Schirm-Projekt in Halle Problemfamilien: Zwischen Ausgrenzung und konkreter Hilfe

Portrait-Bild von Uli Wittstock
Bildrechte: Uli Wittstock/Matthias Piekacz

In Sachsen-Anhalt steigt die Zahl der Kinder, die nicht in ihren Familien aufwachsen, weil das Lebensumfeld als ungeeignet eingeschätzt wird. Meist haben sich in den betroffenen Familien eine Vielzahl von Problemen angehäuft, die letztendlich die Behörden zum Eingreifen veranlassen. Doch es kann auch die Chance für einen Neuanfang sein.

Auf einer Mauer steht 'Schirm-Projekt'
Das Schirm-Projekt in Halle ist Anlaufstelle für Familien mit Problemen. Bildrechte: MDR/Ulrich Wittstock

Das Schirm-Projekt in Halle hat eine lange Erfahrung im Umgang mit Menschen aus den gesellschaftlichen Randbereichen. Seit 1991 gibt es die Einrichtung, die sich zunächst um Drogenabhängige und Straßenkinder kümmerte und inzwischen ein breites sozialpädagogisches Angebot vorhält – hier mit Steffi und Stella. Die Mütter werden seit längerer Zeit durch Mitarbeiterinnen des Schirm betreut. Es ist ein Treffen auf neutralem Boden.

Besonders für Stella ist das wichtig, denn nach einem Fernsehinterview ergoss sich über sie ein regelrechter Shitstorm: "Leider ist das Interview so geschnitten worden, dass ich da plötzlich als drogenabhängige Mama dastand, die eigentlich nichts auf die Reihe kriegt."

Obwohl wir in einem katholischen Kindergarten sind, haben sich dann viele von mir und meinen Kindern abgewandt.

Stella

Der Stempel nach der falschen Abzweigung

Bis zu diesem Zeitpunkt galt Stella als engagierte Mutter, die immer dabei war, wenn es darum ging, Kindergartenfeste vorzubereiten. Dass sie in einem anderen Leben durch ihre Drogensucht beinahe ihre Familie zu Grunde gerichtet hatte, wusste niemand. Und obwohl sie seit Langem clean war, galt Stella fortan als "Drogenmutter". Das hat sie misstrauisch gegenüber Reportern gemacht.

Frau von hinten
Stella ist Mutter von fünf Kindern. Bildrechte: MDR/Ulrich Wittstock

Dabei hat Stella in ihrem Leben einiges geschafft, zum Beispiel fünf Kinder bekommen: "Das ist sehr ungewöhnlich. Aber die Kinder sind tatsächlich aus purer Liebe entstanden und waren auch alle so gewollt. Ich selber habe vier Geschwister, und deshalb war mir ein großes Familienleben durchaus geläufig." Doch wie das so ist mit der Liebe, sie geht eben auch wieder verloren.

Und dann kann es passieren, dass man im Leben eine falsche Entscheidung trifft. Für Stella waren es Drogen, genauer Chrystal Meth. Eine Droge, die den Alltag radikal verändert – und zwar so sehr, dass ein halbwegs geregeltes Leben immer schwieriger wird. Auf dem Tiefpunkt ihrer Sucht entschloss sich Stella zu einer Therapie. Vier Monate stationärer Aufenthalt in Bernburg, ohne Kontakt zu Dealern und Junkies, aber auch ohne die Kinder.

Unterstützung des Schirm-Projekts

Inzwischen leben wieder vier der fünf Kinder bei der Mutter, der älteste Sohn wohnt bei den Großeltern. Ohne die Familienhilfe des Schirm-Projektes wäre dies aber so nicht möglich gewesen. Obwohl Antje Weise eigentlich als "Schirm-Chefin" alle Aktivitäten der Einrichtung koordiniert, ist sie selber auch noch als Familienbetreuerin unterwegs.

Wenn ich merke, dass zwischen Eltern und Kindern ein Band besteht, dass sich die Eltern Mühe geben, dass sie mit ihren Kindern gemeinsam leben wollen, ab da bin ich mit im Boot.

Antje Weise, Chefin des Schirm-Projektes

Es geht zunächst darum, den Familienalltag zu strukturieren, eine gewisse Verlässlichkeit für die Kinder zu organisieren, damit sie sich im familiären Umfeld geborgen fühlen können. Doch es bleibt nicht bei freundlichen Hinweisen, so Antje Weise.

"Wir kontrollieren, ob die Wohnung sauber ist, ob Essen im Kühlschrank ist, ob die Kinder gut genährt sind, ob die Kinder in die Schulen oder Kitas gehen und so weiter. Und es ist nicht immer ganz einfach, auch den Eltern dann klar zu sagen, wenn das und das nicht passiert, müssen wir einen anderen Weg gehen", so Weise. Was wohl auch heißen kann, dass die Kinder nicht in der Familie bleiben können.

Menschen in einem Hof
Das Schirm-Projekt in Halle hilft den Familien, ihren Alltag wieder zu strukturieren. Bildrechte: MDR/Ulrich Wittstock

Der schwierige Kampf um die Kinder

Steffi hat ebenfalls die Erfahrung hinter sich, wie es sich anfühlt, wenn die Kinder plötzlich durch das Jugendamt in Obhut genommen werden. Bei ihr waren es jedoch nicht die Drogen, sondern es war eine permanente familiäre Überforderung. Spätestens nach dem dritten Kind, das sich als schwierig erwies, nahmen die Probleme überhand.

"Ständig stand die Polizei vor der Tür, weil mein Partner und ich uns lautstark gestritten haben. Und auch im Kindergarten war man auf uns aufmerksam geworden, weil unser drittes Kind eben sehr auffällig ist. Wir haben uns als Eltern total verloren. Wir haben die Kinder nicht mehr beachtet."

Wir haben sie einfach nicht mehr gesehen, weil wir wirklich nur noch an uns selbst rumgenörgelt haben. Und dann sind die Kinder irgendwann in die Inobhutnahme gekommen.

Steffi

Kampf gegen Vorurteile

Ein Jahr kämpfte die junge Familie um ihre Kinder, auch mit Hilfe der Familienbetreuung im Schirm-Projekt. Es war ein schwieriger Kampf, auch wegen zahlreicher Vorurteile. Steffi hat zwar eine Berufsausbildung zu Kinderpflegerin begonnen, diese aber wegen des ersten Kindes nicht beendet.

Schild
Beim Schirm-Projekt gelten klare Regeln. Bildrechte: MDR/Ulrich Wittstock

Mit einer solchen Biographie hat man es im Jungendamt schwer, so die Erfahrung von Antje Weise: "Wenn man als Akademiker ein Problem hat und zum Jugendamt kommt, geht es meist um Scheidung und Geld. Wenn man als arme Familie zum Jugendamt geht, kommt sofort die Frage, ob mein Kind bei mir weiterleben kann? Gehe ich freiwillig zum Jugendamt und möchte Hilfe, kann es passieren, dass ich dann ohne Kind wieder herauskomme, weil ein Mitarbeiter am Schreibtisch entschieden hat, dass das Kind in eine Einrichtung muss."

Jobsuche schwierig – auch durch Akten der Arbeitsverwaltung

Stella hat ihr Leben inzwischen wieder im Griff, kann aber bei Bedarf jederzeit auf Hilfe im Schirm-Projekt setzen. Und die junge Frau hat ein neues Ziel: Die ausgebildete Fachverkäuferin würde gerne Erzieherin werden. Bei einer Frau mit ihrer Lebenserfahrung sicherlich keine schlechte Idee.

Doch es gibt ein Problem. In den Akten der Arbeitsverwaltung lebt ihre Drogenkarriere fort: "Ich will das Problem ganz klar ansprechen: Wenn man drogenabhängig war und eine Therapie absolviert hat, dann landet man beim Jobcenter auf einer Roten Liste. Ich nenne es gerne Rote Liste, weil sie tatsächlich rot markiert ist. Und auf dieser Liste steht man dann quasi und muss ganz, ganz lange darum kämpfen, dass man wieder auf die normale Liste zurückkommt. Und erst dann hat man tatsächlich die Möglichkeit, auch wieder einen Job zu bekommen. Ansonsten fällt man leider durch das gesellschaftliche Raster."

Finanzielle Unabhängigkeit und weitere Unterstützung wichtig

Für Stella ist es wichtig, auch finanziell wieder auf eigenen Beinen zu stehen, denn Armut kann erneut zu familiären Konflikten führen. Das bestätigt auch Antje Weise: "Weil nämlich die Kinder ausgegrenzt werden, wenn sie zur Einschulung nur einen gebrauchten Ranzen haben oder eine kleinere Zuckertüte. Diese materielle Armut, die ist eben auch schon bei Kindern offensichtlich. Dann ist schnell die Ausgrenzung da, und dann kommen die Fragen: Mama, warum kannst du mir das oder das nicht kaufen? Und dann gibt es Stress in der Familie." Und so kann es dann häufig wieder zu Problemen kommen.

Stella und Steffi sind positive Beispiele, wie es gelingen kann, Familien wieder zu stabilisieren. Doch natürlich gibt es ebenfalls viele Fälle, in denen dies nicht gelingt – oft auch, weil die Betroffenen selbst aus schwierigen Verhältnissen stammen.

Und genau diesen Mechanismus auszuhebeln, sei das eigentliche Ziel, sagt Sozialpädagogin Antje Weise: "Wir betreuen viele Eltern, die selber die Liebe von Eltern nie oder nur bedingt erfahren haben. Viele von ihnen waren selber in Wohnheimen oder Kindergruppen und hatten keine Möglichkeit, Bindungen aufzubauen. Jetzt sollen sie mit dem eigenen Kind das schaffen, was sie selber nie erleben durften. Und da brauchen Sie Hilfe, damit ihre Kinder nicht eine ähnliche Karriere machen wie sie selbst."

Portrait-Bild von Uli Wittstock
Bildrechte: Uli Wittstock/Matthias Piekacz

Über den Autor Geboren ist Uli Wittstock 1962 in Lutherstadt Wittenberg, aufgewachsen in Magdeburg. Nach dem Abitur hat er einen dreijährigen Ausflug ins Herz des Proletariats unternommen: Arbeit als Stahlschmelzer im VEB Schwermaschinenbaukombinat Ernst Thälmann. Anschließend studierte er evangelische Theologie. Nach der Wende hat er sich dem Journalismus zugewendet und ist seit 1992 beim MDR. Er schreibt regelmäßig Kolumnen und kommentiert die politische Entwicklung in Sachsen-Anhalt.‚

MDR/Ulrich Wittstock, Mario Köhne

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT - Das Radio wie wir | 16. September 2021 | 15:40 Uhr

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