Orte aus den Verkehrsnachrichten Alleringersleben: Schwierige Liebe auf den zweiten Blick

Gero Hirschelmann
Bildrechte: MDR/Gero Hirschelmann

Es gibt Orte, die sind eigentlich nur im Verkehrsfunk präsent. Alleringersleben mit seiner Anbindung an die A2 und die B1 gehört dazu. Doch wie sieht es wirklich in der ebenso berühmten wie unbekannten Gemeinde aus? Ein Ortsbesuch zwischen Idylle und Atommüll.

Ortseingangsschild Alleringersleben
Neugierig rein nach Alleringersleben! Bildrechte: MDR/Gero Hirschelmann

"Alleringersleben? Kenne ich. Aber woher?" So dürften die meisten Menschen in Sachsen-Anhalt und Niedersachsen reagieren, wenn sie auf den kleinen Ort im Landkreis Börde angesprochen werden. Nach einigem Nachdenken fällt dann oft der Groschen: Richtig, die Verkehrsmeldungen im Rundfunk!

Autobahn 2 (A2) und Bundesstraße 1 (B1) sind zwei der wichtigsten Ost-West-Trassen für Lkw und Pkw. Entsprechend häufig sind die berühmten "Staus und Behinderungen" – und Alleringersleben ist immer mittendrin. Eine wichtige Ausfahrt der A2 führt direkt in den Ort, die B1 teilt ihn sogar in zwei Hälften.

So ist die Verwaltungsstruktur von Alleringersleben

Der Ortsteil Alleringersleben gehört seit 1. Januar 2010 zusammen mit den bis dahin selbstständigen Gemeinden Eimersleben, Morsleben und Ostingersleben zur neuen Gemeinde Ingersleben. Diese Gemeinde ist wiederum an die Verbandsgemeinde Flechtingen im Landkreis Börde angebunden.

Endlager für radioaktive Abfälle Morsleben
Kein Ziel für Touristen: das Endlager für radioaktive Abfälle in Morsleben Bildrechte: IMAGO

Alleringersleben also: ein Name ohne Gesicht. Denn wenn die umliegenden Gemeinden Eimersleben, Wefensleben und Beendorf heißen, ist man als Großstädter mitten im Nichts, das hier Magdeburger Börde heißt und mehr für seine Landwirtschaft als für seinen touristischen Reiz bekannt ist. Okay, im benachbarten Marienborn findet sich die "Gedenkstätte Deutsche Teilung". Aber zu der macht man keinen Ausflug, höchstens eine Bildungsfahrt. Und das Endlager für radioaktiven Müll, das nur wenige Meter entfernt in Morsleben liegt, zieht auch weder Gäste noch neue Bewohner an.

Unbekannte Idylle oder Teil vom Nirgendwo?

Jedoch: Knapp 400 Menschen leben in Alleringersleben, immerhin. Sind sie nur übriggeblieben? Mithin die Fußkranken der allgegenwärtigen Urbanisierung? Oder die stolze Bevölkerung einer – noch – unbekannten Idylle? Machen wir also einen Ortsbesuch im Nirgendwo.

 So ist der Name von Alleringersleben entstanden

Da Alleringersleben an der Aller, einem Nebenfluss der Weser, liegt, erklärt sich der erste Wortbestandteil aus der Geographie. Der Namensbestandteil Inger- rührt wahrscheinlich von dem Namen Ingher her. Die Endung -leben bedeutet so etwas wie Hinterlassenschaft oder Erbe. Kurz: Ingher hat an der Aller etwas vererbt. Vermutlich.

Das Schild einer Kita mit dem Namen Allerspatzen
Die Aller ist überall zu finden, auch bei den Spatzen aus der Kita. Bildrechte: MDR/Gero Hirschelmann

A2, B1 – und schon fährt man in einem sanften Bogen von einer Anhöhe in das Straßendorf. Kleine, geduckte Häuser, ein paar größere Gehöfte, alle wie mehr oder minder zufällig in die flach gewellte Landschaft gedrückt. Kurz hinter dem Ortseingang grüßen die "Allerspatzen". Die Kindertagesstätte der Gemeinde könnte ein guter Ausgangspunkt sein, um etwas über die Spezifik von Alleringersleben zu erfahren.

"Die Lage ist doch schön, oder?"

Eine eilige Mutter, die Maske schon fest im Gesicht verzurrt, hat "eigentlich keine Zeit", wirft dann aber doch ein paar Worte über den Zaun. Warum sie gerne hier lebt? "Ich sag mal: Ruhe, familiäre Atmosphäre, man kennt sich. Für ein Dorf sind die Wege nicht weit. Und die Lage ist doch schön, oder?" Was noch? "Keine Zeit", sie hetzt mit ihrem Kind in die Kita. Ihren Namen will sie nicht nennen.

Das scheint ein virulentes Phänomen bei den wenigen Menschen auf der Straße zu sein. Der Gastronom von "Schilling’s Hof" schaut erst etwas misstrauisch dem Fremden beim Fotografieren zu. Sein Hund reißt an der Leine. Als er das Tier weggesperrt hat, nimmt er sich doch noch kurz Zeit. Zu Alleringersleben könne er nichts sagen, er komme nicht von hier, meint Uwe Schilling. Aber der Treppenbauer nebenan sei da vielleicht einfallsreicher. Der wiederum reagiert nicht auf die Klingel.

Nur wenig Zeit für Auskünfte

Hm, schwierig. Die einen haben keine Zeit, die anderen wollen nichts sagen, die dritten sind erst gar nicht aufzufinden. Auf den sanierten Fußwegen: kein Mensch. Ein Mann parkt sein Auto direkt vor einem Haus. Ob er kurz … Nein, die Einkäufe wollen ins Haus getragen werden, dann muss er gleich wieder weg. Aus den gewährten zwei Minuten werden 30 Sekunden: "Ist einfach schön hier. So ein bisschen wie das Beste aus zwei Welten: Wohnen im Fachwerk mit Geschichte. Und wenn mir hier die Decke auf den Kopf fällt, bin ich in einer halben Stunde in Magdeburg oder Braunschweig." Die Heckklappe klappt, der Mann ist weg. Überraschung: Auch er will seinen Namen nicht nennen.

Hauptstraße Alleringersleben
Die B1 heißt in Alleringersleben Hauptstraße. Bildrechte: MDR/Gero Hirschelmann
Hauptstraße Alleringersleben
Abgesehen von der Hauptstraße gibt es nur wenige größere Wege in Alleringersleben. Bildrechte: MDR/Gero Hirschelmann

Okay, dann eben ein längerer Rundgang durch Alleringersleben – ohne Gästeführer. Der erste Eindruck: Hier ist alles niedrig. Die Häuser, Anbauten und Höfe wachsen höchstens zu zwei Geschossen empor. Wenn man von der Hauptstraße, die hier natürlich Hauptstraße heißt, abbiegt, landet man auf der Dorf- oder der Bauernstraße – und das war es auch schon fast mit den größeren Wegen.

Alleringersleben braucht einen zweiten Blick

Eine Hauswand, davor eine Gasse
Alleringersleben kann auch idyllisch. Bildrechte: MDR/Gero Hirschelmann

Der zweite Eindruck: Viel Fachwerk, viel Backstein, einige Neubauten – und einige Ruinen. Die werden später noch eine Rolle spielen. Das ist eine durchaus reizvolle Mischung aus pittoresken Details wie sauber frisierten Vorgärten und zünftigen Zeugen der bäuerlichen Vergangenheit. Am Rand des Dorfes fließt die namensgebende Aller, ein Rinnsal, das gerne ein Flüsschen sein möchte, durch ein fast unsichtbares Tal.

Glocken aus dem 14. Jahrhundert

Überragt wird der Ort von St. Ludgeri, einer in den ältesten Teilen romanischen Backsteinkirche. Wobei "überragt" wahrscheinlich einen falschen Eindruck vermittelt: Das Gotteshaus ist nur weniger klein als die umgebenden Gebäude. Die Kirche ist vor allem durch ihr ungewöhnlich altes Geläut bekannt. Eine Glocke stammt aus der Zeit um das Jahr 1300, eine weitere soll nur ein paar Jahre älter sein.

Eine Kirche
Die Kirche St. Ludgeri erhebt sich über Alleringersleben – zumindest ein wenig. Bildrechte: MDR/Gero Hirschelmann

An den Rändern franst Alleringersleben in Wiesen und Äcker aus. Der dritte Eindruck: ein bescheidenes Dorf, durchaus ansehnlich in seiner puppenstubenhaften Kleinteiligkeit, das darauf wartet, geweckt zu werden. Nicht für die Einwohner. Die haben Kita, Gaststätte, Kirche, eine kleine Autowerkstatt – und ihre Ruhe. Mit dem "Allerhof" der aktuell "wegen Umbau- und Planungsmaßnahmen" geschlossen ist, könnte sogar bald ein Hotel dazukommen.

Bürgermeister David Wieter hat sich viel vorgenommen

Doch für potentielle Gäste und mögliche Neueinwohner muss noch viel getan werden. Das wiederum ist das Lieblingsthema von David Wieter. Der parteilose Bürgermeister von Ingersleben, zu dem Alleringersleben gehört, ist erst seit dem 15. November 2021 im Amt – und sprüht vor Tatendrang. Weil er schon lange Jahre als Ehrenamtler im Gemeinderat tätig ist, weiß er um die Probleme vor Ort: ein Lager für Nuklearabfälle um die Ecke, zwei große Straßen durchschneiden das Gemeindegebiet, die touristische Infrastruktur ist, nun ja, verbesserungsbedürftig.

Verhindert der Denkmalschutz neue Baugrundstücke?

Und Baugrundstücke fehlen. Wieter schimpft: "Bei uns ist der Denkmalschutz sehr aktiv. Dadurch wird immer wieder verhindert, Baugrundstücke zu schaffen." Es sei einfacher, am Rand auf der grünen Wiese zu bauen, als den Ortskern zu stärken: "Sogar vollkommen heruntergekommene Ruinen müssen wir stehenlassen." Der Landwirt weiß: So gelingt es nicht, gerade junge Familien anzusiedeln.

Ein wichtiges Hilfsmittel, um die Attraktivität der Gemeinde und der gesamten Region zu steigern, ist die "Stiftung Zukunftsfond Morsleben". Per Gesetz am 8. Juli 2020 gegründet, soll die kurz "Morslebenfonds" genannte Stiftung Projekte in den vier Handlungsfeldern "Gesellschaftlicher Zusammenhalt", "Wirtschaft und Arbeit", "Kulturlandschaft" und "Umweltschutz" fördern. Wieters Ziel: so viel Geld wie möglich aus dem Fonds in seine Gemeinde umzuleiten.

Radweg, Jugendtreff, Gewerbegebiet: Es gibt noch viel zu tun

Denn er hat große Pläne für den kleinen Ort. Ein Radweg entlang der B1 soll Ostingersleben, Alleringersleben und Morsleben verbinden und bis zur Landesgrenze nach Niedersachsen reichen. Dann liegt ihm die Jugendförderung am Herzen. Einen Treff für Heranwachsende hat er geplant, für "Sport, Spiel, Spaß", wie Wieter sagt. Er könne sich auch vorstellen, die vorhandenen Spielplätze auszubauen, "beispielsweise mit einer kleinen Skaterbahn".

Gerade siedelt sich ein Pflegedienst in Alleringersleben an. Außerdem sollen die Wanderwege im Allertal weiter ausgebaut werden – mit Geldern aus dem Zukunftsfonds. Auch für das schwächelnde Gewerbegebiet auf dem Grundstück einer stillgelegten Zuckerfabrik – bisher von einer Tankstelle und einem Schnellimbiss dominiert – erhofft sich der 37-Jährige neue Impulse.

Bürgermeister Wieter lobt die Ruhe von Alleringersleben

Infrastruktur ausbauen, Tourismus stärken, die Attraktivität gerade für junge Menschen stärken: Das sind die Hauptziele Wieters. Und damit kann er problemlos auf die Vorteile Alleringerslebens umschwenken. Die bedächtige Gelassenheit der Region nennt er – und muss lachen, als er auf die kurz angebundenen bzw. nicht vorhandenen Einwohner seines Ortes angesprochen wird: "Ist eben ruhig bei uns, in jeder Hinsicht."

Eine Lärmschutzwand
In Ostingersleben stehen zwar Lärmschutzwände – in Alleringersleben hört man die A2 dennoch deutlich. Sonst aber ist es ruhig ... Bildrechte: MDR/Gero Hirschelmann

Und weiter? Natürlich die vorzügliche Verkehrsanbindung! Der Bürgermeister schwärmt: "Nach links 20 Minuten nach Magdeburg, nach rechts 30 Minuten nach Braunschweig, Wolfsburg oder Salzgitter. Die großen Städte sind nah, aber weit genug weg, um aus ihnen wieder fliehen zu können." Ärzte gebe es gleich um die Ecke in Erxleben, zwei Kitas sind auch im Angebot. Kurz: Man könne "das Ländliche genießen", ohne auf Vorzüge wie einen funktionierenden ÖPNV zu verzichten.

Verkehrsfunk? "Schön, dass wir nicht vergessen werden!"

Was die Verkehrsnachrichten angeht, ist Wieters entspannt. Er überhöre die Erwähnung von Alleringersleben mittlerweile routiniert. Und wenn doch eine entsprechende Moderation den Weg von seinem Ohr in sein Bewusstsein findet, freut er sich, "dass wir nicht vergessen werden". Und lacht schon wieder.

Der altgediente Gemeinderat Hartmut Weißbach ist bei den ganzen hochfliegenden Plänen seines Bürgermeisters hingegen eher skeptisch. Der 67-Jährige beklagt den "fehlenden Zusammenhalt" in der Gemeinde und winkt nur ab, als er von Vorhaben wie der Vitalisierung des Gewerbegebietes hört: "Das wird doch nichts." Viel lieber spricht er vom Sportverein, der gerade 100-jähriges Jubiläum gefeiert hat. Mittlerweile haben sich die Fußballer als "Grün-Gelb Alleringersleben/Eimersleben" zusammengeschlossen. Mittlerweile? "Naja, beim Zusammenschluss im Jahr 2018 mussten sich Blau-Gelb Alleringersleben und Grün-Weiß Eimersleben auf eine Farbkombination einigen", so Weißbach.

Für eine Lobeshymne "sind Sie bei mir falsch"

Doch mehr ist dem seit über 20 Jahren im Gemeinderat sitzenden Ehrenamtler nicht zu entlocken. Er könne keine Lobeshymne auf Alleringersleben singen: "Da sind Sie bei mir falsch." Weißbach schaut nach hinten und findet: "Früher war alles besser." Grund dafür seien auch diverse Gemeindegebietsreformen in Sachsen-Anhalt gewesen, die aus der ehemals selbstständigen Gemeinde Alleringersleben ein Anhängsel übergreifender Gebietskörperschaften gemacht hätten: "Dadurch ist die Bürokratie gestiegen. Und die Anonymität."

Wo geht es hin mit Alleringersleben?

Was bleibt? Ein hübsches, kleines Dorf, das sich offenbar noch nicht entscheiden konnte, wo es hin will, das eine eigene Identität hat, sie aber gut zu verstecken weiß. Alleringersleben besitzt das Potenzial, Teil des Speckgürtels von Magdeburg zu werden – wenn aus der Liebe auf den zweiten Blick eine auf den ersten wird. Bürgermeister David Wieters arbeitet daran, Gemeinderat Hartmut Weißbach hat vorerst aufgegeben. Es wird auf jeden Fall spannend für das kleine, schweigsame Dorf aus den Verkehrsnachrichten.

 Ortsausgangsschild Alleringersleben
Nachdenklich raus aus Alleringersleben. Bildrechte: MDR/Gero Hirschelmann

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Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT | 19. Januar 2022 | 06:00 Uhr

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