Nach Schüssen auf Islamisches Kulturzentrum in Halle "Wir werden uns nicht ducken"

Die islamische Gemeinde in Halle-Neustadt ist verunsichert – wieder hat es am Sonntag Schüsse auf das Islamische Kulturzentrum gegeben. 2018 hatte es bereits zwei ähnliche Vorfälle gegeben. Der Gemeindevorsteher sagt aber: "Wir lassen uns davon nicht einschüchtern!"

Ein Mann im Jacket steht vor einer blauen Wand und zeigt auf ein Schussloch
Gemeindevorsteher Djamal Amelal zeigt die Einschusslöcher. Bildrechte: MDR/ Paula Kautz

Der hellblaue Flachbau wirkt zwischen den Hochhäusern und Plattenbauten von weitem recht unscheinbar. Wie selbstverständlich steht ein Polizeicontainer vor dem Islamischen Kulturzentrum in Halle-Neustadt. Der Wachposten sitzt drinnen. Der Streifenwagen steht leer davor. Passanten laufen zügig durch den Nieselregen vorbei ohne aufzuschauen.

In dunklem Anzug mit Hemd und Pullunder öffnet Gemeindevorsteher Djamal Amelal die Tür zur Beratungsstelle für geflüchtete Familien. Er ist hier derjenige, der für alle ein offenes Ohr hat. Seit den 1990er Jahren ist er der Vorstand der islamischen Gemeinde – ehrenamtlich. Nach den Schüssen am Sonntag, sagt er, fühlen sich viele Mitglieder hier nicht mehr sicher:

Die Mitglieder sind sehr erschrocken und sehr besorgt und sie haben wirklich Angst.

Djamal Amelal

Einschusslöcher im Innenhof

Im Innenhof zeigt Djamal Amelal auf die weißen Einschusslöcher: Hier habe der Tatverdächtige hin geschossen. Aus dem zehnten Stock eines Hochhauses gegenüber. Am Sonntagvormittag hätten sich dort zwei Gemeindemitglieder befunden, eines davon im Rollstuhl, als die Schüsse aus dem Luftdruckgewehr abgeschossen wurden. Eines der Löcher liegt tiefer als die anderen beiden. Verletzt wurde zum Glück niemand. Aber das wecke Erinnerungen an dem Anschlag auf die Synagoge 2019. Zumal die Moschee in Halle-Neustadt bereits 2018 zweimal aus einer anderen Richtung beschossen wurde. Wer der Täter von damals ist, das wisse niemand.

Kulturzentrum ist Ort der Begegnung

Djamal läuft die Treppe zu den Gebetsräumen hinauf. Sein beschwingter zügiger Gang verrät: Er ist gehetzt, will alles zeigen, hat aber auch wenig Zeit. Seit Sonntag interessiert sich auch wieder die internationale Presse für die Ereignisse rund um das Kulturzentrum. Denn, sagte Amelal, das Haus sei nicht nur Moschee, sondern auch ein Ort der Begegnung und der Integration.

Wir haben hier viele Sprachkurse, im Gebetsraum für die Männer stellen wir dann Stühle hin. Das ist hier ein Multifunktionsraum.

Hinter dem Gebetsraum für Männer finden in zwei kleineren Räumen gerade Deutsch-Sprachkurse für Frauen statt. Die 34-jährige Yasmina erzählt in ihrer Muttersprache, sie habe seit Sonntag wieder Angst. Djamal Amelal übersetzt: Sie habe das in Syrien, wo sie herkomme, damals auch schon erlebt und diese Erinnerung komme nun wieder.

Islamisches Kulturzentrum in Halle
Die Moschee ist viel zu klein für die Zahl der Gläubigen in Halle. Bildrechte: imago/VIADATA

Polizeipräsenz sorgt für etwas Sicherheit

Während die Frauen Deutschunterricht haben, können sie ihre Kinder in einem Extra-Raum betreuen lassen. Das Islamische Kulturzentrum hat eine entsprechende Kooperation mit einer Sprachschule. Eine Angestellte der Sprachschule ist Doreen. Die 47-Jährige ist selbst Gemeindemitglied. Sie fühle sich sicher, sagt sie, vor allem weil die Polizei ja da sei: "Mir kann auch etwas in einer Straßenbahn passieren", sagt sie. Denn im Alltag habe sie auch schon rassistische Anfeindungen erlebt.

Islam ist in Deutschland noch nicht akzeptiert.

Sie sei schon wegen ihres Kopftuches beleidigt worden. Das finde sie traurig.

Anwohner: Anschlag ist "Sauerei"

Zwischen Polizeicontainer und dem Gebäude läuft Gerhard Immermann. Der 73-Jährige wohnt schon seit mehr als 50 Jahren in Halle-Neustadt, erzählt er. Er finde, der Anschlag sei „eine Sauerei“, der gezielt den Menschen aus der islamischen Gemeinde galt. Er selbst fühle sich hier als jemand, der in Deutschland geboren sei, sicher. Sein Viertel habe sich toll entwickelt und sei eigentlich ein ruhiges Viertel. Kontakt zur islamischen Gemeinde habe er nicht. Es sei aus seiner Sicht eher ein friedliches Nebeneinanderleben.

Moschee in Halle: Zu wenig Platz für Gebete

Djamal Amelal hat Bedenken, dass gerade zum Freitagsgebet kaum Gläubige kommen – aus Angst. Denn weil der Platz in den Gebetsräumen für die Zahl der Mitglieder nicht ausreicht, müssen die Gläubigen draußen beten. Vor Corona-Zeiten, sagt er, seien freitags bis zu 700 Menschen zum Gebet gekommen.

Amelal versucht seine "Brüder und Schwestern" zu beschwichtigen. Schließlich sei seit dem Anschlag auf die Synagoge 2019 auch das Kulturzentrum unter ständigem Polizeischutz. Man sei seit langer Zeit in Gesprächen mit der Stadt Halle darüber, wie sich das Kulturzentrum vergrößern könne. Aber die islamische Gemeinde sei nur ein eingetragener Verein und lebe von Spenden. Es gebe keine staatliche Unterstützung. "Wir brauchen dringend eine Lösung dafür", sagt Amelal mit Nachdruck.

MDR (Paula Kautz, Oliver Leiste)

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT | 26. Januar 2022 | 17:00 Uhr

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