Eskalation in der Ukraine Ukrainerin aus Magdeburg über Krieg in der Heimat: "Alle sind extrem besorgt"

Mariya Shapochka ist in der Ukraine geboren. Seit Jahren lebt und arbeitet sie in Magdeburg. Am Morgen des 24. Februar ist sie vom Anruf ihrer Schwester in der Ukraine geweckt worden: Dort ist der Kriegszustand ausgerufen worden. Seit dem Morgengrauen verfolgt Shapochka die Entwicklung in ihrer alten Heimat. MDR SACHSEN-ANHALT hat sie davon berichtet.

Rauch steigt nach einem Angriff von einer Luftabwehrbasis auf
Der Konflikt mit Russland um die Ukraine ist militärisch eskaliert. Gemeldet werden russische Raketenangriffe auf mehrere Städte in der Ukraine. Bildrechte: dpa

MDR SACHSEN-ANHALT: Frau Shapochka, Sie haben ganz kurzfristig und spontan für das Interview zugesagt. Warum war Ihnen das wichtig?

Mariya Shapochka: Es ist mir wichtig zu sagen, dass die Europäer endlich mal verstehen müssen, wie ernst die Lage ist und dass all das nicht irgendwo weit weg passiert, sondern mitten in Europa.

Dozentin Mariya Shapochka steht in einem Hörsaal und blickt in die Kamera
Mariya Shapochka hat Angst um ihre Familien in der Ukraine Bildrechte: Mariya Shapochka

Das ist Mariya Shapochka ... arbeitet als Deutschlehrerin an der Hochschule Magdeburg-Stendal. Außerdem ist sie Honorardozentin. Seit Oktober 2013 lebt sie in Magdeburg und hat an der dortigen Uni studiert. Ihre Eltern und Schwester leben in Saporoshje – der Partnerstadt von Magdeburg.

Wie haben Sie diesen Morgen erlebt?

Eigentlich sollte mein Wecker um 6 Uhr klingeln, ich bin aber um 5:45 Uhr aufgewacht, weil meine Schwester angerufen hat. Sie lebt mit meinen Eltern in der Ostukraine, in Saporoshje – der Partnerstadt von Magdeburg. Sie hat gesagt, dass der Kriegszustand ausgerufen worden ist, die Grenzen sind zu. Wir bekommen Meldungen, dass Kiew und Charkow bombardiert werden. Von allen Seiten, von allen möglichen Städten wird das Gleiche berichtet, dass Schüsse fallen und Bomben fliegen.

Ich habe dann sofort in mein Handy geschaut und die Nachrichten von Freunden und Bekannten gesehen. Videos von meinen Bekannten, die einfach vom Balkon drehen, und man sieht Feuer und hört, dass irgendwo in der Nähe geschossen wird.

Sie haben heute schon mit Ihrer Schwester in der Ukraine sprechen können. Wie geht es ihr? 

Die Lage ist äußerst angespannt, alle sind extrem besorgt. An den Geldautomaten gibt es lange Schlangen, die Leute versuchen, Geld abzuheben. Eine gewisse Panik herrscht, trotzdem versucht man, sich zu beruhigen. Über die Nachrichtensender kommen die Meldungen: Bitte beruhigen Sie sich, wir kontrollieren die Situation. Ständig kommen im Fernsehen die Hinweise, was man tun soll, wenn die Sirenen losgehen, wo sich die Schutzanlagen befinden.

Ist es eine Option, dass Ihre Familie das Land verlässt?

Es ist schwierig. Meine Verwandten wohnen da, meine Oma. Meine Eltern sind relativ jung und hätten die Möglichkeit, zu mir zu kommen und das Land zu verlassen. Aber man gibt das eigene Haus nicht so einfach auf. Dann stellt sich auch die Frage: Was passiert mit meiner Oma, sollten sie sie dort zurücklassen? Es ist jetzt auch nicht so, dass die auf gepackten Koffern sitzen und bereit sind, ihre Heimat zu verlassen.

Ganz praktisch gefragt: Wie verfolgen Sie die Entwicklung in der Ukraine?

Es gibt unzählige Telegram-Kanäle von den Nachrichtensendern in der Ukraine. Da können die Leute auch gleich Kommentare schreiben, falls eine Nachricht oder ein Video kommt. Die Leute fragen dort: 'Habt ihr was gehört? Unsere Stadt soll angegriffen werden.' Da laufen ständig Informationen aus anderen Städten ein und die Leute kommentieren: 'Ja, wir hören Sirenen oder Ähnliches.' Ich schreibe dazu natürlich die ganze Zeit mit meinen Eltern und mit Freunden und Bekannten. Und natürlich verfolge ich auch die Nachrichtensender in Deutschland und vergleiche die Informationen, weil es momentan auch viele Fake-News gibt.

Was ging Ihnen Anfang der Woche durch den Kopf, als die Nachrichten über die Rede von Putin eingetroffen sind? Haben Sie erwartet, dass die Situation so schnell eskalieren würde?

Ich muss gestehen, ich habe mir die Rede angesehen. Man darf ja nicht nur die Nacherzählung darüber hören, sondern muss sich eine eigene Meinung bilden. Und ich habe mir dabei gedacht, ok, das ist dasselbe wie damals in Georgien. Das sind die gleichen Szenarien. Die sogenannten Volksrepubliken werden anerkannt und dann bekommt Putin die Möglichkeit, militärische Angriffe freier zu gestalten. Alle haben gehofft, dass russische Aktionen auf die ostukrainischen Oblasten beschränkt bleiben. Niemand hat geglaubt, dass die Grenzgebiete ebenfalls angegriffen werden.

In Magdeburg gibt es auch eine große ukrainische Community. Wie sind dort die Nachrichten aus der Ukraine aufgenommen worden?

Für das Wochenende haben wir eine große Demo geplant, um unsere Verwandten zu unterstützen. Alle machen sich Sorgen. Hier befinden sich viele Menschen, die aus der Ostukraine kommen. Alle schreiben alles, was sie gesehen haben, was die Verwandten sagen. Alle überlegen, was sie nun machen, fragen sich: 'Soll ich meinen Verwandten Geld überweisen, soll ich sie herholen?'

In Deutschland leben auch viele Russen. Wie ist die Stimmung zwischen den beiden Gruppen?

Ich habe sehr viele Freunde und Bekannte, die ursprünglich aus Russland kommen. Die wollen das alles nicht. Keiner will Krieg. Die ganz normalen Menschen werden leiden. Die ganz normalen Menschen unterstützen den Kurs nicht.

Die wollen das alles nicht. Keiner will Krieg. Die ganz normalen Menschen werden leiden. Die ganz normalen Menschen unterstützen den Kurs nicht.

Mariya Shapochka

Putin sagt, die Ukraine gehöre historisch gesehen zu Russland. Können Sie dem etwas abgewinnen? 

Er macht das schon seit Jahren. Er bezweifelt die Grenzen von dem Land, bezweifelt, dass das Land überhaupt existiert. Es gibt ja inzwischen sehr viele Möglichkeiten, sich im Internet zu informieren. Die Kiewer Rus wurde in Kiew gegründet, als von Moskau noch niemand gehört hat. Als modern denkender Mensch kann man nicht verstehen, warum er so denkt. Er manipuliert und versucht so zu begründen, warum er in einen fremden Staat geht.

Vielen Dank für das Gespräch.

Die Fragen stellte Hannes Leonard.

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MDR (Hannes Leonard)

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL | 24. Februar 2022 | 19:30 Uhr

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