Kommentar Angst vor dem Coronavirus oder Angst vor der Spritze

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Bildrechte: Uli Wittstock/Matthias Piekacz

Kein besinnlicher erster Advent liegt vor uns, sondern ein Fest des Zanks und Streits. Während die Corona-Zahlen steigen, wird in der Öffentlichkeit die Schuldfrage debattiert. Sind es die Geimpften oder die Ungeimpften, die das Virus verteilen? Und welchen Anteil hat eigentlich die Politik am virologischen Desaster? Ein Kommentar.

Ampullen mit Impfstoff von BioNTech
Unter anderem der Impfstoff sorgt für Streit und Uneinigkeit in der Gesellschaft, meint Autor Uli Wittstock. Bildrechte: imago images/Eibner Europa

Würde das Virus mit uns sprechen, dann wäre vieles einfacher. Man könnte es in Talkshows einladen, natürlich unter Berücksichtigung aller Hygieneregeln, und es zwischen Karl Lauterbach und Sahra Wagenknecht platzieren. Und dann könnte man es ausfragen, wer es denn geschickt habe, welche politische Absicht sich unter der stacheligen Hülle verberge und wann es denn gedenke, die Menschheit endlich in Ruhe zu lassen. Leider ist das Virus für solche Art der Kommunikation nicht zugänglich, sondern mutiert weiter vor sich hin.

Und so sind wir auch in der vierten Angriffswelle auf die Virusversteher angewiesen. Inzwischen vermehren sich die Virusversteher fast genauso schnell wie das Virus selbst. Gelegentlich erinnern deren Erkenntnisse an Sterndeuterei. Vor allem, wenn sich Zeitgenossen befleißigen, deren Kenntnis der höheren Mathematik allenfalls rudimentär zu nennen wäre.

Corona-Gerüchte und Streit

Hinzu kommt das, was man als gefühlte Alltagserfahrung beschreiben könnte. Der Adoptivsohn des Bekannten meines Gemüsehändlers hätte dies, das oder jenes erlebt. So schrumpft die erfahrbare Welt auf die Größe einer Facebook-Kommentarspalte. Wie in der Flüchtlingsdebatte zieht sich ein Riss durch Familien und Freundeskreise. Weil das Thema so allumfassend scheint, kommen die Medien nicht umhin, beständig zu berichten, was die erregten Gemüter weiter befeuert.

Es wundert nicht, dass wir im Sommer alle hofften, endlich das Schlimmste überstanden zu haben, den Warnungen mancher Virologen zum Trotz. Es scheint mir zu einseitig zu sein, allein der Politik die Schuld an der derzeitigen Situation zu geben. Sicherlich aber spielte auch der Umstand eine Rolle, dass sich Deutschland im Bundestagswahlkampf befand, denn unangenehme Ausblicke auf einen düsteren Corona-Herbst hätten wohl die Siegchancen der Mahner kaum erhöht.

Landesregierung handelte zögerlich

Sachsen-Anhalt aber hatte bereits einen neuen Landtag gewählt, sodass hier die Umsetzung von Corona-Maßnahmen deutlicher hätte ausfallen können. Doch stattdessen blieb die Landesregierung hinter den Beschlüssen der Ministerpräsidentenkonferenz zurück.

Die hatte sich auf die Hospitalisierungsrate als neue Kennziffer für Beschränkungen geeinigt. Demnach hätte in Sachsen-Anhalt flächendeckend die 2Gplus-Regel eingeführt werden müssen. Stattdessen beließ man es bei der 3G-Regel und stellte es den Städten und Gemeinden frei, Weihnachtsmärkte abzusagen oder eben auch nicht.

Weder bundes- noch landesweit einheitliche Regeln

Das habe rechtliche Gründe, so Sachsen-Anhalts Sozialministerin Grimm-Benne. Das benachbarte Sachsen scheint in einem anderen Rechtsstaat zu siedeln, denn dort hat Ministerpräsident Kretschmer landesweit Weihnachtsmärkte untersagt. Und wer mit dem Zug unterwegs ist, dem reicht in Sachsen-Anhalt eine OP-Maske, um sich ins Abteil zu setzen. Hinter der Landesgrenze, in Sachsen, ist dann aber die FFP2-Maske vorgeschrieben. Immerhin wird ein in Magdeburg ausgestellter Impfausweis auch in Dresden akzeptiert.

Möglicherweise war das der Grund, warum Ministerpräsident Haseloff beteuerte, die Bundesländer würden diesmal auf einheitliche Regeln setzen. Doch nicht mal in Sachsen-Anhalt gibt es ein einheitliches Vorgehen. Während vor allem kleinere Städte ihre Weihnachtsmärkte absagten, sahen andere dafür keinen Grund. 

Streit um Impfstatus

Ungeimpfte sind so etwas wie die Untoten der Corona-Pandemie geworden. Daran sind die Krakeeler unter ihnen nicht ganz unschuldig. Ich habe mich daran gewöhnt, von wildfremden Welterklärern als Schlafschaf, Systembüttel und auch als Faschist oder Impfnazi bezeichnet zu werden. Und das nur, weil ich nicht an die Heilkraft von Sternen, Steinen, Klangschalen oder Entwurmungsmitteln glaube.

Dabei gehöre ich nicht zu jenen, die davon ausgehen, dass die Impfung alle Probleme der Pandemie lösen wird. Allerdings scheint mir unter den gegenwärtigen Bedingungen eine Impfung die sinnvollste Reaktion zu sein, auch wenn Geimpfte sich selbst infizieren und das Virus weitergeben können. Weil das so ist, liegen auch Geimpfte mit schweren Krankheitsverläufen auf den Stationen, was statistisch nicht verwundern sollte. Doch wer denkt schon immer statistisch.

Impfverweigerung als Protest

Als Jugendlicher in der DDR ging ich gerne bei Rot über die Ampel. Ich hielt das für einen legitimen Protest gegen das System – freilich nur, wenn kein Volkspolizist in der Nähe war. Ein Teil der Corona-Impfverweigerer scheint nun nach ähnlichem Muster zu handeln. Denn nicht wenige von ihnen betonen, eigentlich nichts gegen Impfungen an sich zu haben. Vielmehr gehe es darum, dass man "denen da oben" nicht mehr glauben könne.

Diese soziale Dimension des Problems wird aber kaum berücksichtigt, wenn über das unsolidarische Verhalten der Impfverweigerer debattiert wird. Sinnvoll wäre nämlich die Frage, welche Erfahrungen dieser Entsolidarisierung vorausgingen. Oder, anders formuliert: Wer jahrzehntelang aus neoliberalem Munde hört, dass der einzelne seines Glückes Schmied sei und sich bitte nicht in der sozialen Hängematte auf die Solidargemeinschaft verlassen solle, der wird misstrauisch, wenn jetzt von ihm eingefordert wird, sich für eben diese Solidargemeinschaft impfen zu lassen.

Fehlende Zuversicht

Begleitet wird das Virus von einem Gefühl der Unsicherheit, das allerdings die Menschen sehr unterschiedlich trifft. Ein Gastronom oder Einzelhändler spürt die Folgen anders als ein Polizist oder Bauarbeiter. Und schon die Regierung Merkel hatte es schwer, im Zeitalter des Konjunktivs die Menschen von der Notwendigkeit gewisser Maßnahmen zu überzeugen.

Im Berliner Machtvakuum des Regierungswechsels fand das Virus offenbar einen idealen Nährboden, um sich weiter zu verbreiten. Die Ampelkoalition ist bislang jedoch den Beweis schuldig geblieben, mit einer neuen Coronapolitik angemessener auf die Situation zu reagieren. So bleibt nur die Feststellung, dass Impfbefürworter und Impfkritiker weiter verbal aufeinander einschlagen, wie einst Katholiken und Protestanten während der Reformation. Allerdings gehe ich davon aus, dass ein Dreißigjähriger Krieg uns erspart bleibt. Solange hält das Virus nicht durch.

Portrait-Bild von Uli Wittstock
Bildrechte: Uli Wittstock/Matthias Piekacz

Über den Autor Geboren ist Uli Wittstock 1962 in Lutherstadt Wittenberg, aufgewachsen in Magdeburg. Nach dem Abitur hat er einen dreijährigen Ausflug ins Herz des Proletariats unternommen: Arbeit als Stahlschmelzer im VEB Schwermaschinenbaukombinat Ernst Thälmann. Anschließend studierte er evangelische Theologie.

Nach der Wende hat er sich dem Journalismus zugewendet und ist seit 1992 beim MDR. Er schreibt regelmäßig Kolumnen und Kommentare.

MDR (Maria Hendrischke)

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT HEUTE | 26. November 2021 | 19:00 Uhr

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