Aktivisten auf dem Hallmarkt Drei Wochen "Klimacamp Ost" in Halle – eine Bilanz

Gero Hirschelmann
Gero Hirschelmann Bildrechte: MDR/Gero Hirschelmann

Drei Wochen lang haben sich Aktivisten mit dem zweiten "Klimacamp Ost" in der Innenstadt von Halle engagiert. In der Zeit sollte der Hallmarkt zu einem lebendigen Debattenforum rund um den Klimawandel werden. Zusammen mit Sprecher Jonas Venediger zieht MDR SACHSEN-ANHALT eine Bilanz.

Zelte stehen auf einem Platz vor einer Kirche
Klimacamp Ost: Drei Wochen lang wohnten einige junge Leute auf dem Hallmarkt von Halle. Bildrechte: MDR/Gero Hirschelmann

So wie an diesem kalten Morgen Mitte vergangener Woche stellen sich Jonas Venediger und seine Mitstreiter und Mitstreiterinnen von Fridays for Future das Klimacamp Ost vor. Ein älterer Herr ist auf dem Hallmarkt erschienen und will mit den jungen Menschen sprechen. Bedächtig trägt er seine Argumente vor: Es habe schon immer Kalt- und Warmzeiten gegeben, CO2 sei ein wichtiger Baustein des Lebens auf der Erde, anhand des Baumwuchses in den Alpen könne man das gut nachvollziehen – kurz: Drei Wochen im Zentrum von Halle zu campieren, um auf den für ihn "angeblichen" Klimawandel aufmerksam zu machen, sei zwar löblich, aber auch sinnlos.

Meinungen gegen Fakten im Klimacamp Ost

Ein junger Klimaaktivist antwortet dem Mann, etwas unruhig freilich, aber nüchtern und präzise. Er verweist auf Studien und zitiert Forschungsergebnisse: "Meinen Sie, dass sich 99,9 Prozent der Experten täuschen? Oder glauben Sie an eine Verschwörung?" Sein Gegenpart antwortet freundlich und bestimmt: "Ich habe dazu viele Bücher gelesen."

Bald ist klar: Überzeugen werden die beiden den jeweils anderen in diesem hartnäckigen Ping-Pong nicht. Als der ältere Herr mit dem Satz "Sie haben Ihre Meinung, ich habe meine" versucht, sich auf ein Unentschieden zu einigen, ruft sein Gesprächspartner ein wenig ungeduldig aus: "Es geht hier doch nicht um Meinungen. Es geht um Fakten!"

Ziel: In friedlichen Diskussionen Fakten vermitteln

An einer Zeltwand sind mehrere Aushänge zu sehen
An einer Zeltwand im Klimacamp Ost hängt Informationsmaterial aus. Bildrechte: MDR/Gero Hirschelmann

Fakten sind es auch, worum es den Klimacampern nach eigenen Angaben geht – und um eine friedliche Debatte darüber. Deswegen freut sich Jonas Venediger über die gerade vor seinen Augen stattfindende Diskussion. Sicher: Die zu bohrenden Bretter sind dick. "Es nervt schon, wenn Leute mit fix und fertigen Instant-Ansichten zu uns kommen, um uns zu belehren, aber nicht zuzuhören", sagt Venediger und rollt mit den Augen. Der junge Mann ist der Sprecher der kleinen Gruppe von vier, fünf jungen Menschen ("Einer muss früh immer seinen Hund ausführen", so Venediger schmunzelnd), die in der Spitze auf ein Dutzend Unterstützer in unterschiedlicher Zusammensetzung zählen können.

Venediger sagt: Solange respektvoller Umgang die Diskussionen prägt, ist alles gut auf dem Weg zu einer besseren Welt. Ein Vertreter der IG Nachtflugverbot Leipzig/Halle überreicht dem 18-Jährigen seine Karte. Später läuft die Linken Bundestagsabgeordnete Petra Sitte aus Halle vorbei, grüßt in die Runde und bleibt für einen kurzen Gedankenaustausch stehen.

Eine Jurte, vier Pavillons und zwei kleine Zelte

Unentwegt haben sie in ihrem kleinen Camp aus einer Jurte, vier Pavillons und zwei kleinen Zelten ausgeharrt, haben Workshops und Lesungen organisiert – und vor allem mit interessierten Menschen gesprochen.

Und genau das ist der Punkt für den gebürtigen Köthener und seine bunte Gruppe: Sie wollen aufklären rund um die großen Themen Klimawandel, Energie- und Verkehrswende und – damit immer einhergehend – sozialen Zusammenhalt. Dass außerdem die virulente Debatte um Gendergerechtigkeit eine Rolle spielt, merkt man nur indirekt: wenn Venediger bei der Bezeichnung von Menschengruppen gekonnt und fast lässig den Glottischlag benutzt.

Das ist ein Glottischlag – und dafür wird er genutzt

Der sogenannte Glottischlag, auch als Knacklaut bekannt, ist eine Methode des Genderns. Im Deutschen steht das Gendern für einen geschlechtersensiblen und -bewussten Sprachgebrauch, der die Gleichbehandlung der Geschlechter in schriftlicher und mündlicher Kommunikation zum Ausdruck bringen soll. Der Glottischlag ist dabei eine kleine Pause bei der Aussprache von Genderzeichen wie *, : oder _. Der Knacklaut kommt auch außerhalb des Genderns vor. Das Wort "Spiegelei" würde sonst analog zu "Spielerei" ausgesprochen werden.

Drei Wochen lang haben die Aktivisten und Aktivistinnen dafür viele Unannehmlichkeiten auf sich genommen. "Mücken sind auch mitten auf einem innerstädtischen Platz ein echtes Problem, gerade in der Nacht", erklärt Venediger und juckt seine zerstochenen Fußgelenke.

In der Planung ein paar Dinge nicht bedacht

Auch Equipment wie Zelte und Pavillons oder Kühlschränke und der Kocher waren nicht so einfach zu beschaffen wie im vergangenen Jahr. "Mitten in der Pandemie hatten unsere Spender die Sachen natürlich auf Lager, weil sie diese nicht brauchten. Dieses Jahr sah das anders aus. Und das haben wir bei der Planung dummerweise nicht bedacht", so der Sprecher.

Trotz aller Hindernisse zieht er eine positive Bilanz des Klimacamps: "Ob wir zufrieden sind? Ja!" Es habe viele vitale Gespräche wie mit dem älteren Herrn gegeben, die Anliegen ihres Klimaprotestes seien durchaus gehört und diskutiert worden. Sogar mit ganz alltäglichen Sorgen seien einige Bürgerinnen und Bürgern zu ihnen gekommen.

"Wir wollten ja keine Angst verbreiten, sondern aufklären und informieren", sagt Venediger. Natürlich sei das Klima und damit die Zukunft der ganzen Erde bedroht. Doch mit apokalyptischen Szenarien komme man nicht weiter – und erreiche vor allem das Zielpublikum nicht. Angst zu verbreiten, sei kontraproduktiv. Bei allen Schwierigkeiten der aktuellen Lage seien Zuversicht, Optimismus und Vertrauen in die Wissenschaft bessere Ratgeber als Panik.

Aktivisten: Sorgen der Menschen ernstnehmen

"Wenn ein Mann vom Dorf zu uns kommt, der einerseits auf sein Auto nicht verzichten kann, andererseits die Umwelt schützen möchte, müssen wir genau zuhören, die Sorgen ernst nehmen und im Zweifelsfall Alternativen aufzeigen", meint Venediger. Auch hier würden wieder fundierte Fakten und genaue Informationen helfen.

Klimacamper werden auch deutlich kritisiert

Klimacamp Ost in Halle: Geschirr und andere Küchengegenstände
Es ist schwierig, ohne eine funktionierende Spüle das Geschirr sauber zu bekommen. Bildrechte: MDR/Gero Hirschelmann

Doch die jungen Klimacamper mitten in der Stadt zogen auch Kritik auf sich. Dass das Lager nicht sonderlich aufgeräumt wirkt, ist sicher einer gewissen Lagerfeuerromantik geschuldet und als lässliche Sünde – gerade jungen Menschen – gern vergeben.

Aber die mit Fahnen und Transparenten ausgedrückte Verbundenheit zur Antifa wirft Fragen auf. Solidarisieren sich die Klimaaktivisten mit einer zumindest in Teilen gewalttätigen Gruppe? Machen sie sich damit – gewollt oder ungewollt – angreifbar und diskreditieren ihre Anliegen?

Nähe zur Antifa? Ja und nein

Auf einem Zelt des Klimacamps Ost in Halle weht eine Antifa-Fahne
Die Klimacamper werden für ihre angebliche Nähe zur Antifa kritisiert. Bildrechte: MDR/Gero Hirschelmann

Venediger weist diesen Vorwurf vehement zurück. Der Verweis auf die Antifa sei als ganz prinzipielles Bekenntnis zu ihrer antifaschistischen Haltung zu verstehen – und nicht als pauschale Verbundenheit mit Extremisten. Immerhin habe es in den drei Wochen rechte Bedrohungen gegen die Aktivisten und einen Anschlag auf die Jurte gegeben. "Da muss man sich halt positionieren."

Ist das nicht dennoch ziemlich dünnes Eis? Nein, findet Venediger. Solange Aktivisten wie seine Freunde und er immer wieder angepöbelt und bedroht würden, gebe es "keine Alternative zu klarem Antifaschismus". "Natürlich gibt es auch Linke, die Gewalt ausüben oder die Demokratie ablehnen", gibt Venediger zu. Davon distanzieren sich die Aktivisten aber deutlich: "Demokratie ist richtig und wichtig. Punkt!"

Systemwechsel im Rahmen des Grundgesetzes

Und der Systemwechsel, der auf einem Transparent gefordert wird? Ist der nicht doch ein Hinweis auf Bestrebungen, die sich gegen das Grundgesetz richten? Hier liege zumindest ein Missverständnis vor, so der 19-Jährige. Es gehe um einen Wechsel "weg von Kohlekraft, hin zu erneuerbaren Energien, weg vom Auto, hin zu Fahrrad und öffentlichem Nah- und Fernverkehr. Das alles wären auch Systemwechsel."

Und natürlich müsse die Wirtschaftsform zumindest reformiert, wenn nicht geändert werden: „Der Kapitalismus hat die Klimakrise erst erzeugt." Doch mit Angaben zu Alternativen hält sich Venediger zurück: "Die müssen erst noch erforscht werden."

"Kritik an Politik, nicht an individuellen Lebensweisen"

Eine andere Kritik entzündete sich an den Ernährungsgewohnheiten der Klimacamper. Sie würden mit fossilen Brennstoffen heizen, ihre Getränke aus Blechbüchsen zu sich nehmen und billigste Nudeln aus Massenproduktion essen. Venediger entgegnet: "Unsere Kritik richtet sich gegen die Politik, nicht gegen individuelle Lebensweisen." Außerdem stammten die meisten Lebensmittel aus Spenden, und den hilfreichen Gönnern könne man kaum vorschreiben, was sie zu geben hätten.

Wie auch immer: Das Feindbild von irrationalen Umweltfaschisten, die eine Öko-Terrorherrschaft mit Annalena Baerbock als Diktatorin an der Spitze errichten wollen ("Ja, das ist uns wirklich vorgeworfen worden", lacht Venediger), konnten und wollten die Teilnehmer am Klimacamp Ost nicht erfüllen.

Es ist nicht alles glatt gelaufen, es galt, kommunikative Missverständnisse zu beseitigen und logistische Probleme zu beheben. Eines ist für Jonas Venediger und die anderen Aktivisten aber klar: "Wir machen weiter! Aufgeben ist keine Alternative."

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MDR/Gero Hirschelmann

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT – Das Radio wie wir | 23. August 2021 | 12:00 Uhr

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