Bergzoo Halle Was machen zwei Jahre Corona mit Menschen und Tieren, Herr Zoodirektor?

Dennis Müller, der Direktor des Bergzoos Halle, blickt auf zwei Jahre Corona-Pandemie zurück. Im Interview spricht er unter anderem über selbst genähte Masken, die längste Schließung des Zoos seit dem 2. Weltkrieg, den Zusammenhalt unter den Mitarbeitern sowie die neue Alpenlandschaft.

Dennis Müller
Als Zoodirektor Dennis Müller im September 2019 seinen Lieblingsschnabeligel in die Kamera hielt, war Corona noch kein Thema. Ein paar Monate später war alles ganz anders. Bildrechte: imago images/Steffen Schellhorn

MDR SACHSEN-ANHALT: Herr Müller, können Sie sich noch an die Situation erinnern, als Sie merkten: Corona wird den Zoo, die Arbeit der Mitarbeiter, den Umgang mit den Besuchern mittel- oder gar langfristig verändern?

Dennis Müller: Aus der Rückschau möchte ich nicht sagen, ob ich damals die mittel- und langfristigen Auswirkungen geahnt oder gar gewusst habe. Trotzdem ist die Zeit noch sehr präsent. Das war mitten in unserer Veranstaltung "Magische Lichterwelten". Wir standen kurz vor dem Finale, als die ersten Corona-Fälle in Deutschland auftraten die Pandemie langsam aus Bayern Richtung Sachsen-Anhalt marschierte.

Da hatte ich natürlich Sorge: Was passiert da jetzt, wie schnell breitet sich die Pandemie aus? Das war die Phase, als der (mittlerweile suspendierte, Anm. d. Redaktion) Oberbürgermeister Bernd Wiegand mit seinem Pandemiestab, der damals noch Katastrophenstab hieß, sehr aktiv wurde und erste Maßnahmen einleitete.

Da war plötzlich klar: Wir stehen ab sofort vor etwas sehr Speziellem. Wir haben zuerst noch über eine Besucherreduktion gesprochen, und zwei Tage später wurden die "Lichterwelten" geschlossen – und noch zwei Tage später war der ganze Zoo zu.

Zoodirektor Dennis Müller öffnete persönlich die Tür am Haupteingang des Bergzoo Halle
Als der Bergzoo Halle im Januar 2021 nach mehr als sechswöchiger Schließung wegen der Coronapandemie wieder öffnete, begrüßte Zoodirektor Dennis Müller die ersten Gäste am Haupteingang. Bildrechte: dpa

Da saßen wir im ersten Lockdown der Zoogeschichte fest. Selbst am Ende des 2. Weltkriegs war der Zoo, glaube ich, nur vier Tage geschlossen.

Dennis Müller Zoodirektor

Das zeigt dann schon die Dimension, was das für uns bedeutet hat. Der Zoo als Ort für die Bevölkerung war immer etwas Selbstverständliches gewesen. Immer, wenn man gar nicht wusste, wo man in Halle hingehen sollte, stand immer noch der Zoo bereit. Und mit einem Mal ging nicht einmal mehr das. Das war schon eine Zäsur.

Und wir brauchten schnell einen Plan: Was gilt es jetzt alles zu beachten? Die größte Sorge waren gar nicht die ausbleibenden Besucher. Vielmehr haben wir uns gefragt, was in der Tierpfleger-Mannschaft passiert, wenn die Pandemie ausbricht. Wenn einzelne Pfleger oder ganze Bereiche zu Hause bleiben müssen: Wer versorgt dann die Tiere? Das war eine sehr intensive Phase, in der wir uns komplett neu erfinden mussten.

Das ist ein gutes Stichwort. Hat sich an den Arbeitsweisen, den Routinen innerhalb des Zoos dann relativ schnell etwas geändert?

Ja, definitiv. Wir haben den ganzen Betrieb auf links gedreht. Erstes Ziel war zu verhindern, dass ein großer Teil der Belegschaft gleichzeitig in Quarantäne gehen muss. Uns war klar, dass wir Kontakte nicht vermeiden können und dass man dabei durchaus eine Tröpfcheninfektion weitergeben kann. Das war ja auch das Zeitfenster, als zum Beispiel die Sache mit den Masken alles andere als klar war.

Wir haben am Anfang alle unsere Masken noch selber genäht. Und auf der anderen Seite war nicht klar, ob das überhaupt hilft. Es gab keine klare Linie.

Dennis Müller Zoodirektor

Zuerst mussten wir sicherstellen, dass die Kontakte zwischen den Tierpflegerbereichen reduziert werden. Alle Arbeitsabläufe wurden stark verändert. Dazu muss man wissen, dass wir sowieso traditionell in Revieren arbeiten. Die Pfleger werden morgens nicht einfach auf irgendeine Tierart losgelassen, sondern sie arbeiten eben in Revieren. Das waren damals fünf, die feste Arbeitsbereiche haben. Aber das war mir zu groß, weil damit immer noch acht bis zwölf Leute pro Revier arbeiten. Wenn da die gesamte Mannschaft ausfällt, können das die anderen auch nicht abfedern.

Deshalb haben wir ein Schichtmodell eingeführt. Wir haben die Leute wochenweise arbeiten lassen – und dann wurden sie von ihren Kollegen in den Revieren abgelöst, ohne dass Kontakt stattgefunden hat. Wir haben sogar Mitarbeiter komplett nach Hause geschickt, als eiserne Reserve, und sehr früh in der Verwaltung teilweise im Homeoffice gearbeitet. Das war eine sehr intensive Zeit. Wir haben sämtliche Sozialbereiche getrennt, sogar die Küchen, damit keine Kontakte beispielsweise während der Mittagspause entstehen können.

Mit diesem Konzept haben wir nicht nur während der ersten Schließung, sondern eigentlich während der ganzen ersten Welle gearbeitet. Ende Juli, Anfang August 2020 trat eine Beruhigung ein. Da dachten wir: "Wir haben es geschafft." Das war eine richtige Befreiung: Besucher durften wieder in den Zoo, erste kleine Veranstaltungen fanden statt, die Restaurants öffneten wieder. Alles noch sehr bescheiden, wir sprachen ja beispielsweise noch nicht von einem großen Zoofest. Das war aber schon ein bisschen Normalität.

Und dann ist in der zweiten Welle das Unnormale zur Normalität geworden.

Dennis Müller Zoodirektor

Mittlerweile gibt es da eine gewisse Routine: Wenn die Zahlen hochgehen, switchen wir wieder in das – mittlerweile optimierte – Schichtsystem. Denn falls der eine Mitarbeiter ausfällt, gehen seine Kollegen ganz schön auf dem Zahnfleisch. Nach wie vor ist es so, dass die Pfleger nicht gemeinsam, sondern zeitlich versetzt Pause machen.

Sind in den zwei Jahren der Pandemie Projekte verlangsamt oder gar verhindert worden?

Also verhindert wurden Vorhaben gottseidank nicht – aber stark verlangsamt, das schon. Weil wir anfangs nicht wussten, wie lange so eine Welle dauert und wie lange die Politik braucht, Maßnahmen umzusetzen oder zur Normalität zurückzukehren, haben wir schon während der ersten Schließung im Jahr 2020 als Sofortmaßnahme alle Projekte gestoppt, die nicht vertraglich verpflichtend festgelegt waren.

Saubucht Bergzoo Halle
Die Saubuchten sollten umgebaut werden. Der Umbau wurde aber verschoben. Bildrechte: Bergzoo Halle

Das sind unter anderem Bauprojekte gewesen. Zum Beispiel haben wir den Umbau der Saubuchten am Krokodilhaus nach hinten geschoben. Das Projekt werden wir erst zu Ostern oder im Frühsommer dieses Jahres abschließen, obwohl das für 2020 geplant war. Wir haben das Sozialgebäude für die Frauen, die Duschen, den Umkleidebereich und den Sozialbereich für die gesamte Belegschaft neu gebaut. Das wurde erst im Dezember 2021 fertig, war aber schon für 2020 geplant.

Letztlich mussten wir viele Projekte schieben, haben aber nichts final streichen müssen. Unter anderem, weil wir finanziell mit einem blauen Auge davongekommen sind.

Dennis Müller Zoodirektor

Was bedeutet das konkret?

Im ersten Jahr, in der ersten Welle, gab es eine unglaubliche Solidarität. Das war einfach überwältigend, und wir waren extrem dankbar für die vielen Spenden. Die Rückgänge bei den Eintrittsgeldern und andere Einnahmeverluste wurden 2020 komplett über Spenden ausgeglichen.

2021 hat sich das in der Stärke natürlich nicht fortgesetzt. Zum Glück hatten wir angesichts der Pandemie für 2021 sehr vorsichtig geplant. Damit konnten wir natürlich keine großen Sprünge machen. Das Geld reichte gerade so, unsere laufenden Kosten zu decken – was ja auch gut ist. Ich will mich da gar nicht beklagen.

Für 2022 war der Plan eigentlich ziemlich "normal". Aber das war noch unter dem Eindruck der Delta-Variante, von Omikron hat da noch niemand gesprochen. Und dann mussten wir die "Magischen Lichterwelten" doch stornieren. Das sind natürlich Einnahmen, die uns später fehlen werden.

Was macht diese lange Corona-Zeit mit den Mitarbeitern? Hat das sie enger zusammengeschweißt – oder sind sie frustriert nach zwei Jahren Pandemie?

Das ist total unterschiedlich. Was man sagen kann: Diese kleinen Teams hat das unglaublich gestärkt. Weil jeder auf jeden angewiesen war, entstand eine tolle, feste Einheit.

In der ersten Phase der Pandemie hatten wir den geringsten Krankenstand, den ich in Halle je erlebt habe.

Dennis Müller Zoodirektor

Weil jeder einfach dafür sorgen wollte, dass es funktioniert und wir keine Angst haben müssen, wer die Tiere am nächsten Tag versorgt.

Im Fortgang ging natürlich auch der Frust los. Einige Mitarbeiter hat das schwer beschäftigt, weil ja auch die sozialen Kontakte fehlten. Mit der zweiten und der dritten Welle wurde die Frustration dann noch größer.

Was aber sehr schön war: Die Mitarbeiter fühlen sich immer noch und weiterhin absolut verantwortlich für die Tiere. Es gibt auch keine Diskussionen über die einschränkenden Maßnahmen, die wir ergreifen mussten und müssen.

Wenn so große Projekte wie Lichterwelten ausfallen, nimmt einen das dann auch emotional mit? Oder wird das abgehakt und man sagt: Okay, können wir nicht machen.

Dennis Müller
Dennis Müller mit einem Leoparden aus den Lichterwelten Bildrechte: dpa

Nein, das nimmt einen schon mit. Das schüttelt man nicht gleich ab. Das ist ein Format, das ich sehr schön finde und bisher sehr genossen habe. Wir haben uns alle sehr gefreut auf die "Lichterwelten": weil uns das Spaß macht, weil es den Besuchern gefällt, und natürlich auch, weil es ein wirtschaftlicher Erfolg war und wieder geworden wäre.

Jetzt haben wir bisher über die Menschen geredet. Doch was ist mit den Tieren? Wie reagieren die auf die besonderen Umstände?

Wir konnten beobachten, dass Tiere auf fehlende Besucher reagieren. Dank der Öffnungspolitik in Sachsen-Anhalt hatten wir ja nur ein paar Wochen komplett geschlossen. Dennoch merkt man einigen Tieren durchaus an, dass etwas nicht stimmt. Gerade bei den Schimpansen und bei den Großkatzen war das ausgeprägt.

Ich will das nicht zu sehr vermenschlichen. Ich kann nicht hundertprozentig sagen, ob sie anfangen, sich zu langweilen, oder ob sie ihre Besucher vermissen. Doch es ist eben Teil des Alltags der Tiere, dass die Tore aufgehen und die ersten Besucher kommen, gerade Schulklassen: Dann werden die schon beobachtet. Ein kleiner Hund wird dann als potentielle Beute gesehen und entsprechend beäugt. Und auf einmal fehlt etwas, das Teil der Lebenssituation und der Realität der Tiere ist und ihren Alltag auch bereichert.

In der Lockdownphase haben das auch die Mitarbeiter gespürt. Wenn man da seine Runde im Zoo gedreht hat, hatte man sofort alle Blicke der Tiere auf sich. Nicht nur die Schimpansen, die anderen Affen oder die Tiger waren sehr aufmerksam. Auch zum Beispiel die Alpakas kamen sofort zum Gitter und haben beobachtet, was da passiert. Kurz: Das hat was mit den Tieren gemacht.

Ob sie ihre Besucher vermisst haben oder ob ihre Gewohnheiten einfach irritiert waren, möchte ich emotional nicht bewerten.

Haben sie zwischenzeitlich Angst gehabt, dass sich die Tiere mit Corona infizieren könnten?

Ja, tatsächlich. Es gab ja auch national und international mehrere Fälle, bei denen das Virus auf Tiere übergesprungen ist – mit teilweise tödlichen Verläufen. Gerade bei den Schimpansen hatten wir große Sorgen. Je näher die genetische Verwandtschaft ist, umso größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass die Tiere sich infizieren können. Wir haben dann auch die entsprechenden Häuser nicht geöffnet, obwohl wir sie hätten öffnen können. Bei unseren älteren Schimpansen hätte das durchaus Auswirkungen haben können, wenn ein Besucher das Virus einschleppt.

Was haben Sie vor in der nächsten Zeit, mit oder ohne Corona? Worauf können sich die Gäste freuen?

Es wird sicherlich eine Normalität während des Sommers geben, davon gehen wir aus. Weil wir aber die konkreten Umstände nicht kennen, werden wir dieses Jahr weniger mit Festen arbeiten, sondern eher auf Programmwochen setzen.

Wir wollen uns dieses Jahr dem Thema Artenschutz zuwenden. Dazu gibt es begleitende Projekte und auch ein eigenes Ferienprogramm. Schwerpunkt wird der Lebensraum Regenwald sein.

Sind Umbauten oder neue Tiere geplant – oder halten Sie diesbezüglich erst einmal die Füße still?

Saubucht Bergzoo Halle
So sah es zwischenzeitlich beim Umbau der Saubuchten aus. Bildrechte: Bergzoo Halle

Kurz vor dem Abschluss steht der Umbau der Saubuchten zu einer begehbaren Alpenlandschaft. Diesen Komplex werden beispielsweise unsere Steinschafe und die Murmeltiere beziehen. Das Projekt steht auch für das Ende unserer Corona-Sparmaßnahmen. Die Eröffnung war ja schon 2020 geplant – jetzt zu Ostern ist es endlich soweit. Da sind wir sehr stolz!

Wir haben in dem Zusammenhang einen ganzen Komplex zu unserem letzten Thema "Gebirgswelten der Alpen" neugestaltet, vom Krokodilhaus bis zum neuen Restaurant auf dem Reilsberg. Insofern setzen wir jetzt den Schlussstein.

Zum Schluss werden wir 800.000 Euro verbaut haben. Der Zooverein hat mit einem Drittel der Kosten den Löwenanteil getragen, auch die Saalesparkasse hat uns mit einer Spende sehr ordentlich unterstützt.

Planung Reilsalm
So soll die liebevoll "Reilsalm" genannte Anlage aussehen, wenn sie fertig ist. Bildrechte: Bergzoo Halle

Künftig laufen die Besucher über eine Alpenweide durch ein begehbares Gehege, wo man die Steinschafe hautnah erleben kann. Das ist ein wunderschönes Ensemble – und passt auch ganz prima zum Bergzoo.

Das Gespräch führte Gero Hirschelmann.

Drei Gnus stehen zusammen 2 min
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2 min

Di 15.12.2020 20:20Uhr 01:52 min

https://www.mdr.de/elefanttigerundco/video-bergzoo-halle-100.html

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MDR (Gero Hirschelmann)

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT | 29. Januar 2022 | 09:00 Uhr

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