Hintergrund Wirtschaft und Verbraucher: So abhängig ist Sachsen-Anhalt von Russland

Deutschland ist ohne Frage abhängig von russischem Gas und Öl. Dabei trifft diese Abhängigkeit auf Sachsen-Anhalt besonders zu. Ganze Wirtschaftszweige hängen an den Rohstoffen. Die jüngsten Sanktionen gegen Russland wecken Befürchtungen für weitere Folgen bei der Versorgung, den Handelsbeziehungen und den Verbraucherpreisen. Fragen und Antworten im Überblick.

Ein Gasherd mit zwei Flammen.
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Wie sehen die Beziehungen von Sachsen-Anhalts Wirtschaft zu Russland aus?

Was den Bezug von Waren angeht, ist Sachsen-Anhalts Wirtschaft besonders von Russland abhängig. Daten zum Außenhandel zeigen, dass 2021 die Importe bei einem Gesamtwert von 2,9 Milliarden Euro lagen. Das sind fast neun Prozent der gesamtdeutschen Russland-Importe.

Weniger von Bedeutung ist Russland als Absatzmarkt für sachsen-anhaltische Unternehmen. 2021 wurden Waren im Wert von 314 Millionen Euro aus Sachsen-Anhalt dorthin exportiert. Das entspricht gerade einmal einem Prozent aller Exporte von Deutschland nach Russland.

Außenhandel Sachsen-Anhalts mit Russland 2021
Sachsen-Anhalt ist vor allem beim Import von Russland abhängig. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Welche Sanktionen gelten gegen Russland?

Seitens der EU wurden ab März 2014 Sanktionen gegen Russland verhängt – wegen der Annexion der Krim und der Destabilisierung der Ukraine. Sie richten sich gegen einzelne Personen oder Organisationen. Die Wirtschaftsbeziehungen zur Krim und ihrer Hafenstadt Sewastopol sind seitdem eingeschränkt – etwa durch ein Einfuhrverbot von Waren aus dieser Region. Außerdem bestehen allgemeine Wirtschaftssanktionen wie das Aus- und Einfuhrverbot von Waffen.

Als Reaktion auf die russische Invasion in die Ukraine hat die EU Ende Februar weitere Wirtschafts- und Finanzsanktionen beschlossen. Unter anderem wurden die Vermögenswerte der russischen Zentralbank in der EU eingefroren. Außerdem sind einige russische Banken aus dem Finanz-Kommunikationssystem Swift ausgeschlossen worden. Zudem beschränkt die EU die Ausfuhr strategisch wichtiger Güter für den Verkehrs- und Energiesektor – etwa Flugzeuge oder Technologien für die Ölveredelung.

Sanktionen gibt es auch abseits der Politik. So haben die Fußballverbände FIFA und UEFA Russland von allen Wettbewerben ausgeschlossen.

Welche Wirtschaftsbereiche sind besonders von Russland abhängig?

Die Chemieindustrie in Sachsen-Anhalt ist am stärksten mit der russischen Wirtschaft verbunden und von ihr abhängig. Dabei stehen die Rohstoffe Öl und Erdgas im Mittelpunkt. Im Gespräch mit MDR SACHSEN-ANHALT verweist Wirschaftswissenschaftler Joachim Ragnitz vom ifo-Institut insbesondere auf den Süden Sachsen-Anhalts. Die Leuna-Raffinerie, in der aus Rohöl Kraftstoff hergestellt wird, bezieht nach Unternehmensangaben den Großteil des Rohstoffs per Pipeline aus Russland. Erdgas hingegen wird in den Kraftwerken von Leuna für die Energieerzeugung und teilweise für die Produktion benötigt. Auch weitere Industriebetriebe, etwa in Wittenberg oder Bernburg, setzen Gas aus Russland für ihre Produktion ein, so Ragnitz.

Auch die Energieversorgung der privaten Haushalte hängt am Gas. Marco Langhof vom Verband der Arbeitgeber- und Wirtschaftsverbände Sachsen-Anhalt verweist im MDR-Interview darauf, dass auch das Beheizen von Schulen, Altenheimen und Krankenhäusern mit der Abhängigkeit vom russischen Gas verbunden sind.

Der Osten und Mitteldeutschland sind praktisch zu hundert Prozent von russischem Gas abhängig.

Marco Langhof, Präsident der Arbeitgeber- und Wirtschaftsverbände Sachsen-Anhalt e.V.

Hingegen liegen laut Langhof die Exporte von Waren nach Russland aus Sachsen-Anhalt ohnehin auf einem niedrigen Niveau. Was den Import von Material und Vorprodukten angeht, gebe es noch keine Meldungen. Einzelne Unternehmen befürchten hingegen sehr wohl Auswirkungen, etwa der Anlagenbauer FAM aus Magdeburg, der kürzlich einen Insolvenzantrag eingereicht hat. Er unterhält auch eine Niederlassung in Russland.

Wie realistisch sind aktuell die Sorgen der Wirtschaft?

Bei den Verhandlungen zu den aktuellen Sanktionen gegen Russland hat die Bundesregierung daraufhin verhandelt, dass Gas- und andere Rohstofflieferungen weiterhin bezahlt werden können. Das könne über die im Swift-System verbleibenden Banken geschehen, hieß es.

Die neuen EU-Sanktionen gelten zwar für bestehende und neue Verträge mit russischen Unternehmen. Einige Verbotsvorschriften sehen jedoch Klauseln vor, dass bestehende Verträge innerhalb bestimmter Fristen noch erfüllt werden dürfen.

Die Wirtschaftsweise Veronika Grimm geht davon aus, dass selbst bei einem Ausfall des gesamten deutsch-russischen Handels die Auswirkungen überschaubar sein werden. Sie erwarte, dass das deutsche Bruttoinlandsprodukt dadurch um weniger als ein Prozent sinken könnte.

Der Handelsverband Deutschland (HDE) prognostiziert angesichts steigender Energiekosten jedoch höhere Preise in den Geschäften. Von der Landwirtschaft über das produzierende Gewerbe sei die gesamte Wertschöpfungskette betroffen, was sich "letztlich auch auf höhere Verbraucherpreise durchschlagen" könnte. Leere Regale sind indes nicht zu befürchten. Laut HDE haben Produkte aus Russland im deutschen Einzelhandel nur eine geringe Bedeutung.

Welche Hilfen wird es für die Wirtschaft geben?

Wirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) hat bereits Hilfen für betroffene deutsche Firmen angekündigt. "Wir werden also für die Bereiche der Wirtschaft, die möglicherweise von Sanktionen betroffen sind, ähnliche Schutzmaßnahmen machen, wie wir es in der Corona-Pandemie getan haben", hatte er auf der Sondersitzung im Bundestag Ende Februar angekündigt.

Wie entwickeln sich die Preise für Energie und Benzin?

Die Energiepreise werden weiter steigen, so wie es bereits Preissprünge bei Rohöl und Erdgas an den Rohstoffmärkten gab, als Reaktion auf den Angriff Russlands. Der Konjunkturexperte des Münchener ifo-Instituts, Timo Wollmershäuser, prognostizierte zuletzt: "Eine Fünf vor dem Komma der Inflationsrate im Gesamtjahr 2022 wird gerade wahrscheinlicher als eine Drei."

Politisch wurden bereits Gegenmaßnahmen beschlossen: Ein Entlastungspaket der Regierungskoalition sieht vor, Bürgerinnen und Bürger ab Juli von der Ökostrom-Umlage zu befreien. Für Pendler ist ab dem 21. Kilometer eine höhere Pauschale von 38 Cent rückwirkend zum Jahresbeginn vorgesehen.

Bei den Spritpreisen wirkt sich die Rohstoffabhängigkeit von Russland laut ADAC besonders aus. Dem Verband zufolge war Tanken in Deutschland Ende Februar so teuer wie nie. Benzin und Diesel machten in drei Tagen einen Preissprung von über fünf Cent je Liter.

dpa, MDR (Maximilian Fürstenberg, André Plaul)

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT HEUTE | 28. Februar 2022 | 19:00 Uhr

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