dass die Geburt sicher sein muss. In der Leitlinie ist es so formuliert:

Ein wesentliches Ziel […] ist die bestmögliche körperliche und emotionale Gesundheit für Mutter und Kind.

S3-Leitlinie zur Vaginalen Geburt am Termin
Eine Hebamme zeigt im Kreissaal einer schwangeren Frau und ihrem Mann einen entlastenden Griff gegen den Wehenschmerz.
Geburten können auch durch Bewegung oder Massagen erleichtert werden. Medizinische Eingriffe sind oft nicht nötig. Bildrechte: dpa

Eingriffe in den Geburtsprozess – sogenannte Interventionen – soll es nur geben, wenn "mit größtmöglicher Wahrscheinlichkeit mehr Nutzen als potenzieller Schaden erzielt wird". Zu den Interventionen zählen beispielsweise das dauerhafte Schreiben eines CTGs oder das Legen eines intravenösen Zugangs, auch Flexüle genannt. Beides wird für gesunde Schwangere nicht mehr empfohlen. Interventionen sollen zudem nur in Abstimmung mit der Gebärenden vorgenommen werden. Wenn es keinen Anlass dazu gibt, sollen sie weggelassen werden. Das war bisher besonders in Kliniken nicht selbstverständlich.

Die wichtigsten Punkte der Leitlinie

  • 1:1-Betreuung wird empfohlen, für eine Gebärende soll eine Hebamme zuständig sein
  • Dauer-CTG ohne Anlass wird nicht mehr empfohlen – allerdings ist die 1:1 Betreuung Voraussetzung

Dauer-CTG lässt Kaiserschnittrate steigen

Fast 90 Prozent der CTG-Untersuchungen liefern fälschlicherweise positive Befunde. Dem Kind geht es also eigentlich gut. Wenn die Herztöne des Kindes allerdings besorgniserregend scheinen, müssen Interventionen folgen und der natürliche Ablauf der Geburt wird gestört. Dort, wo viele CTGs geschrieben werden, ist die Kaiserschnittrate höher. Quelle: Mitautorin der Leitlinie, Prof. Christiane Schwarz

  • kein standardmäßiges Legen einer Flexüle in die Vene
  • vaginale Untersuchung ohne Grund oder Wunsch der Gebärenden nur alle vier Stunden, auch zum Ende der Geburt hin
  • der Gebärenden soll angeboten werden, die Wehen zur Linderung der Schmerzen im Wasser zu verarbeiten
  • Austreibungsphase ist in Austrittsphase umbenannt, da das Wort negativ konnotiert ist
  • mehr Zeit für alle Geburtsphasen
  • die Gebärende soll sich von ihrem eigenen Pressdrang leiten lassen und nicht angeleitet werden

Das gesamte Dokument kann hier kostenfrei heruntergeladen werden.

Welche Rechte haben die Schwangeren?

Schwangere haben das Recht darauf, nach neuesten medizinischen Erkenntnissen behandelt zu werden. Darauf, dass die Leitlinie exakt umgesetzt wird, können sie jedoch nicht bestehen. Nachfragen ist allerdings unbedingt erlaubt und kann beispielsweise die Wahl des Geburtsortes beeinflussen. Frauen können den Wunsch nach Einhaltung der Leitlinie beispielsweise im Vorgespräch mit der Klinik äußern oder, falls vorhanden, in ihren Geburtsplan schreiben.

Das sagt eine Hausgeburtshebamme zur Leitlinie

Susanne Gonschior arbeitet im Salzlandkreis als Hausgeburtshebamme – aus Überzeugung. Sie betreut ihre Schwangeren und Gebärenden schon lange so, wie es nun die Leitlinie empfiehlt. "Ich habe mir überhaupt keine Gedanken gemacht, dass man überhaupt so eine Leitlinie entwickeln müsste, weil das für mich selbstverständlich ist", sagte sie MDR SACHSEN-ANHALT.

Eine Frau mit langem Haar blickt in die Kamera.
Susanne Gonschior arbeitet seit knapp 20 Jahren als Hebamme. Bildrechte: Esther Gonschior

Von der aktuellen Geburtshilfe in Kliniken hat die Hausgeburtshebamme keinen guten Eindruck: "Weil immer noch sehr viel über die Frauen hinweg entschieden wird. Das sind die Erfahrungen, die ich von Frauen mitgeteilt bekomme, die eine Verlegung erleben mussten, wo also die Geburt nicht zu Hause zu Ende gehen konnte". Entscheidungen würden seitens des Personals getroffen, weniger in Mitbestimmung mit den Eltern. "Wenn medizinische Notfälle sind, ist das auch in Ordnung", so Susanne Gonschior. "Aber viele Verlegungen werden prophylaktisch gemacht, zum Schutz. Und da kann man die Frauen immer noch in Entscheidungsprozesse miteinbeziehen."

Für eine normale Geburt würde Medizin laut Susanne Gonschior überhaupt nicht gebraucht. "Man braucht Achtsamkeit, man braucht Wachheit, Klarheit und man braucht bestenfalls ein Holz-Hörrohr, um die Herztöne des Kindes zu hören. Oder auch ein kleines Dopton, so ein kleines Ultraschallgerät, womit man die Herztöne messen kann." Sie selbst hat im vergangenen Jahr rund 50 Kinder bei Hausgeburten in die Welt begleitet. Ihren Schwangeren empfiehlt sie, die Kurzfassung der Leitlinie zu lesen, falls sie doch in eine Klinik müssen.    

Das sagen Geburtskliniken im Land

Vorneweg: Die Leitlinie allein ist nicht die Lösung. Auch die Strukturen im Gesundheitssystem müssen sich ändern, damit die Leitlinie bestmöglich umgesetzt werden kann – wenn es beispielsweise um zu wenig Personal geht.

Krankenhaus St. Marienstift in Magdeburg

Ein schönes, altes Gebäude. Auf der Wiese davor steht ein gebastelter Storch.
Für die Klinik in Magdeburg waren die Wünsche der Schwangeren schon immer wichtig. Bildrechte: Krankenhaus St. Marienstift Magdeburg

Im Krankenhaus St. Marienstift in Magdeburg hat die vor anderthalb Jahren veröffentlichte S3-Leitlinie bereits zu Veränderungen in der Geburtshilfe geführt – auch wenn man hier nach eigener Aussage schon zuvor sehr nah an der Leitlinie gearbeitet hat. "Wir wurden aufgestockt und arbeiten seit Januar 2022 im Zweiersystem, das heißt zwei Hebammen pro Schicht", sagte die Leitende Hebamme Melanie Hennig MDR SACHSEN-ANHALT. Das ermögliche eine individuellere und intensivere Betreuung für jedes einzelne Paar. "Aber es gibt natürlich auch Tage, wo mehr zu tun ist. Wo man also auch ein bisschen von diesem 1:1-Betreuungsprinzip abweichen muss." Jährlich kommen auf ihrer Geburtsstation etwa 1.000 Kinder zur Welt, also zwei bis drei pro Tag.

Mit der Leitlinie haben sich laut Melanie Hennig im St. Marienstift die CTG Kontrollen, die unter der Geburt angesetzt sind, gelockert. "Wir haben uns jetzt so ein Dopton angeschafft, das heißt, dass wir kurzzeitige CTG-Kontrollen oder Herztonaufzeichnungen aufnehmen können, ohne dass die Frauen dauerhaft oder sehr häufig am CTG angeschlossen sind." Und die Wünsche der Frauen und Familien würden sowieso einfließen.

"Was wir noch machen müssen, sind zum Beispiel bei einem vorzeitigen Blasensprung die Überwachung oder die Einleitungs-Methoden danach. Die Zeit, wann wir einleiten, das muss noch ein bisschen erweitert werden. Da sind wir dran." Das Kollegium sei im regelmäßigen Austausch mit den Ärzten, woran in der nächsten Zeit gearbeitet werde. Generell habe die S3-Leitlinie alle bestärkt, denn vieles sei bereits ganz selbstverständlich umgesetzt worden – dass Frauen in aufrechter Position entbinden können, sie essen und trinken dürfen, und Wünsche wie nach dem Auspulsieren der Nabelschnur erfüllt werden.

Altmark-Klinikum mit den Geburtskliniken in Gardelegen und Salzwedel

Eine Hebamme hält zwei Babys in den Armen.
Die ersten Zwillinge des Jahres, die im Altmark-Klinikum Salzwedel zur Welt kamen. Bildrechte: Altmark-Klinikum

Im Altmark-Klinikum ist die Leitlinie auch bekannt, kontinuierlich würden neue wissenschaftliche Erkenntnisse in Handlungsvorgaben des klinikinternen Qualitätshandbuches eingearbeitet. Dieses Handbuch gelte als Leitlinie der ärztlichen, pflegerischen und der Hebammen-Tätigkeit.

"Die Inhalte einer S3-Leitlinie sind der 'kleinste gemeinsame Nenner auf der Basis des aktuellen Wissensstandes' und enthalten damit keine großartigen Neuerungen für die Geburtshilfe", so Pressesprecherin Ivonne Bolle. Im Klinikalltag habe sich weder für die Ärzte noch die Hebammen mit Erscheinen der Leitlinie Wesentliches verändert. Entsprechende Handlungsstrategien seien bereits im Alltag angewandt worden.

Allen Frauen, die in der Klinik entbinden, schulde das Kollegium eine Behandlung nach anerkannten Leitlinien als Mindeststandard, so Ivonne Bolle. Eine 1:1-Geburt sei üblich – also eine Frau unter der Geburt und eine Hebamme. Im Vorjahr hatten im Altmark-Klinikum Gardelegen mehr als 270 Kinder das Licht der Welt erblickt, im Salzwedeler Altmark-Klinikum 420.

Krankenhaus St. Elisabeth und St. Barbara Halle

Dr. Sven Seeger, Chefarzt der Klinik für Geburtshilfe am Krankenhaus St. Elisabeth und St. Barbara
Dr. Sven Seeger ist Chefarzt der Klinik für Geburtshilfe am Krankenhaus St. Elisabeth und St. Barbara in Halle. Bildrechte: Krankenhaus St. Elisabeth und St. Barbara / Warmuth

Im halleschen Elisabethkrankenhaus fiel das Erscheinen der Leitlinie passenderweise mit der Etablierung des Hebammenkreißsaals in der Klinik zusammen. Für das Team war die Leitlinie um Chefarzt Sven Seeger aber in mancher Hinsicht auch eine Enttäuschung, da sie in wesentlichen Teilen nicht neu sei, sondern beinahe eine 1:1-Übersetzung der britischen Empfehlungen. "Wir hätten uns schon mehr Innovation erhofft. Zumal das britische Gesundheitssystem nicht zwingend mit dem in Deutschland zu vergleichen ist", so der Chefarzt der Klinik für Geburtshilfe.

Zudem seien viele Fachleute an der Entstehung der Studie beteiligt gewesen, die der außerklinischen Geburtshilfe besonders verbunden seien. "Im Kreißsaal wird uns immer wieder vor Augen geführt, wie bei zunächst normal verlaufender Geburt plötzliche Komplikationen entstehen, wo nur durch den Background einer gut organisierten Klinik Schaden von Mutter und Kind abgewendet werden kann", so Seeger. Somit stünde das Team ganz klar für eine Klinikgeburtshilfe, so sanft, aber auch so sicher wie möglich. Pro Jahr kommen in der Klinik etwa 2.000 Kinder zur Welt, damit sei man die geburtenstärkste Klinik in Sachsen-Anhalt.

Viele Punkte der Leitline habe man in den eigenen langjährigen Standards und den Betreuungskonzepten wiedergefunden. In einem zentralen Punkt könne das Team aber nicht mitgehen – dem zum CTG. "Auch wenn wir als Ärzte und Hebammen die Schwächen dieser Methode, insbesondere einer hohen sogenannten "Falsch Positivrate" kennen, so können wir uns, in Mangel von umsetzbaren Alternativen, nicht mit dem in der Leitlinie formulierten weitestgehenden Verzicht auf das CTG in der Routine identifizieren", sagte Chefarzt Sven Seeger.

Zudem formuliere die Leitlinie einen personellen Betreuungsanspruch unter der Geburt, wie er für viele Kliniken in Deutschland völlig unrealistisch sei. Das Elisabethkrankenhaus habe alle Hebammenstellen besetzt und könnte eine Hebammenbetreuung im 1:1-Verhältnis zu mehr als 80 Prozent umsetzen. Doch in vielen Kliniken sähe das anders aus.

Generell sollte mit einer Schwangeren immer ein informierter Konsens über die Art und Weise ihrer Entbindung bestehen. "Wir können nur empfehlen und beraten", so der Chefarzt. 

Luise Kotulla
Bildrechte: Alexander Kühne

Über die Autorin Luise Kotulla arbeitet seit 2016 als freie Mitarbeiterin bei MDR SACHSEN-ANHALT. Schwerpunkte der gebürtigen Hallenserin sind Themen aus dem Süden Sachsen-Anhalts, rund um engagierte Menschen und Probleme vor Ort. Außerdem ist sie für MDR um 4 als Fernsehredakteurin unterwegs.

Bevor sie zum MDR kam, hat sie beim Stadtfernsehen TV Halle gearbeitet. Sie studierte Geschichte, Medienwissenschaft und Online-Journalismus in Halle und Großbritannien. Ihre Lieblingsorte in Sachsen-Anhalt liegen in und um Halle, im Burgenlandkreis und im Harz.

 

Mehr zum Thema Geburt

MDR (Luise Kotulla)

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT HEUTE | 19. Juni 2022 | 19:00 Uhr

404 Not Found

Not Found

The requested URL /api/v1/talk/includes/html/a9b6b2e9-b4e4-4c69-98e2-eee3f9363e2f was not found on this server.

Mehr aus Sachsen-Anhalt

Kultur

mit Audio
Im Spiegelsaal von Schloss Köthen Sie die Geschichte Sachsen-Anhalts entdecken, genauso wie beispielsweise im Museum für Ur- und Frühgeschichte in Halle an der Saale. Bildrechte: Michael Moser
Aus der Vogelperspektive: Lkw-Kolonne auf einer Autobahn 1 min
Lkw-Kolonne auf der A2 nahe dem Rasthof Börde nach einem Unfall Bildrechte: Matthias Strauss