Corona-Kontaktverfolgung Luca-App in Sachsen-Anhalt: Elf Mal genutzt

Ein großer Mann mit Locken und Brille steht vor einer Betonwand.
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Seit Ende März 2021 können Sachsen-Anhalts Gesundheitsämter auf Daten der Luca-App zurückgreifen, um Corona-Kontakte nachzuverfolgen. Für eine Ein-Jahres-Lizenz hat Sachsen-Anhalts Landesregierung fast eine Million Euro ausgegeben. MDR SACHSEN-ANHALT hat alle Landkreise und kreisfreien Städte in Sachsen-Anhalt gefragt, in wie vielen Fällen sie die Daten der Luca-App abgerufen haben. Es sind elf. Der Vertrag des Landes mit dem privaten Anbieter wird wohl nicht verlängert.

luca-App
Die Luca-App hat für Sachsen-Anhalt bislang wenig Nutzen. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

  • Die Luca-App wurde nur von der Stadt Halle, dem Altmarkkreis Salzwedel, dem Landkreis Harz und dem Salzlandkreis zur Kontaktnachverfolgung genutzt.
  • Die App liefert so viele Daten, dass die Gesundheitsämter diesen gar nicht Herr werden. Sie habe deswegen wenig Nutzen, so das Gesundheitsamt Magdeburg.
  • Um Vertragskündigungen zuvorzukommen, wollen die Macher der Luca-App einige Funktionen der App verändern.

In Mitteldeutschland hat nur Sachsen-Anhalt eine Lizenz für die Luca-App gekauft. Ein Anfrage von MDR SACHSEN-ANHALT an alle 14 Landkreise und kreisfreie Städte zeigt jetzt: Bislang haben die Gesundheitsämter im Land in elf Infektionsfällen Daten zu Kontakten der Infizierten über das Luca-System abgerufen.

Fünf Fälle gab es in der Stadt Halle, vier Fälle im Altmarkkreis Salzwedel und jeweils einen im Landkreis Harz und im Salzlandkreis. Die letzten beiden Fälle waren bereits im vergangenen August bekannt. Seitdem gab es dort trotz steigender Infektionszahlen offenbar keine weiteren Infektionsfälle, in denen die Gesundheitsämter des Landkreises Harz und des Salzlandkreises das Luca-System genutzt haben.

Corona-Warn-App auf einem Smartphone 54 min
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Der Altmarkkreis Salzwedel sagt zu seinen vier Fällen: Die über Luca abgerufenen Daten hätten zu keinen neuen, möglicherweise infizierten Kontaktpersonen geführt. Denn der oder die Infizierte habe dem Gesundheitsamt im vorgeschriebenen Gespräch schon alle Kontaktpersonen mitgeteilt.

Luca in Sachsen-Anhalt: Wenig Nutzen

Die Stadt Halle sieht es als Vorteil der Luca-App, wenn Nutzer über einen möglichen Kontakt zu einem Infizierten, über den konkreten Kontaktzeitpunkt und -umfang informiert werden. "Damit haben die Betroffenen die Möglichkeit, ihr Risiko individuell abzuschätzen."

Der Leiter des Gesundheitsamtes Magdeburg, Dr. Eike Hennig, sagte, er mache niemandem einen Vorwurf, dass Luca für viel Geld angeschafft wurde. "Es war ein ehrwürdiges Ziel, dass damit die Arbeit der Gesundheitsämter erleichtert werden sollte." Nach den Erfahrungen mit Luca und in der jetzigen Pandemie-Situation würde er den Vertrag mit Luca allerdings kündigen.

Hennig wies darauf hin, dass Gesundheitsämter ab einer Sieben-Tage-Inizidenz von 50 überlastet seien.

Wir schaffen es derzeit nicht einmal, die 160 positiv Getesteten anzurufen, die wir jeden Tag haben

Eike Hennig, Gesundheitsamt Magdeburg

Rechnerisch hätten diese 160 Infizierten insgesamt 800 Kontaktpersonen – sie alle könne man nicht an einem Tag anrufen. Insofern hätte das Luca-System, das noch mehr Daten zu möglichen Kontaktpersonen liefern würde, keinen Nutzen.

Und nicht nur den Gesundheitsämtern hilft Luca wenig – auch seinen Nutzern. Um Luca-Nutzer nämlich davor zu warnen, dass sie sich möglicherweise angesteckt haben, muss das Gesundheitsamt tätig werden und die Daten bei Luca herunterladen, auswerten und eine Warnung über das Luca-System oder per SMS absetzen. Das macht die Corona-Warn-App zum Beispiel automatisch.

Sachsen-Anhalts Landkreise und Städte: Luca-Vertrag kündigen?

Die meisten Landkreise und Städte halten sich – anders als Eike Hennig aus Magdeburg – zurück, ob sie eine Kündigung des Vertrages mit Luca für sinnvoll halten. Die Stadt Dessau-Roßlau schreibt allerdings auf Anfrage von MDR SACHSEN-ANHALT: "Aus Sicht der Stadt ist eine Verlängerung durchaus empfehlenswert, da ein 'Check in' zu Veranstaltungen sehr einfach und komplikationslos möglich ist."

Der Landkreis Mansfeld-Südharz ist eher für eine Kündigung des Vertrages: "Hier kann der Landkreis nur für sich sprechen, sodass aufgrund der Tatsache, dass hier die Daten der Luca-App nicht genutzt werden, es auch wenig sinnvoll erscheint, eine Lizenz für ein weiteres Jahr zu kaufen."

MDR SACHSEN-ANHALT hatte die Landkreise auch gefragt, ob die Polizei nach den Daten von Luca gefragt hat. Anders als in anderen Bundesländern gab es keine solchen Versuche von Sicherheitsbehörden, an Luca-Daten zu kommen. In Mainz wollte die Polizei einen tödlichen Sturz aufklären und hatte dazu Daten aus der Luca-App benutzt – das wurde heftig kritisiert und war illegal.

Drohende Vertragskündigung: Luca ändert Geschäftsmodell

Ob Sachsen-Anhalts Landesregierung den Vertrag mit Luca kündigen soll, darüber hatte es in der vergangenen Woche eine Diskussion gegeben: Das Gesundheitsministerium prüft. Sachsen-Anhalts Digitalministerin Lydia Hüskens (FDP) empfiehlt, den Vertrag zu kündigen. Schleswig-Holstein und Bremen wollen kündigen, auch Baden-Württemberg, Berlin und Brandenburg erwägen diesen Schritt. Die Verträge mit 13 Bundesländern hatten ein Jahresvolumen von 20 Millionen Euro.

Mittlerweile wollen die Luca-Macher den Ländern entgegen kommen und senken die Preise. Luca wurde 40 Millionen Mal heruntergeladen und wolle sich jetzt stärker als Digitalisierungspartner der Gastronomie und Kulturbranche positionieren, heißt es. Die App könne zu einer Ein-Stopp-Lösung werden, mit der Besucher Ticket, Impfstatus und einen Testnachweis vorlegen können. Heise.de berichtet außerdem, dass die Luca-Macher eine Bezahlfunktion in der App planen und in der App Impf- und Personalausweis zusammenführen wollen.

Sachsen-Anhalts Gesundheitsministerium schreibt auf Anfrage von MDR SACHSEN-ANHALT, dass über die mögliche Kündigung des Vertrages im Kabinett entschieden würde. Nach welchen Kriterien eine solche Entscheidung fällt – diese Frage ließ das Ministerium von Petra Grimm-Benne (SPD) unbeantwortet.

Als Vorsitzende der Gesundheitsministerkonferenz sagte Grimm-Benne gestern zu "Radio Brocken": "Tatsächlich nutzen die Gesundheitsämter Luca zur Nachverfolgung nicht oder zu wenig. Deswegen lohnt es sich nicht, das weiter zu verfolgen." In Sachsen-Anhalts Ministerium würde man derzeit auf Arbeitsebene beraten: "Im Augenblick sieht es so aus, dass wir auch aussteigen."

MDR (Marcel Roth, Hannes Leonard)

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT | 18. Januar 2022 | 17:00 Uhr

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