Biografie vorgestellt Zwei Mal Krieg erlebt: 96-jährige Ukrainerin lebt nun in Bad Kösen

Hungersnot, stalinistischer Terror, Zwangsarbeit und zwei Konzentrationslager haben das Leben von Anastasia Gulej geprägt. Im März hat die 96-Jährige ihre Heimat Kiew aufgrund des Krieges in der Ukraine verlassen. Sie lebt aktuell in Bad Kösen und hat in dieser Woche ihre Biografie vorgestellt.

Seniorin
Die 96-jährige Ukrainerin Anastasia Gulej hat schon zum zweiten Mal Krieg erleben müssen. Bildrechte: MDR/Katharina Michel

Anastasia Gulej hat in ihrem Leben viel Leid erlebt. Man sieht es ihr nicht an, als sie in Bad Kösen in ihrem Garten in der Sonne sitzt – außer, wenn man ihren linken Unterarm genauer getrachtet. Dort ist die Nummer "61369" eintätowiert, ihre Häftlingsnummer aus dem ehemaligen Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau.

Heimat ist und bleibt Kiew

Eigentlich lebt Anastasia Gulej in der Ukraine. Doch dort herrscht momentan bekanntlich Krieg. Auch Gulejs Heimat Kiew wurde von russischen Truppen angegriffen. Zum Schutz verbrachte die 96-Jährige zwei Nächte in ihrem Keller. Für große Angst habe aber eine vorbeifliegende, brennende Rakete gesorgt, die ein anderes Haus getroffen hat. "Das war dann so erschreckend, dass der Krieg wieder in meinem Leben war, dass wir uns entschlossen haben zu fliehen", sagt sie.

Das war dann so erschreckend, dass der Krieg wieder in meinem Leben war, dass wir uns entschlossen haben zu fliehen.

Anastasia Gulej Ukrainerin

Gemeinsam mit ihrer Tochter Walentyna, ihrem Sohn Wasyl und ihrer Katze Buschinka fuhr sie in den Westen der Ukraine, nach Lwiw. "Wir dachten, dass wir dort nur ein oder höchstens zwei Wochen bleiben werden."

Bewegte Lebensgeschichte

Es ist bereits das zweite Mal in ihrem Leben, dass Anastasia Gulej Krieg miterleben muss. Sie wurde 1925 im Verwaltungsgebiet Poltawa in der Ukraine, damals noch Teil der Sowjetunion, geboren. Eine große Hungersnot und der Terror Stalins prägten ihrer Kindheit.

Mit gerade einmal 15 Jahren erlebte Gulej den Überfall der deutschen Truppen auf die Sowjetunion. Die Deutschen verschleppten sie zwei Jahre später zur Zwangsarbeit nach Schlesien. Gulej floh, wurde jedoch gefasst und kam ins Gefängnis.

Krieg in der Ukraine weckt Erinnerungen

Im September 1943 gelangte sie als politische Gefangene ins Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau. Dort arbeitete sie vor allem in einem Landwirtschaftsbetrieb des Lagers. Im Januar 1945 musste sie schließlich mit den anderen Häftlingen den "Todesmarsch" Richtung Westen antreten. Gulej wurde ins Konzentrationslager Bergen-Belsen gebracht, das im April 1945 von britischen Truppen befreit wurde.

Ich finde, das ist auch ein Genozid gegen die Ukrainer, gegen die Zivilisten, die einfach so schuldlos vernichtet werden vom sogenannten brüderlichen Volk.

Anastasia Gulej Ukrainerin

Nach dem zweiten Weltkrieg beendete sie die Schule und studierte Forstwirtschaft. Sie heiratete einen Kommilitonen und bekam drei Kinder. Außerdem beginnt sich Gulej in den 90er-Jahren, sie ist zu diesem Zeitpunkt bereits Rentnerin, als Zeitzeugin zu engagieren. Von alldem erzählt ihre Biografie "Poltawa, Auschwitz, Bergen-Belsen, Kyjiw. Die Lebensgeschichte der Anastasia Gulej", die in dieser Woche in Magdeburg und Weißenfels vorgestellt wurde.

Gulejs Leben ist von Entbehrungen geprägt

Anastasia Gulejs Vergangenheit ist von viel Leid geprägt. Der aktuelle Krieg in ihrer Heimat weckt bei ihr Erinnerungen an diese Vergangenheit. Die Ukrainerin erzählt, dass sie bei den ersten Angriffen in diesem Jahr an die Bombardierung Kiews 1941 denken musste und an ein Denkmal, das für die Opfer in ihrem Stadtteil errichtet wurde. Außerdem sieht sie Ähnlichkeiten: Damals habe es "Genozid gegen die Juden" geheißen, jetzt heiße es "der Krieg gegen das ukrainische Volk". Dabei fände sie die Formulierung auch in der aktuellen Situation angemessen. "Ich finde, das ist auch ein Genozid gegen die Ukrainer, gegen die Zivilisten, die einfach so schuldlos vernichtet werden vom sogenannten brüderlichen Volk", sagt Gulej.

Frau und Mann
Maik Reichel, Chef der Landeszentrale für politische Bildung, hat die Lebensgeschichte von Gulej aufgeschrieben. Bildrechte: MDR/Katharina Michel

Dass sie momentan in Bad Kösen wohnt, hat Anastasia Gulej auch Maik Reichel zu verdanken. Reichel ist Direktor der Landeszentrale für politische Bildung in Sachsen-Anhalt und kennt Gulej seit 2014. Er hat auch die Lebensgeschichte seiner ukrainischen Freundin aufgeschrieben. Dass sie wegen des Krieges in ihrer Heimat nach Deutschland kommt, daran habe er nicht geglaubt.

Sicherheit in Sachsen-Anhalt gefunden

Als er aber von ihrer Flucht nach Lwiw erfuhr, habe er mit ukrainischen Freunden die Chance ergriffen: "Jetzt sag Ihnen, ich fahre jetzt los und stehe morgen ab 6 Uhr an der Grenze Polen-Ukraine. Ich habe genau den Ort gesagt. Dort werde ich warten und sie muss kommen." Und Gulej ist gekommen. Am 9. März nahm Reichel sie und ihre Kinder in Polen in Empfang. Die Strapazen der Flucht habe man ihr nicht angesehen, sagt Reichel.

"Es war relativ normal für mich", sagt Gulej. "Am meisten hat die Katze gejammert. Die hat rebelliert, und bis die sich beruhigt hat und sich damit abgefunden hat – das hat uns Nerven gekostet."

Und niemand weiß, wann sich Katze Buschinka mit einer erneuten Reise abfinden muss. Denn Gulej erzählt: "Mein Zuhause fehlt mir. Ich vermisse meinen Garten, meine Blümchen, meinen Teich, alles, was ich habe." Richtig Heimweh habe sie. Und auch in ihrer Biografie hält sie im Kapitel über ihre Flucht fest: "Sobald es geht, werde ich in meine Heimat zurückkehren."

Anmerkung der Redaktion: Anastasia Gulej wurde übersetzt von ihrer Freundin und Dolmetscherin Ljuba Danylenko.

Korrektur: In einer ersten Version des Textes ist das Zitat im Text von Anastasia Gulej aus Versehen aus einem anderen Beitrag kopiert worden. Wir bitten für diesen Fehler um Entschuldigung.

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MDR (Katharina Michel, Hannes Leonard)

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT HEUTE | 14. Juli 2022 | 19:00 Uhr

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