Studierende schreiben für den MDR Wie ein hallescher Verein essbare Wälder erschaffen will

Clara Hoheisel, eine junge Frau mit schwarzen Haaren, trägt eine rote Mütze und hält eine Kamera in der Hand.
Bildrechte: Clara Hoheisel

Der Verein Food Forest pflanzt essbare Wälder für alle Hallenserinnen und Hallenser. Ein erster Abschnitt wurde neben dem Peißnitzhaus angelegt, ein zweiter am Saalestrand – fünf weitere sollen folgen. Das Projekt verbindet dabei Klimaschutz und soziales Engagement. Ein Gastbeitrag einer Studentin aus Halle.

Stefano Masso, ein Mann mit Sonnebrille, steht vor einer Wiese
Stefano Massa, Vorstand des Vereins Food Forest, vor dem essbaren Wald auf der Peißnitz. Bildrechte: Clara Hoheisel

Dieser Text ist im Rahmen des Projekts "Studierende schreiben" in Zusammenarbeit mit der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg entstanden.

Stefano Massa winkt mich zu sich heran. "Hier siehst du öffentliche Flächen, die austrocknen", erklärt der Vorstand des Vereins Food Forest. Der gebürtige Italiener deutet dabei auf die braunen Wiesen rund um das Peißnitzhaus in Halle. Wir biegen um eine Ecke und Massa stellt vor: "Herzlich willkommen im Ökosystem, das sich selbst renoviert." Wir sind im "Garten für alle" angekommen, der ersten Station des Erntewegs: einem Pfad entlang essbarer Wälder in Halle. Sofort fällt auf: Das Gras und die Gewächse sind viel grüner als auf den umliegenden Flächen.

Feldversuch in Italien Die Idee, einen essbaren Wald – einen "Food Forest" – anzubauen, reicht ins Jahr 2015 zurück. Damals gründete Stefano Massa ein Pilotprojekt in Italien. Dann zog er nach Deutschland, eröffnete einen gemeinnützigen Verein und setzte das erste Permakultur-Projekt in Halle-Ost um. Diese nachhaltige Form der Landwirtschaft beruht darauf, Kreisläufe der Natur nachzuahmen, indem beispielsweise Aussaat und Ernte den Jahreszeiten angeglichen werden. Seit vergangenem Jahr arbeitet Massa an einem neuen Vorhaben: dem Ernteweg. Sieben Flächen entlang eines Pfades sind geplant, zwei gibt es schon: eine neben dem Peißnitzhaus, eine zweite am Saalestrand. Die fünf weiteren werden entlang von Stadtparks und Kirchen und an der Saale entstehen. Wo genau, ist noch geheim, meint Stefano Massa: "Das wird eine Überraschung."

Nachahmen der natürlichen Waldschichten

Ein essbarer Wald imitiert die sieben Schichten eines Waldes: die Oberschicht, die Unterschicht, die Strauchschicht, die Krautschicht, die Wurzelschicht, die Bodendeckerschicht und die Rebschicht. Die Pflanzenstrukturen werden übereinander angelegt. Auf diese Weise können mehr Pflanzen auf einer Fläche wachsen, ohne gegenseitig in Konkurrenz zu stehen. Da vorrangig mehrjährige Gewächse gepflanzt werden, die ein ausgedehntes Wurzelsystem besitzen, ist der essbare Wald widerstandsfähig und muss nicht dauerhaft neu bepflanzt werden.

Auf den urbanen Grünflächen entsteht so ein eigenes Ökosystem. Dieses dient den Bodenlebewesen, Insekten und Mikroorganismus als Lebensraum und Nahrungsquelle. Je mehr Arten in diesem Ökosystem vorkommen, desto wahrscheinlicher kann es Umweltkatastrophen überstehen. So leistet Food Forest nach Angaben des Vereins einen wichtigen Beitrag, um die Folgen des Klimawandels im städtischen Raum zu minimieren.

Die Idee, einen essbaren Wald in Halle zu erschaffen, kam bei der Stadt gut an. Das könne auch einen bestimmten Grund haben, kommentiert Massa schmunzelnd: "Durch unser System kann die Stadt Geld sparen. Ein normaler Park muss gemäht und bewässert werden. Das ist mit der Zeit teuer." Im essbaren Wald kommt dagegen Zwerg-Rotklee zum Einsatz: "Dieser Klee speichert Stickstoff in der Wurzel und wird nicht größer als 10 Zentimeter." Die Wiese bleibe sauber und flach, da kein ausgetrocknetes Gras auf den Boden drückt und diesen austrocknet.

Außerdem nutzt der Verein einen weiteren Mechanismus, um Flüssigkeit zu speichern und Feuchtigkeit im Boden zu halten: "Wir verwenden Mulch, den wir auf den Flächen verteilen." Organischer Mulch konserviert das Bodenwasser. "Wie ein Schwamm", erklärt Massa, während er sich auf den Boden kniet und etwas Erde zwischen seinen Fingern zerbröselt. Plötzlich gräbt sich seine Hand tief in den Untergrund. Er ermutigt mich, dasselbe zu tun. Etwas widerwillig folge ich seiner Aufforderung. Und tatsächlich: Schon wenige Zentimeter unter der Oberfläche ist die Erde feucht, obwohl es seit Tagen nicht geregnet hat.

Wir erkennen die Pflanzen als unsere Umwelt an, als lebendige Wesen – nicht als reine Objekte.

Stefano Massa, Vorstand des Vereins Food Forest

Im Sommer werden die Flächen weitgehend sich selbst überlassen. Nur gelegentlich muss Stefano Massa oder eine andere Person des Vereins nach dem Rechten sehen. So wie heute. Massa geht von Pflanze zu Pflanze und begutachtet die Obstbäume, Beerensträucher, die mehrjährigen Stauden und Blumen. Schnell wird deutlich: Die Gewächse im essbaren Wald haben eine besondere Stellung: "Wir erkennen die Pflanzen als unsere Umwelt an, als lebendige Wesen – nicht als reine Objekte", erklärt Stefano Massa. "Deswegen nutzen wir auch keine Pestizide", erzählt er weiter.

Umweltschutz und soziales Engagement

Ein Wiesenabschnitt auf der Peißnitzinsel in Halle
Im Sommer kommen die Pflanzen auf dem Flächenabschnitt auch gut allein zurecht. Bildrechte: Clara Hoheisel

Nach dem Treffen mit Stefano Massa möchte ich von der Studentin Annabel Neu wissen, warum sie sich für das Projekt engagiert. Sie hat zunächst als Freiwillige im Verein geholfen und ist inzwischen Teil des Kernteams. Neu hat einen fachlichen Bezug zu dem Projekt: Sie studiert den Master "Management natürlicher Ressourcen" in Halle. Bei Food Forest kann Annabel Neu jene Theorie ausprobieren, die sie im Studium gelernt hat. "Die Praxis ist viel hilfreicher als jedes Lehrbuch." In dem Projekt ginge es vor allem darum, einen Impuls zu setzen, meint Annabel Neu weiter. "Wie können Flächen in der Stadt genutzt werden? Wie verwendet man Pflanzen lokal? Das sind Fragen, die wir den Menschen mitgeben."

Food Forest trägt sich durch die zahlreichen Freiwilligen. "Zu uns kommen auch Personen, die von sich behaupten, keinen grünen Daumen zu besitzen. Aber das ist nicht wichtig! Jeder kann ein anderes Talent einbringen. Wenn wir beispielsweise etwas bauen müssen, benötigen wir handwerkliches Geschick", meint Annabel Neu. Auch der Vereinsvorstand Stefano Massa bekräftigt: "Jeder kann bei uns mitmachen. Wir haben eine Telegram-Gruppe und einen Mailverteiler. Darüber kündigen wir Arbeitseinsätze an."

Wir wollen den Menschen signalisieren: Es ist deine Stadt – hier wächst etwas für dich!

Annabel Neu, Mitglied des Kernteams beim Verein Food Forest

In Bildungsveranstaltungen klärt der Verein über Alternativen zu herkömmlicher Landwirtschaft auf und verbindet Klimaschutz mit sozialem Engagement. Stefano Massa hat beobachtet: "Die Menschen experimentieren mit der Permakultur und können biologische Vielfalt in ihren eigenen Garten bringen. Viele verstehen, dass der Boden auch anders erhalten werden kann." Food Forest wird von verschiedenen Stiftungen unterstützt. So müssen die Teilnehmenden keinen eigenen finanziellen Beitrag leisten: "Wir wollen der Gesellschaft etwas zurückgeben. Deshalb ist alles kostenlos: die Früchte und der Unterricht." Die Stadt gehöre auch den Bewohnern und Bewohnerinnen von Halle, bekräftigt Annabel Neu. "Wir wollen den Menschen signalisieren: Es ist deine Stadt – hier wächst etwas für dich!"

Clara Hoheisel, eine junge Frau mit schwarzen Haaren, trägt eine rote Mütze und hält eine Kamera in der Hand.
Bildrechte: Clara Hoheisel

Über die Autorin Clara Hoheisel studiert seit 2021 den Master Multimedia und Autorschaft an der Universität in Halle. Dort hat sie auch ihr Bachelorstudium Medien- und Kommunikationswissenschaften sowie Psychologie abgeschlossen. Daneben schreibt die 24-Jährige für die hallesche Unizeitschrift hastuzeit, ist beim freien Radio Corax aktiv und hat als freie Mitarbeiterin für MDR Kultur, Volksverpetzer und das Katapult Magazin gearbeitet. Literatur, Zeitgeschehen oder Politik: Inhaltlich interessieren sie vor allem jene Themen, bei denen sie mit Menschen ins Gespräch kommen und stets nach dem "Warum" fragen kann.

MDR (Sarah-Maria Köpf)

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