Porträt Leonora M. Wie eine Jugendliche aus Sachsen-Anhalt zum Terrorismus kam und wieder ausstieg

In Halle beginnt am Dienstag der Prozess gegen die IS-Rückkehrerin Leonora M. MDR SACHSEN-ANHALT zeichnet den Lebensweg der jungen Frau nach, der von einem Dorf bei Sangerhausen zum Terrornetzwerk IS in Syrien führte. Bis heute wirft der Weg der jungen Frau Fragen auf. Ein Porträt.

Leonora aus Breitenbach war nach Syrien gegangen.
Leonora konvertiert zum Islam und geht 2015 nach Syrien. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Knapp sieben Jahre nach ihrer Flucht aus Sachsen-Anhalt nach Syrien steht Leonora M. nun in Deutschland vor Gericht. Die heute 21-Jährige war die Drittfrau eines IS-Kriegers. Die Vorwürfe: Leonora M. habe sich einer terroristischen Vereinigung angeschlossen, den Menschenhandel ihres Mannes unterstützt und gegen Waffengesetze verstoßen. Über den Weg eines jungen Mädchens aus einem beschaulichen Ort in Sachsen-Anhalt zum sogenannten Islamischen Staat.

Das Paradies im Grünen mit Katzen, Hunden und Hühnern

Die 1999 geborene Leonora M. wächst in Sangerhausen auf. Als sich ihre Eltern trennen, ist Leonora vier Jahre alt. Zunächst wohnt sie bei ihrer Mutter und sieht den Vater nur an Wochenenden. Doch die Situation ändert sich, als Leonora elf Jahre ist. Der Vater, von Beruf Bäcker, hat inzwischen geheiratet und ein Häuschen für die neue Familie gekauft, "ein Paradies im Grünen", wie er es nennt.

Doch zwei Jahre später scheitert die zweite Ehe von Leonoras Vater. Für die inzwischen 13-Jährige fällt eine wichtige Bezugsperson weg, denn zu ihrer Stiefmutter habe sie eine warmherzige Beziehung gehabt, beschreibt ihr Vater Mike M. Sie sei in ein emotionales Loch gefallen, so der Vater, der viel arbeitet. Leonora verbringt viel Zeit allein in ihrem Zimmer. Dort wird ein Mädchen-Klischee in lila wahr: Himmelbett, florale Tapeten, Rüschen und Nagellack in allen Farben. Auf YouTube teilt sie Kosmetikerfahrungen, präsentiert ihre "Favoriten des Monats" und äußert sich zu Modefragen.

Ortseingangsschild Breitenbach
Leonora wächst in Breitenbach bei Sangerhausen auf. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Vom Beauty-Star zur Vollverschleierung

Leonoras Vater hat all das in einem Buch aufgeschrieben, illustriert mit Fotos von Leonora, auf denen Makeup, Lidstrich und Highlighter akkurat sitzen. Ihr persönliches Umfeld bekommt von der beginnenden Wandlung zur IS-Anhängerin wenig mit. Der Vater beschreibt es als Doppelleben. Erst nach ihrem Verschwinden im März 2015 entdeckt Mike Fotos auf dem daheim gelassenen Laptop. Diese visualisieren die Veränderung: vom Beauty-"Star" zur Vollverschleierung in kürzester Zeit.

Auf Facebook und in WhatsApp-Gruppen findet Leonora zum Islam. Dort tauscht sie sich aus mit "Schwestern", so nennen sich Muslima in ihren Chats. Es geht zunächst um Banalitäten, was eine Muslima isst oder welche Kleidung sie trägt. "Eigentlich ging es bei mir mit Facebook los. Der Islam war dann so Trend", erzählt sie später einem Journalisten im Interview. Im Januar 2014 konvertiert Leonora zum Islam. Ihr Vater wird davon über ein Jahr lang nichts mitbekommen, bis zu ihrem Verschwinden im März 2015. Leonora kauft ihre muslimische Kleidung online, eine Reise nach Frankfurt am Main kann sie ebenso geheim halten. Sie erklärt dem Vater, sie sei bei ihrer Mutter nur ein paar Dörfer weiter.

Auch im realen Leben hat Leonora Berührungspunkte mit dem Islam. Eine Freundin an der Schule ist Kurdin und Muslima. Emine, anderthalb Jahre älter als Leonora, wird zur Bezugsperson. Leonora ist oft zu Gast in der Familie und übernachtet dort. Und lernt auf diese Weise viel über den praktischen Islam. Doch selbst Emine weiß nichts von Leonoras Doppelleben und ihren "Schwestern" im Internet.

Die arrangierte Ehe

Dort konkretisiert sich Leonoras Wunsch, als Muslima zu leben. Im Internet lernt sie Sherine kennen, eine junge, in Leipzig lebende Französin. Das Chatten mit Sherine wird letztlich den Ausschlag dafür geben, dass Leonora nach Syrien verschwindet: Denn Sherine ist verheiratet mit Martin Lemke, einem Schlosser aus Zeitz, der schon vor Jahren zum Islam konvertierte. Sherine und Martin planen die Ausreise nach Syrien zum sogenannten Islamischen Staat, vorher sucht Sherine aber noch eine weitere Frau für ihren Mann. Leonora lässt sich überzeugen. Am 6. März 2015 – Sherine und Martin sind bereits in Syrien – besteigt Leonora in Frankfurt am Main ein Flugzeug der Turkish Airlines nach Istanbul. Mit einer gefälschten Vollmacht ihres Vaters und dem festen Willen, in Syrien Martin zu heiraten, der bereits für den Geheimdienst der Terror-Miliz arbeitet.

In Syrien sei für alles gesorgt, wird ihr vor dem Abflug zugesichert. Alles, was eine Muslima braucht, sei vorhanden oder könne gekauft werden. Außer hochwertige Damenunterwäsche, offenbar eine Mangelware im Islamischen Staat, schreibt der Vater in seinem Buch. Schleuser bringen Leonora zwei Tage nach ihrer Ankunft nach Syrien.

Dort muss sie zunächst in Rakka in ein Frauenhaus, ein zentraler Sammelpunkt für weibliche Eingereiste. Leonora verbringt die Zeit mit anderen Mädchen und Frauen aus aller Welt, alle mussten ihre Handys abgeben. Die Tage vertreiben sie sich mit beten und plaudern. Leonora scheint sehr zufrieden mit dieser Situation zu sein.

"Also mir geht es sehr, sehr, sehr sehr gut!"

Wenige Tage später verlässt sie das Frauenhaus und wird Drittfrau von Martin. Mit 15 Jahren. Bis dahin weiß niemand aus ihrer Familie, wo Leonora ist. Fast zwei Wochen vergehen, bis der Vater ein erstes Lebenszeichen bekommt. Zunächst von Martin, später von Leonora als Sprachnachricht. "Also mir geht es sehr, sehr, sehr, sehr gut", beteuert sie, schwärmt vom Gold, das sie zur Hochzeit bekommen hat, und der großen Wohnung. "Natürlich habe ich alles lila gemacht." Sie lacht, als sie die Sprachnachricht aufzeichnet.

Sie wohnt in Rakka zusammen mit dem IS-Krieger Martin, seiner Erstfrau Sherine und deren gemeinsamen Kind. Martins Zweitfrau wohnt mit ihrem Sohn in einer eigenen Wohnung. Anfangs verstehen sich die drei Frauen, gelegentlich kommt sogar Partylaune auf und sie hören "Atemlos" von Helene Fischer. Und das, obwohl der IS das Hören westlicher Musik mit Peitschenhieben bestraft. Vater Mike M. zu Hause in Breitenbach kontaktiert unterdessen Schleuser, vermittelt über den Journalisten Volkmar Kabisch vom NDR. Mehrere Versuche, Leonora aus Syrien zu schleusen, scheitern.

"Ich lebe, egal, was sie sagen"

Lange Zeit hört Mike M. nichts von Leonora. Bis sich die Zweitfrau von Martin meldet. Leonora und ihr Mann seien bei einem Bombenangriff gestorben. Als schon der Termin für die Trauerfeier in Sangerhausen steht, meldet sich Leonora. "Ich lebe, egal was sie sagen."

Eine große emotionale Belastung für Mike M. und seine Familie. In den folgenden Wochen schreibt Leonora darüber, dass ihr Mann eine Sklavin mit ihren beiden Kindern gekauft habe. Leonoras Aufgabe: Sie soll die Frau "aufpäppeln", damit sie gewinnträchtig weiterverkauft werden kann.

Es beginnt eine Zeit, in der sich Leonora nur noch selten in Deutschland meldet. Vielleicht auch, weil sie sich inzwischen verliebt hat – in den eigenen Gatten. Sie wird schwanger und das Paar braucht Geld. Leonora bittet ihren Vater immer wieder um Unterstützung.

Im Juni 2017 fliehen Leonora und ihr Mann, die Luftangriffe auf Rakka häufen sich und der sogenannte Islamische Staat verliert immer mehr an Boden. Sie könnten sich auch den kurdischen Streitkräften ergeben und damit die Chance erhöhen, wieder nach Deutschland zu kommen. Doch das wollen sie offenbar nicht.

Will sie wirklich weg vom Islamischen Staat?

In dieser Zeit unternimmt auch die Bundesregierung nach Informationen von MDR SACHSEN-ANHALT einen Versuch, Leonora wieder nach Deutschland zurückzuholen. Doch vergeblich. Es sei der Eindruck entstanden, sie habe sich nicht wirklich dabei bemüht.

Für die Schwangere beginnt im Juni 2017 eine Flucht in Syrien. Über anderthalb Jahre lang ziehen Leonora und Martin von Ort zu Ort. In dieser Zeit entbindet Leonora zwei Mädchen. Habiba im September 2017 und Maria im Januar 2019. Etwa zwei Wochen später stellt sich die Familie den kurdischen Sicherheitskräften. Leonora schluchzt, als sie ihrem Vater davon per Sprachnachricht berichtet. Sie seien am Ende und hätten nichts mehr zu essen. Leonora kommt mit ihren Töchtern für fast zwei Jahre in ein Gefangenenlager im Nordosten Syriens. Etwa 75.000 Menschen sollen dort leben. Die Rückführung durch die Bundesregierung nach Deutschland verzögert sich immer wieder, es sei zu unsicher. Im Dezember 2020 steigt sie mit ihren beiden Töchtern in ein von der Bundesregierung gechartertes Flugzeug nach Frankfurt am Main. Martin bleibt inhaftiert.

Leonora M
Leonora ist Mutter von zwei Töchtern. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

In Deutschland wird die 21-Jährige sofort von Beamten des LKA Sachsen-Anhalt verhaftet und in das Gefängnis "Roter Ochse" in Halle gebracht, ohne die Kinder.

Verfahren unter Ausschluss der Öffentlichkeit

Im "Roten Ochsen" ist Leonora froh, wieder mehr Komfort zu haben, wie einen Fön oder eine Pinzette zum Wimpern zupfen. Am 8. Januar 2021 kommt sie nach einem Haftprüfungstermin frei und darf mit ihrem Vater nach Hause fahren. Die Ermittlungen laufen weiter und so wird etwa sieben Monate nach ihrer Rückkehr aus Syrien Anklage erhoben.

Bei dem Prozess ist die Öffentlichkeit ausgeschlossen, weil sie ein Großteil der vorgeworfenen Taten als Jugendliche und später als Heranwachsende begangen habe. Richterin Ursula Mertens wird das Verfahren leiten, sie hatte auch den Vorsitz im Prozess gegen den Halle-Attentäter. Dabei hatte sich die 58-Jährige viel Respekt verdient, ein Anwalt der Nebenklage beschreibt sie als "sehr menschlich", sie führe mit viel Empathie und Struktur durch das Verfahren.

Strafmaß noch unklar

Eine Aussage dazu, mit welcher Strafe Leonora M. rechnen muss, ist schwer möglich und hängt von etlichen Faktoren ab. Zum einen muss das Gericht entscheiden, ob Jugendstrafrecht anzuwenden ist. Das sieht maximal zehn Jahre Gefängnis vor. Leonora M. war zwar als 15-Jährige zum IS gegangen, jedoch nach ihrer Flucht aus Rakka volljährig geworden. Straftaten als Heranwachsende könnten das Strafmaß erhöhen.

Ein weiterer Punkt beim Strafmaß: Das Gericht hätte unter bestimmten Voraussetzungen die Möglichkeit, Leonoras Haftjahre in dem nordsyrischen Gefängnis anzurechnen. Denkbar ist demzufolge auch, dass Leonora M. um eine Gefängnisstrafe herumkommt.

MDR (Fabienne von der Eltz)

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT | 25. Januar 2022 | 05:00 Uhr

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