Stimmenkönig im Osten Bundestagswahl: Wie sich Sepp Müller gegen den CDU-Trend stemmen konnte

Thomas Vorreyer
Bildrechte: MDR/Luca Deutschländer

Die CDU hat bei der Bundestagswahl in Ostdeutschland massiv verloren. Der Abgeordnete Sepp Müller sorgte im Wahlkreis Dessau-Wittenberg für einen der wenigen Lichtblicke aus Sicht der Partei. Er holte das beste Ergebnis aller CDU-Kandidaten im Osten. Geschafft hat Müller das mit Präsenz und Verankerung im Wahlkreis, Mut zu Konflikten in seinen ersten vier Jahren im Bundestag – und ein bisschen auch dank der politischen Konkurrenz.

Sepp Müller steht einen Tag nach der für erfolgreichen, für seine Partei aber verlorenen Bundestagswahl in seinem Wahlkreis.
Sepp Müller steht einen Tag nach der für ihn erfolgreichen, für seine Partei aber verlorenen Bundestagswahl in seinem Wahlkreis. Bildrechte: MDR

Es war der Freitagnachmittag vor der Bundestagswahl, als die meisten Kandidaten und Kandidatinnen der CDU Sachsen-Anhalt vor einer Bühne in Halle Platz nahmen. Der Landesverband hatte gemeinsam mit den Verbänden in Sachsen und Thüringen seinen Wahlkampfabschluss organisiert. Oben stand Politprominenz wie Friedrich Merz, Michael Kretschmer und Philipp Amthor – und unten fehlte Sepp Müller.

Der CDU-Abgeordnete stand zu diesem Zeitpunkt eine Autostunde entfernt auf einer Wiese in seinem Wahlkreis und diskutierte mit Demonstrierenden von Fridays for Future. Zwei Tage später konnte Müller als nur einer von drei CDU-Abgeordneten im Land sein Mandat verteidigen. Mit 34,3 Prozent der Erststimmen im Wahlkreis Dessau-Wittenberg holte er das beste Ergebnis der CDU in ganz Ostdeutschland. "Stimmenkönig" nennt man so einen Sieg.

"War vielleicht ein Fehler, dass nach der Bundestagswahl 2017 alle in der CDU nur über den jungen neuen Abgeordneten Philipp Amthor gesprochen haben und nicht über Sepp Müller", kommentierte der ZEIT-Journalist Martin Machowecz. Müllers Ergebnis ist umso beachtlicher, da seine Partei im selben Wahlkreis fast elf Prozentpunkte weniger holte. Gründe für den Unterschied gibt es mehrere.

Präsent im Wahlkreis mit konservativer Kante

Während manch anderer CDU-Abgeordneter von seiner Basis als "Unsichtbarer" bezeichnet wird, war Müller in den vergangenen vier Jahren stets vor Ort. Er blieb auch Mitglied im Kreistag von Wittenberg und im Stadtrat seiner Heimatstadt Gräfenhainichen.

Dank ICE-Anbindung dauert der Weg aus dem Bundestag in den Wahlkreis auch weniger als eine Stunde. In den Parlamentsferien half Müller im Gesundheitsamt aus, bei seinen Terminen sprach er neben Fridays for Future auch mit muslimischen Gemeinden. "Dahin gehen, wo die CDU bislang nicht präsent war", nennt er das. Regelmäßig und persönlich füllt er zudem seinen Instagram-Account.

Für all das braucht es Nerven und Ehrgeiz, die der Vater eines Sohnes offenbar hat. Und Müller besetzt Themen, die Menschen derzeit wichtig sind, den Klimaschutz etwa. Der CDU-Mann pflanzt Bäume und radelte im Wahlkampf zwei Wochen lang durch den Wahlkreis.

Ein Grüner ist Müller deshalb nicht. Bei seinen Treffen mit Klimaaktivisten verteidigt er das CDU-Programm. Er spricht sich offen für den Abschuss von Wölfen aus. Über Themen wie das Werbeverbot für Schwangerschaftsabbrüche sagt er, dass die meisten Leute auf dem Land gar nicht wüssten, worum es dabei geht. Gleichzeitig grenzt er sich von der AfD ab und bezeichnet die Linke als "linksextrem".

Bei Corona suchte Müller die Konfrontation mit Landespolitik

In seinen ersten vier Jahren im Bundestag hat sich der ehemalige Firmenkundenberater einer Bank als Finanzpolitiker profiliert. Fraktionskollegen lobten schon vor der Wahl sein Talent. Daheim deckt Müller als Vorstandsvorsitzender der Welterbe-Region Anhalt-Dessau-Wittenberg auch den im Osten des Landes so wichtigen Tourismus ab. Passenderweise flossen auch Fördermittel aus dem Bund in die Gegend.

In Sachsen-Anhalts CDU war man lange stolz, dass die eigenen Bundestagsabgeordneten nicht immer im Berliner Koalitionsstrom mitschwimmen würden. Müller hingegen pflegte diesen Habitus nicht und wagte andersherum sogar den Konflikt mit Magdeburg.

In der Corona-Politik drohte er Ende März, die Corona-Notbremse auch gegen den Widerstand der Ministerpräsidenten durchzudrücken. Am Ende kam die umstrittene Maßnahme. Gerade Reiner Haseloff hat sie seitdem immer wieder scharf kritisiert. Das Verhältnis zu Müller hat dabei offenbar keine Risse bekommen. Müller, der auch das Landtagswahlprogramm der CDU mitgestaltete, beginnt Sätze gerne mit "Reiner Haseloff in Magdeburg und ich in Berlin …".

Mitbewerber anderer Parteien konnten Müller kaum herausfordern

Haseloff und Müller stammen aus derselben Region, sind im selben Kreisverband. Die CDU performte hier zwar selten überdurchschnittlich bei Bundestagswahlen, war aber immer stark. Bei der Landtagswahl im Juni lagen die drei stärksten Wahlkreise der CDU im diesem Bundestagswahlkreis. Auch der CDU-Fraktionschef im Landtag, Siegfried Borgwardt, ist aus der Region. Dennoch hatte die CDU auch hier am Sonntag mit dem Bundestrend zu kämpfen. Beim Kampf um das Direktmandat profitierte Müller allerdings auch von seinen Gegenkandidaten.

Für die SPD trat der 20-jährige Poetry-Slammer und Student Leonard Schneider an. Kein uninteressanter Kandidat, aber anders als Müller nicht seit Jahren in der Kommunalpolitik präsent. Müller sitzt seit mehr als zehn Jahren sowohl im Kreistag als auch im Stadtrat seiner Heimatstadt Gräfenhainichen. Auch ein Generationenwechsel wäre kein Pro-Argument für Schneider gewesen, weil Müller selbst erst 32 ist.

Die Grünen wiederum sind in Sachsen-Anhalt weiterhin zu klein, als dass selbst ihre vielleicht stärkste Persönlichkeit im Land, Steffi Lemke, Chancen auf das Direktmandat gehabt hätte. Und AfD-Mann Andreas Mrosek war im Bundestag eher unauffällig geblieben.

Müller sieht Union nun in der Opposition und fordert "dringend nötige Rosskur"

Sepp Müller selbst kann seine derart eindeutige Wiederwahl nur schwer fassen. Am Morgen nach der Wahl sprach er von einem "einmaligen" Ergebnis. Dafür hätten sein Team und er jeden Tag "geackert".

Bei der Frage der Regierungsbildung sieht Müller, der, anders als viele andere Kollegen, den unbeliebten Armin Laschet plakatieren ließ, nun erst einmal Olaf Scholz und die SPD am Drücker. Sollte diese eine Koalition mit Grünen und FDP formen, bliebe der CDU nur der Gang in die Opposition. Müller kündigt für diesen Fall eine "Rosskur" an, die seine Partei "dringend nötig" habe. Er selbst will weiter "für die Heimat knüppeln".

MDR/Thomas Vorreyer/André Damm/Roland Jäger/Robert Blömeke/Alexander Kühne

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT HEUTE | 27. September 2021 | 19:00 Uhr

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