Kleinstes Stadttheater in Deutschland Wie das Theater in Naumburg die ganze Stadt zur Bühne macht

Luca Deutschländer
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Das Theater in Naumburg wirbt als kleinstes Stadttheater Deutschlands für sich. Gerade mal vier Schauspielerinnen und Schauspieler zählt das Ensemble. Vor fünf Jahren bekamen sie den Theaterpreises des Bundes – und mit ihm viel Aufmerksamkeit. Das Theater ist auch deshalb erfolgreich, weil es zu den Menschen geht, die ganze Stadt bespielt. Das soll auch dann so bleiben, wenn bald die neue Spielstätte gebaut wird. Ein Besuch.

Es gibt da diese Metapher mit der Fußballmannschaft. Elf Leute, ein Team. Da sind die Angreifer, die da sind, wenn es drauf ankommt, das kreative Mittelfeld und die Verteidigung im Hintergrund. Vier Schauspieler haben sie am Theater in Naumburg, drei Techniker und noch einmal vier Leute für alles Organisatorische, die Requisite, die Schneiderei. Elf Leute insgesamt also. Und einen, der an der Seitenlinie steht und alles zu lenken versucht.

In diesem Fall hat der Mann, der die Metapher benutzt, mit Fußball eigentlich gar nichts zu tun – außer, dass er gern mal ein Spiel vorm Fernseher ansieht. Im Hauptberuf aber ist Stefan Neugebauer Regisseur und Intendant. Man könnte auch sagen: Er ist Theatermacher, vielleicht der wichtigste in Naumburg. Der zwölfte Mann.

Intendant Stefan Neugebauer steht vor dem Eingang des Theaters in Naumburg, über dessen Eingang eine geschwungene Skulptur zu sehen ist.
Intendant Stefan Neugebauer vor dem Theater in Naumburg. Hier arbeitet der gebürtige Potsdamer seit 2015. Bildrechte: MDR/Luca Deutschländer

Das Theater in Naumburg ist auf den ersten Blick unscheinbar. Jetzt im Frühsommer ist es hinter Bäumen versteckt, sodass man es leicht übersehen kann. Andererseits ist es so präsent in der Kleinstadt im Burgenlandkreis, dass man irgendwie gar nicht an ihm vorbeikommt, wenn man mit Kultur ein bisschen was anfangen kann.

2015 als Intendant nach Naumburg gekommen

Vieles davon hat mit Stefan Neugebauer zu tun. Er ist der Intendant des kleinsten Stadttheaters in Deutschland. Geboren in Potsdam und 2015 aus Berlin nach Naumburg gekommen, lebt Neugebauer im Burgenlandkreis das aus, was er sein Faible nennt: Theater an ungewöhnlichen Orten zu spielen. Er begreife die Stadt als Bühne, sagt er.

Blick in das Foyer des Theaters in Naumburg, in dem mehrere Stühle und Tische stehen.
Das Foyer im Theater Naumburg Bildrechte: MDR/Luca Deutschländer

Man muss dazu wissen, dass der eigentliche Spielort des Naumburger Theaters eigentlich nicht dafür gemacht ist, dort Theater zu spielen. In dem denkmalgeschützten Gebäude in der Innenstadt war früher mal eine Kneipe, die alten Fenster erinnern noch daran. Heute haben sie sich hier längst irgendwie eingerichtet. Auf der einen Seite der Bühne ist das Lager, auf der anderen die Maske. Doch es gibt Tücken: Der Theaterpädagoge hat seinen Arbeitsplatz in der Küche. Ohne zu improvisieren geht es eben nicht beim Theater. Und dann ist da noch die Sache mit der Barrierefreiheit – die existiert schlicht nicht.

Man könnte sagen, dass sie am Theater Naumburg aus der Not eine Tugend gemacht haben. Wenn die eigene Spielstätte nicht mehr taugt für alle Ansprüche, geht man eben woanders hin. In den Worten von Intendant Neugebauer: "Es ist unsere Überlebensstrategie."

Das steht aktuell auf dem Spielplan

Der Juni startet im Theater Naumburg mit einer Premiere: Ab 10. Juni steht beim Sommertheater in der Spielstätte am Marientor "Baskerville" auf dem Spielplan. Der berühmte Sherlock-Holmes Krimi wird in der Inszenierung am Naumburger Theater laut dessen Angaben zur Komödie. Außerdem werden regelmäßige Führungen durch die Fotoausstellung "Die Augen der Frida Kahlo" in der Galerie am Schlösschen angeboten, die nächste am 18. Juni. Kurz darauf bietet das Theater zwei Zusatzvorstellungen der Inszenierung "Zwei Fridas" an, die sich ebenfalls mit dem Wirken der mexikanischen Malerin Frida Kahlo befasst, am 21. und 22. Juni im Ratskellersaal.

Karten können unter 03445 27 34 80 sowie an der Tourist-Information am Markt in Naumburg gekauft werden.

Nacht/Außen/Quer: Theater Naumburg. Außenfront mit Eingang und Schriftzug und Baum (re.)
Das Theater Naumburg Bildrechte: MDR/Michael Rosebrock

Um die Überlebensstrategie näher zu erklären, hat Stefan Neugebauer zu einem Spaziergang eingeladen. Wer schon mal in der Altstadt von Naumburg war, weiß, dass das Städtchen viel zu bieten hat und kaum etwas gemein hat mit den Klischees, gegen die der Burgenlandkreis anzukämpfen versucht. Von wegen Tristesse und Strukturschwäche.

Es ist der Freitag nach Himmelfahrt und es nieselt. Die Altstadt ist trotzdem voll von Menschen, die an den kleinen Läden vorbeischlendern oder, im Reisebus angekarrt, den Dom besichtigen. Auf dem Weg zum Markt erzählt Neugebauer mit seiner durchdringenden Stimme, wie das Theater versucht, die ganze Stadt zur Bühne zu machen.

Wenn wir ein Pfund haben in Naumburg, ist es die Kultur. Wir haben den Dom, wir haben Nietzsche, wir haben das Theater, tolle Winzer und eine tolle Altstadt.

Stefan Neugebauer Intendant am Theater Naumburg

Theater trifft Galerie

Er erzählt von Theaterspaziergängen zu Nietzsche und vom großen Renommee, das ihnen der Theaterpreis des Bundes 2017 gebracht hat, der gestiegenen Aufmerksamkeit. Klar: Sommertheater spielen sie in Naumburg schon lange draußen am Marientor. Doch das reichte Neugebauer nicht.

In einer Galerie hängen Werke eines Fotografen, die an die mexianische Malerin Frida Kahlo erinnern.
Das Theater Naumburg will sich in die Stadt spielen. Dazu gehören auch schon mal Ausstellungen wie aktuell in der Galerie am Schlösschen. Bildrechte: MDR/Luca Deutschländer

Auf der Rückseite der Tourist-Information zeigt der Indendant, wie sie sich das vorstellen, die Stadt zu bespielen. Oben in der ersten Etage sind gerade Bilder des Berliner Fotografen Bert Loewenherz zu sehen. Der hat für seine Ausstellung die Selbstporträts der mexikanischen Malerin Frida Kahlo interpretiert und mit einer Schauspielerin Malerei in Fotografie übersetzt. "Wir sind eigentlich ja keine Ausstellungsmacher", sagt Intendant Neugebauer. Doch man spürt, wie sehr es ihm die Ausstellung angetan hat.

Die Stadt zu bespielen, das bedeutet in diesem Fall auch, die zur Ausstellung passende Inszenierung nur ein paar Meter weiter im Ratskeller aufzuführen. Dort spielen sie "Zwei Fridas", es ist die theatrale Auseinandersetzung mit dem Wirken von Kahlo als Ikone weiblicher Selbstdarstellung. Neugebauer selbst hat Regie geführt. Seine Idee: Der Besucher sieht sich erst die Ausstellung an, um dann nebenan die Inszenierung zu besuchen. Im Juni wird es wegen des großen Interesses zwei Zusatzvorstellungen geben.

Porträtfoto von Stefan Neugebauer, Intendant am Theater Naumburg 1 min
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Corona: Gerade mal Platz für 27 Menschen

Dass sie im Saal des Ratskellers spielen können, war nicht zuletzt wegen der Corona-Pandemie Gold wert. Als die Theater nach dem langen Lockdown im Frühsommer 2021 wieder öffnen durften, galten strenge Abstandsregeln. In ihrem Theater am Salztor hätten sie gerade mal 27 Plätze besetzen dürfen. Wirtschaftlich? Keinesfalls. Also fragte Intendant Neugebauer die Stadt Naumburg, ob man nicht den Saal im Ratskeller zur Bühne machen könne. Da fanden auch zu Corona-Zeiten 80 Leute Platz.

Gesagt, getan. Wo sonst der Stadtrat tagte, eroberte nun das Ensemble die Bühne. Der neue Pächter im Ratskeller kümmerte sich um die Bewirtung.

Ein Mann hält eine Beinprothese in den Händen.
Intendant Neugebauer im Ratskellersaal in Naumburg. Hier hat das Theater "Zwei Fridas" inszeniert und erzählt die tragische Geschichte der mexikanischen Malerin. Bildrechte: MDR/Luca Deutschländer

Hatte Neugebauer eine Vision, als er 2015 als Fremder nach Naumburg kam und die Stadt nur von einer Radtour entlang der Saale kannte? Eigentlich nicht, sagt er, um dann wieder auf sein Faible für Theater an ungewöhnlichen Orten zu verweisen. Er sei hier angekommen, versichert der Intendant. Wenn er über die Vorzüge von Naumburg redet, spricht er von "wir".

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Naumburg und wie es mit Unikaten punktet

Die Stadt Naumburg ist gewiss nicht repräsentativ für den Burgenlandkreis. Dafür sind die Probleme, die es etwa in Zeitz oder Weißenfels gibt, zu groß. Und sie sind die logische Folge der Geschichte: Denn während in Zeitz und Weißenfels die Industrie nach der Wende zusammenbrach, spielte sie in Naumburg nie eine so entscheidende Rolle. Mit dem Kohleausstieg steht Städten wie Zeitz absehbar der nächste Umbruch bevor.

Deshalb waren und sind die Einschnitte anderswo größer als Naumburg. Heute besticht die Kreisstadt mit ihrer Einzigartigkeit. Mit der historischen Straßenbahn zum Beispiel. Oder eben dem kleinsten Stadttheater mit gerade mal elf Beschäftigten.

Was das der Stadt gibt, hatte schon 2019 der damalige Oberbürgermeister Bernward Küper betont, als er davon sprach, wie lebenswert das Theater Naumburg mache. Küper erzählte damals vom "Stolz, sich sowas leisten zu wollen". Es liegt wohl auch daran, dass die Stadt als Trägerin des Theaters diesem nun eine neue Spielstätte spendiert. 3,5 Millionen Euro sollen am Alten Schlachthof nahe des Bahnhofs investiert werden, finanziert aus Fördergeld und einem Erbe. Diesen Sommer ist Baustart.

Bis das Theater dort einziehen wird, wird es noch dauern, weiß Intendant Neugebauer. Doch auch, wenn sie dann in ihrer neuen Spielstätte mehr Platz haben , wollen sie eines im kleinsten Stadttheater Deutschlands weiterhin tun: in die Stadt gehen und dadurch ihren "Fußballplatz" vergrößern.

Blick auf das frühere Gebäude eines Schlachthofs in Naumburg im Burgenlandkreis
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Neubau am Alten Schlachthof Das Theater in Naumburg bekommt eine neue Spielstätte am ehemaligen Schlachthof in der Nähe des Bahnhofs. Baustart ist nach Angaben von Intendant Neugebauer noch im Sommer 2022. Dann werden zunächst Bodenplatten herausgerissen, damit der neue Spielort barrierefrei ist.

Im neuen 20 Meter langen und sieben Meter hohen Theatersaal werden 110 Zuschauerinnen und Zuschauer Platz finden. Neu gebaut wird ein Eingangsfoyer, das sich vom Schlachthof-Gebäude abgrenzen soll. Fertig sein soll alles 2023, wobei Intendant Neugebauer 2024 für realistischer hält. Investiert werden sollen rund 3,5 Millionen Euro.

MDR (Luca Deutschländer)

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT – Das Radio wie wir | 30. Mai 2022 | 17:30 Uhr

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