Gastbeitrag zum 3. Oktober Wenn es um Sachsen-Anhalts Identität geht, müssen wir endlich raus aus der Defizit-Erzählung

Juliane Kleemann
Bildrechte: dpa

Der 3. Oktober ist nicht nur der Tag der Deutschen Einheit, sondern auch der Neu-Gründung von Sachsen-Anhalt. Doch 31 Jahre später ringt das Land noch immer um seine Identität. Gastautorin und SPD-Politikerin Juliane Kleemann meint, man müsse sich mental von den hinteren Plätzen in Rankings verabschieden. Statt auf steingewordene Geschichte und "selbst marginalisierende Slogans" zu setzen, plädiert Kleemann dafür, die Identität Sachsen-Anhalts über "Chancennutzung" in der Gegenwart zu erzählen.

2021 – 31 Jahre nach dem ersten Mal 3. Oktober, Tag der Deutschen Einheit. Willy Brandts Worte "Jetzt wächst zusammen, was zusammen gehört" hallen im Ohr. Wie viel Hoffnung, wie viel Aufbruchstimmung lag in diesem "zauberhaften Anfang"? Viel ist passiert, nicht alles ist "blühende Landschaft".

Haben uns mit Slogans wie "Land der Frühaufsteher" zu lange selbst marginalisiert

Auch heute höre ich immer noch von den "neuen Bundesländern" und was da alles so anders ist, schwieriger, defizitärer als in den "alten Bundesländern". Es ist nicht ein Anders mit Neugier, sondern ein Anders der Abgrenzung. Anpassungs- und Anschlusserwartungen in ganz unterschiedlichen Bereichen. Die Differenz wird betont als Makel. Doch nach 31 Jahren sind wir eben nicht mehr "Die Neuen", sondern Teil des Ganzen ohne irgendeinen Zusatz.

Und wir hier in Sachsen-Anhalt, in einem Bindestrichland, müssten unsere Identität erst noch finden, so wird es oft erzählt.

Wir wissen gut, woher wir kommen. Viele Schilder mit weißer Schrift auf hellbraunem Grund an den Autobahnen und weit verstreut im Land stellen die geerbte Vergangenheit scharf: Land der Reformation, Land der Burgen und Schlösser. Dazu weit über die Grenzen hinaus berühmte Personen: Händel, Telemann, Luther, Müntzer, Otto der Große, Uta von Naumburg, Otto von Guericke. Die Liste ließe sich fortführen.

Aber Sachsen-Anhalt ist mehr als diese Vergangenheit! Ich finde, wir haben uns zu lange selbst marginalisiert mit Slogans wie "Land der Frühaufsteher" oder "Grüne Wiese mit Zukunft" oder "In the middle of nüscht".

Unsere Zukunft jedenfalls liegt nicht in den Stein gewordenen Geschichten und Denkmalen und Museen. Das ist Teil des Fundaments. Aber eben nicht Kompass. Es wird Zeit, die Möglichkeiten zu sehen und mit ihnen zu wuchern.

In unserem Land kommt die Gewinnung von grünem Wasserstoff voran. Hier entstehen schon jetzt zukunftsweisende Technologien. Wir sind dabei zu zeigen, wie der schrittweise Ausstieg aus der Kohleverstromung gelingen kann und mit grünem Wasserstoff etwas gefunden wurde, das speicherbar und vielfältig anwendbar ist. Ob ich mein Auto mal mit grünem Wasserstoff auftanken kann, kann ich noch nicht wissen. Aber dass Busse und Lkw damit fahren werden, ist sicher. Das wird uns allen zugutekommen. Und vielleicht auch mal meiner Heizung zu Hause.

Müssen unsere Identität als Land nicht finden, sondern erzählen

Das Bindestrichland Sachsen-Anhalt muss seine Identität nicht erst finden. Wir müssen sie erzählen. Überall im Land verteilt sind Menschen kreativ unterwegs und gestalten dieses Land mit. "Rückkehrer-Initiativen" von Kommunen zeigen Erfolge. Die entstehenden und schon bestehenden Rad- und Wanderwege zeigen, dass der sanfte Tourismus – gerade mit und nach Corona – ein wachsender Wirtschaftszweig ist. Da steckt Potenzial, das sich heben lassen will. Und wir in der Politik sind gut beraten, wenn wir die vielen Initiativen fördern und herausfordern.

Bei uns geht was. Weil die Vereinbarkeit von Familie und Beruf schon gelebter Alltag ist. Weil Mütter und Väter arbeiten gehen können, wenn sie das wollen. Denn die Kinderbetreuung in Hort und Kita ist gesichert. Da sind wir Spitzenreiter im bundesweiten Vergleich.

Als Wahl-Altmärkerin stelle ich immer wieder fest, wie viele lokale Unternehmen für die weite Welt und die eigene Region produzieren: kreative Solarmodule, Filteranlagen für versandete Brunnen, Trockenobst – auch koscher für den jüdischen Markt, Rohstoff-Algen und deren Produkte, Medizintechnik u.v.m..

Sachsen-Anhalt kann sich im Jahr 31 der Deutschen Einheit mental von den hinteren Plätzen verabschieden. Eine positive Motivation und das Erzählen vom Reichtum dieses Landes ist aus meiner Sicht auch ein Haltefaktor und entwickelt damit Relevanz für eine vielfältige Wirtschaft, die die Menschen ernährt und ihnen ein gutes Leben hier ermöglicht.

Ängstlicher Blick auf Rankings raubt wichtige Energie – es gibt noch andere Fakten als nur Bilanzen

Natürlich sind Ressourcen begrenzt und nicht jeder Rückstand problemlos aufholbar. Wer an der Realität vorbei plant, wird sich verlaufen. Aber der permanent ängstliche Blick auf Rankings ("wieder nur Platz 16 im Ländervergleich") raubt wichtige Energie.

Und wieso müssen wir eigentlich erst einen Abstand aufholen? Es ist längst nicht mehr nur eine philosophische Erkenntnis, dass ein ständiges "Höher, schneller, weiter" das Klima und damit die Welt in den Ruin treibt. Die Pandemie jedenfalls hat an vielen Stellen das Werte-Ranking neu justiert. Wenn einen die urbanen Großstadträume nicht mehr atmen lassen, wieviel mehr Lebensqualität bieten da ländliche Regionen? Und das sage ganz bewusst ich als noch relativ frische Dorfbewohnerin.

Raus aus der Defizit-Erzählung und rein in die Chancennutzung. Mit Politik können wir das unterstützen, durch Entschlackung von Bürokratie, durch Ermöglichen von Modellen, durch Ermutigung zum Experimentieren.

Mir scheint es eher eine Frage des Selbstbewusstseins zu sein, auf welchem Platz wir unser Bundesland selbst setzen. Es gibt eben auch noch andere Fakten als nur Bilanzen.

Wir haben es nicht nötig, unser Licht unter den Scheffel zu stellen. Ab und an braucht es die Entschlossenheit, den Scheffel zu heben und beiseite zu räumen. Eines jeden und einer jeden Entscheidung, ob das Glas mit dem Namen Sachsen-Anhalt halb leer ist oder halb voll. Mein Sachsen-Anhalt-Glas ist mindestens halb voll.

Dieser Beitrag erscheint im Rahmen unseres Themenschwerpunkts zum Tag der Deutschen Einheit.

Juliane Kleemann
Bildrechte: dpa

Zur Autorin Juliane Kleemann sitzt seit der Landtagswahl im Juni neu im Magdeburger Landtag. Die heutige Umweltpolitikerin, ehemalige Pfarrerin und theologische Referentin wurde 1970 in Sangerhausen geboren. Mittlerweile lebt sie in der Altmark. Seit 2020 ist Kleemann Ko-Landesvorsitzende der SPD.

MDR/Juliane Kleemann

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT | 02. Oktober 2021 | 11:00 Uhr

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