Ehrenamt Hilfe für Bedürftige: Wenn der Bus "Vier Jahreszeiten" durch Halle rollt

Immer montags, mittwochs und freitags hilft er Menschen in Halle, die in Armut oder auf der Straße leben: der rote Hilfebus "Vier Jahreszeiten". An den Stationen gibt es Linsensuppe, warme Kleidung – und auch mal eine Träne. Unterwegs mit den Ehrenamtlichen auf Halles Straßen.

Ein Mann mit drei Kindern
Der Ehrenamtliche Michel Erpel verteilt Kindermasken am Haus der Wohnhilfe. Bildrechte: MDR/Daniel Tautz

Halle-Ammendorf, 16:20 Uhr: Bevor der ausrangierte Linienbus der Familie Strübing auf Tour geht, ist noch viel zu tun. Diana Strübing stapelt die dicken Winterjacken auf einer der Sitzschalen, Tochter Jessica sortiert die Schnitten – ein "S" für Salami, ein "K" für Käse. Dort, wo früher die Passagiere saßen, hat sich jetzt ein buntes Lager an Spielsachen, Klamotten und Waschzeug aufgetürmt.

Der Bus steht auf dem Betriebsgelände von Familie Strübings Containerdienst. Hier haben sie gerade ihre Arbeit beendet. Jetzt starten sie in den zweiten – ehrenamtlichen – Tagesdienst. Nach und nach trudelt dafür das restliche Team für den heutigen Tag ein: Sohn Tim, Kumpel Michel, Schwiegersohn David, Kollege Sören – und Vater David Strübing. Der lässt sich auf dem Fahrersitz nieder, startet den Motor und die Musik. "Warum hast du nicht nein gesagt", fragen Roland Kaiser und Maite Kelly aus dem großen Lautsprecher. "Ihr dürft tanzen", ruft David Strübing nach hinten und lacht.

Doch zum Tanzen sind sie heute nicht gekommen. Vor dem Team vom Hilfebus liegt eine große Tour durch die Stadt.

Stop 1: Linsensuppe am ZOB – 16:45 Uhr

Am halleschen Busbahnhof (ZOB) warten nicht nur Leute auf ihren Linienbus: Auch für das rote Fahrzeug mit der Aufschrift "Vier Jahreszeiten" haben sich schon drei, vier Personen eingefunden. Das Team vom Bus rollt einen roten Stehtisch auf die Straße und stellt den Kochtopf auf die Herdplatte. Diana Strübing hat am Nachmittag deftige Linsensuppe mit Wurst gekocht. Die wird jetzt dampfend in die Plastikschalen gefüllt.

Eine Hallenserin löffelt am Stehtisch hastig ihre Suppe und trinkt einen Kaffee. "Brauchst du noch was", fragt Diana Strübing. Die Hallenserin nickt. Ein paar Minuten später trägt sie eine Tüte mit einem warmen Anorak und einer Jeans in die nun dunkel gewordene Stadt.

Eine Frau und ein Mann unterhalten sich
Linsensuppe und Gespräche am ZOB: David Strübing mit einer Hallenserin. Bildrechte: MDR/Daniel Tautz

Die Temperaturen werden in dieser Nacht knapp unter 0 Grad fallen. Bei solchen Temperaturen ist die Hilfe des Busses natürlich besonders wichtig. Als reinen Kältebus will David Strübing seinen Bus trotzdem nicht verstanden wissen. "Wir sind der Bus 'Vier Jahreszeiten' – und wir sind für jeden da", erklärt er. "Da spielt es keine Rolle, wo der herkommt, was der macht oder gemacht hat." Seit April 2021 ist David Strübing mit Familie, Freundinnen und Kollegen mit dem roten Bus unterwegs. Privat und ehrenamtlich, dreimal die Woche. Immer montags, mittwochs und freitags. Im Sommer gibt es Erfrischungsgetränke, im Winter dicke Jacken.

Stop 2: Gespräche am Steintor – 17:10

Auch ein paar hundert Meter nordwärts am Steintor wird der Hilfebus schon erwartet. Kaffee, Suppe, Klamotten – in der Reihenfolge werden die Hilfsgüter ausgegeben. Thomas steht an einem der Stehtische und zählt auf, was er hier schon alles an Unterstützung bekommen hat: "Angefangen hat es mit der Isomatte, mit dem Schlafsack, dann hab ich Wolldecken gekriegt, zum Zudecken", sagt er. "Warme Jacke, Schuhe, Hose, Handschuhe, Mütze. Alles, was man so braucht. Wahnsinn!"

Ein Teil vom Team sucht im Bus nach der passenden Schuhgröße oder pumpt Tee in einen Becher, die anderen haben sich draußen unter die Leute gemischt. "Wo pennt ihr gerade", fragt David Strübing einen der Männer. "Kommst du noch bei deiner Freundin unter?"

Eine Frau hält rote Sportschue in der Hand
"Geil!" Diese Hallenserin freut sich über neue Schuhe. Bildrechte: MDR/Daniel Tautz

Das Team vom Bus kennt die Leute. Die meisten von ihnen mit ihrem Namen, ihren Geschichten, ihren Problemen. "Nicht nur warme Klamotten oder Essen sind wichtig", erzählt der Ehrenamtliche Michel Erpel. "Wir sind auch da, um den Leuten zuzuhören und mit ihnen über ihre Sorgen zu sprechen." Und: Es wird auch erstaunlich viel gelacht.

Stop 3: Geschichten in Neustadt – 17:40 Uhr

Zwei Männer schauen in die Kamera
David Strübing und Michel Erpel haben eine gemeinsame Vergangenheit. Bildrechte: MDR/Daniel Tautz

Dann muss der Bus aber weiter, der Zeitplan ist heute straff. David Strübing lenkt den Bus auf die Magistrale, rüber nach Halle-Neustadt. Dort gibt es Masken und Hygieneartikel für einen jungen Mann. Und ein alter Bekannter liefert ein Paar Winterschuhe ab, die er extra als Spende gekauft hat.

Der Stop in Neustadt ist für einen Teil des Bus-Teams auch eine Reise in ihre Vergangenheit. "Das ist unser Viertel, hier sind wir aufgewachsen", sagt David Strübing. "06126, der absolute Hammer", ergänzt Michel Erpel. Beide lachen, dann stoßen sie ihre Fäuste zusammen.

Hier, wo sie heute Spenden verteilen, haben sie schon ihre Jugend zusammen verbracht. "Auch ich war mal auf der Straße, ich wusste nicht, wohin", erinnert sich Erpel. "Ich habe mal hier geschlafen, mal da geschlafen." Doch dann habe die Mutter von David Strübing ihn für anderthalb Jahre bei sich aufgenommen. "Wir waren zu Hause elf Kinder", sagt Strübing. "Da haben wir die kleine Pupsmaus noch mit satt gefüttert." Daraufhin lachen beide wieder.

Stop 4: Dankbarkeit am Hallmarkt – 18:00 Uhr

Durch Halles Innenstadt ist an diesem Abend eine Demo gezogen. Jetzt ist der Hallmarkt verlassen, keine Bedürftigen warten hier auf den Bus. Zeit für eine Raucherpause und ein bisschen Dankbarkeit. David Strübing zeigt auf die Scheiben des Busses, an dem Dutzende Kleeblätter mit Namen kleben. Für jede Unterstützerin und jeden Unterstützer eines – egal was oder wieviel es war.

Ihm ist es wichtig, dass der Bus ein Gemeinschaftsprojekt ist. Seine Frau und er haben ihn zwar ins Leben gerufen, getragen wird er aber auch von all denen, die Schnitten schmieren, Essen und Getränke verteilen, Klamotten oder Tankgutscheine spenden.

Stop 5: Finale am Haus der Wohnhilfe – 18:30 Uhr

Als der Bus auf den Böllberger Weg fährt, sieht David Strübing die wartende Menschentraube schon aus der Ferne. Er hebt die Hand und winkt. Am Straßenrand rennen ein paar Kinder auf und ab. "Da muss ich jedes Mal heulen, wenn ich das sehe", sagt er. Strübing wirkt den Abend über stark, hat immer einen Spruch auf den Lippen. Jetzt aber wird sein Blick kurz glasig.

Kältebus
Am Haus der Wohnhilfe am Böllberger Weg warten die meisten Bedürftigen. Bildrechte: MDR/Daniel Tautz

Ein paar Minuten später stehen die fünfzehn bis zwanzig Wartenden um die Stehtische, löffeln Suppe, trinken Tee. Manche haben eine Wohnung, manche kommen gerade bei Bekannten unter, andere leben hier im Haus der Wohnhilfe. So zum Beispiel Frank. Der Bayer ist bis November mit seinem LKW durch ganz Europa gefahren und hat in seinem Fahrzeug gewohnt. Mit der Kündigung hat er auch seinen Schlafplatz verloren. "Ich kenne das aus anderen Städten, da werden solche Projekte von der Stadt finanziert", erzählt er. "Aber wenn sich wie hier Privatpersonen nach der Arbeit noch in einen Bus setzen und Obdachlose bewirten, ist das natürlich extra was wert."

Spätestens jetzt ist alles alle: 15 Liter Linsensuppe, zehn Liter Kaffee, fünf Liter Tee. "Bleibt sauber", ruft David Strübing den Gästen zum Abschluss zu. Und das klingt keineswegs nach einer Floskel.

Kältebus
Die Freude der Kinder treibt Michel Erpel besonders an. Bildrechte: MDR/Daniel Tautz

Und so rollt der Bus auf seine letzte Etappe für heute, zurück zum Betriebsgelände in Halle-Ammendorf. Für alle war es ein kräftezehrender Tag. Und Schwiegersohn David muss gleich auch noch zur Nachtschicht. "Wenn du wem mit einer Klamotte helfen kannst oder mit einem Gespräch, schiebt mich das immer wieder neu an", sagt Strübing. "Die gehen von uns weg mit einem bei weitem zufriedeneren Gesicht."

20:30 – der Bus steht, die Lichter sind ausgeschaltet. Feierabend für die Ehrenamtlichen und den Hilfebus. Zumindest bis er übermorgen wieder durch Halle rollt.

MDR (Daniel Tautz, Gero Hirschelmann)

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT HEUTE | 23. Januar 2022 | 19:00 Uhr

404 Not Found

Not Found

The requested URL /api/v1/talk/includes/html/b12c15a9-eb0e-48ce-8c74-40edbe7fdb7c was not found on this server.

Mehr aus dem Raum Halle und Leipzig

Mehr aus Sachsen-Anhalt

Ein Banner mit dem Gesicht von Dieter Hallervorden 8 min
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Moorlandschaft von oben 7 min
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK