Akuter Lehrermangel Eltern aus Blankenburg wollen geringere Anforderungen für Seiteneinsteiger

Maximilian Fürstenberg
Bildrechte: MDR/Luca Deutschländer

An der August-Bebel-Sekundarschule in Blankenburg fehlen die Lehrkräfte. Die ohnehin schon knappe Personaldecke wird durch krankheitsbedingte Ausfälle weiter verringert. Für die Elternvertretung Grund genug, einen Offenen Brief zu verfassen. Darin verlangen sie, die Anforderungen für Seiteneinsteiger zu senken. Das Bildungsministerium glaubt: Damit machen die Eltern es im Zweifel nur schlimmer. Über zwei verhärtete Fronten.

Drei Menschen stehen im Halbkreis und reden miteinander.
Die Elternvertreter im Gespräch. Sie fordern, dass die Anforderungen für Seiteneinsteiger geringer werden. Bildrechte: MDR/Maximilian Fürstenberg

Es schüttet wie aus Eimern, als sich MDR SACHSEN-ANHALT mit den Elternvertretern der August Bebel-Sekundarschule in Blankenburg trifft. Wenn das Wetter die Gefühle der Elternvertreter widerspiegeln würde, dann hätte es nicht passender sein können.

Die Eltern sind enttäuscht und wütend. Denn an der Schule ihrer Kinder herrscht akuter Lehrermangel. Laut Elternvertretern findet aktuell kein Musikunterricht statt, Geschichte wird nach einem halben Jahr erstmals unterrichtet und Englisch-Unterricht gebe es wegen Krankheitsausfällen auch nicht wirklich.

Offener Brief fordert einfacheren Einstieg für Seiteneinsteiger

Krankheitsausfälle eingerechnet, liege die Unterrichtsversorgung an der Schule in Blankenburg bei 50 Prozent, erklärt Thomas Bange, Vorsitzender der Elternvertretung, gegenüber MDR SACHSEN-ANHALT. Zum Vergleich: Im landesweiten Durchschnitt liegt die Unterrichtsversorgung bei 92 Prozent. Das Ziel sind eigentlich 103 Prozent, um auf Ausfälle reagieren zu können.

Ein Mann lächelt in die Kamera.
Thomas Bange ist Vorsitzender der Elternvertretung an der August-Bebel-Sekundarschule. Er fordert einen leichteren Einstieg für Seiteneinsteiger. Bildrechte: MDR/Maximilian Fürstenberg

"Es gab Schüler, die waren zwei Stunden am Tag in der Schule. Wir hatten dazu einen Elternabend gehabt und haben da gesagt: 'Wir müssen jetzt agieren.', so Bange. Und so kam es dann auch: Die Eltern schrieben einen Offenen Brief, der sich direkt an Bildungsministerin Eva Feußner (CDU) richtet. In neun Punkten verlangen sie unter anderem, dass Anforderungen zum Einstellen von Seiten- und Quereinsteigern weiter heruntergesetzt werden sollten, ausgeschriebene Lehrerstellen besser sichtbar sind und dass und, dass, wenn der Unterricht ausfällt, Eltern einspringen und Exkursionen mit den Schülerinnen und Schülern unternehmen.

Das fordern die Elternvertreter vom Bildungsministerium in Kurzform

  • Lehrkräften, die kurz vor dem Rentenalter stehen, müssen attraktivere Bedingungen angeboten werden, um sie länger im Dienst zu behalten.
  • Lehrkräfte müssen schnellstens von allen Zusatzaufgaben entlastet werden, um mehr Freiraum für die Lehrtätigkeit zu schaffen.
  • Lehrerstellen müssen dauerhaft ausgeschrieben sein. Die Sichtbarkeit der Stellen muss in Suchmaschinen und gängigen Karriereplattformen gewährleistet sein.
  • Eine gleichmäßige Besetzung der Stellen im Land ist notwendig.
  • Die Einstellungskriterien für Quereinsteiger:innen müssen überarbeitet werden. Auf einen Hochschulabschluss zu bestehen, ohne jegliche Berufserfahrung, anderweitige Qualifikation und persönliche Eignung zu betrachten, ist nicht mehr zeitgemäß.
  • Zur kurzfristigen Deckung des Bedarfs müssen die nicht prüfungsrelevanten Fächer ggf. durch Honorarkräfte aufgefangen werden.
  • Um ganztägige Unterrichtsausfälle zu kompensieren, sind Eltern bereit, Fachexkursionen eigenständig zu organisieren und durchzuführen. Hier müssen rechtliche und versicherungstechnische Rahmenbedingungen geschaffen werden, dies zu ermöglichen.
  • Die Schulung der Selbstlernkompetenz unserer Kinder ist ein wesentlicher Bestandteil der zukünftigen Bildung. Die Kinder werden viel mehr in Eigenregie arbeiten müssen, dazu müssen aber Fähigkeiten geschult und Räume dafür geschaffen werden.
  • Die Leistungskontrollen der qualitativen Leistungsbewertung können heutzutage im Bereich der reinen Wissensprüfung auch auf digitalem Wege durchgeführt werden.

Unterstützt werden die Eltern von Vertretern aus Wirtschaft und Politik. In einem Video positionieren sie sich klar zum Unterrichtsausfall in Blankenburg.

Lehrermangel vor allem in Sekundarschulen

Über die aktuelle Situation an der Schule wollte die Direktorin der August-Bebel-Schule MDR SACHSEN-ANHALT keine Auskünfte geben. Von den Elternvertretern heißt es aber, dass an der August-Bebel-Sekundarschule aktuell zwölf Lehrkräfte fehlen. Wie ein Sprecher des Landesschulamtes MDR SACHSEN-ANHALT mitteilte, sind aktuell acht unbefristete Stellen an der Schule veröffentlicht.

Landesweit sind in Sachsen-Anhalt knapp 1.000 Stellen für Lehrkräfte an Schulen ausgeschrieben. Das geht aus Zahlen des Bildungsministeriums hervor. Die meisten Lehrkräfte werden demnach an Sekundarschulen gesucht. Hier fehlen zirka 350 Lehrkräfte. Die wenigsten Lehrkräfte werden an Gesamt- und weiterführenden Schulen gesucht, so das Ministerium.

Ausgeschrieben sind in den meisten Landkreisen Sachsen-Anhalts ähnlich viele Stellen. Mit 92 Stellen sind, laut dem Portal Weltenretter des Landes Sachsen-Anhalt, im Landkreis Börde die meisten ausgeschrieben. Danach folgen der Burgenlandkreis (91), Anhalt-Bitterfeld (90) und der Landkreis Harz mit 89 ausgeschriebenen Stellen. Die wenigsten Stellen sind mit 32 Stellen aktuell im Altmarkkreis Salzwedel ausgeschrieben.

Elternteil als Seiteneinsteiger abgelehnt

Um den Unterrichtsausfällen entgegenzusteuern, hat sich Alexander Löwe, Vater einer der Schülerinnen, Trainer und AG-Leiter an der Sekundarschule in Blankenburg als Seiteneinsteiger für den Sportunterricht beworben. Aber: Löwe wurde abgelehnt. Der Grund: Er hat keinen Bachelor-Abschluss. Der wäre laut Landesschulamt aber eine Voraussetzung für einen Seiteneinstieg als Lehrer. Aus diesem Abschluss müsse sich dann ein "Neigungsfach" ableiten lassen, heißt es auf Anfrage von MDR SACHSEN-ANHALT. Zu dem Brief selbst macht die Behörde keine Angaben und verweist darauf, dass ihr der Brief nicht vorliege. Allerdings seien Beschwerden über Unterrichtsausfälle kein nötiger Auslöser, damit das Landesschulamt seine Arbeit mache. "Wir kennen unsere Aufgabe und Verantwortung", teilte ein Sprecher mit.

Hürden für Seiteneinsteiger gesenkt

Die Hürden für Seiteneinsteiger, Lehrkraft im Schuldienst in Sachsen-Anhalt zu werden, waren in der Vergangenheit bereits gesenkt worden. Waren einst noch zwingend zwei Fächer gefordert, die aus der bisherigen Ausbildung und Tätigkeit abgeleitet werden konnten, war es dann nur noch eines. Aktuell können Seiteneinsteiger mit Bachelor-Abschluss befristet als Lehrkraft arbeiten.

Ein Mann lächelt in die Kamera.
Alexander Löwe, Trainer und AG-Leiter, ist enttäuscht über die Entscheidung des Schulamts. Bildrechte: MDR/Maximilian Fürstenberg

Dass Alexander Löwe nicht als Seiteneinsteiger in Blankenburg unterrichten darf, ärgert die Elternvertreter und auch Löwe selbst, denn er hat nach eigenen Aussagen 20 Jahre Berufserfahrung und ist hauptberuflich Trainer: "Ich habe die höchste Trainerqualifikation – den A-Trainer und DOSB. Ich mache viele Dinge auch schon an Schulen, aber für diese Honorartätigkeit hat es in dem Moment nicht gereicht. Es wurde nicht auf die Qualifikationen geschaut", beklagt Löwe mit ernstem Ton.

Eltern: Auch Ausbildungen sollten ausreichen

Thomas Bange, der Vorsitzende der Elternvertretung, sieht das genauso – nicht ohne Grund ist das Vereinfachen von Anforderungen für einen Seiteneinstieg eine der ersten Forderungen des Offenen Briefs. Bange erklärt, dass es für ihn nicht immer auf das Studium ankommt: "Es gibt ja Leute, die zum Beispiel einen Meisterbrief haben und aus einem handwerklichen Berufen kommen. Die die Inhalte genauso vermitteln können."

Doch im Kern geht es den Elternvertretern um das Unterstützen der Lehrkräfte im Schulalltag, wie Bange erzählt. So könnten soziale Mitarbeiter den Lehrern in der Pausenaufsicht helfen, oder beim Schauen von Lehrvideos eine Aufsicht im Klassenraum ist. Für Bange muss das nicht immer eine Lehrkraft sein. "Dann wären die Schüler natürlich im Unterricht und hängen nicht auf der Straße rum", so Bange.

Antwort vom Bildungsministerium auf Offenen Brief

Mittlerweile hat das Bildungsministerium auf den Offenen Brief der Eltern geantwortet: Darin heißt es, das Ministerium sehe "das Problem des derzeitigen bundesweiten Fachkräftemangels als gesamtgesellschaftliche Aufgabe, an deren Lösung alle Gewerke mitwirken sollten."

Doch das Bildungsministerium schreibt auch, dass die August-Bebel-Schule durch den Gang in die Öffentlichkeit einen erheblichen Imageschaden nehmen wird. "Die Attraktivität der betroffenen Schule wird nicht gesteigert." So könnte es sein, dass sich weniger Lehrkräfte dort bewerben, heißt es weiter.

Ein Offener Brief an das Bildungsministerium.
Ein Auszug aus dem Offenen Brief, der das Wort direkt an die Bildungsministerin Eva Feußner (CDU) richtet. Bildrechte: MDR/Maximilian Fürstenberg

Kein Imageschaden in den Augen der Elternvertreter

In den Augen der Elternvertreter entsteht kein Imageschaden, für sie ist eher das Gegenteil der Fall. Laut Bange ist es für die Lehrkräfte eine Bereicherung, wenn sie vernünftig mit den Elternvertretern zusammenarbeiten können. "Wenn da eine gewisse Einheit ist, dann ist das für den Lehrer natürlich auch von Vorteil", sagt er.

Eine Frau lächelt in die Kamera.
Katy Löwe von der Elternvertretung erhofft sich nach dem Brief einen offenen Dialog. Bildrechte: MDR/Maximilian Fürstenberg

Auch Katy Löwe ist Teil der Elternvertretung und an diesem regnerischen Tag mit Alexander Löwe und Thomas Bange im Gespräch. Auch für sie ist der Offene Brief kein Auslöser für einen Imageschaden: "Die Lehrkräfte stehen dem Ganzen hilflos gegenüber und können den Unterricht einfach nicht abdecken. Die versuchen, für die Schüler zu kämpfen und brauchen unsere Unterstützung. Und wenn nicht über die Öffentlichkeit, wo dann?", fragt Löwe mit forderndem Blick.

Treffen mit Bildungsministerium und Eltern

Dass durch den Brief von heute auf morgen nicht mehr Lehrkräfte eingestellt werden können, wissen alle Beteiligten. Die Elternvertreter wünschen sich aber, auf der Grundlage ihrer Forderungen mit den Verantwortlichen in den Austausch gehen zu können.

Nur zu meckern, dass es nicht genug Bewerber für Sachsen-Anhalt gibt, kann für die Eltern nicht das Ende der Fahnenstange sein, so Katy Löwe. "Da sind an vielen Stellen durchaus gute Lösungsansätze da, da sind Möglichkeiten, etwas neu zu gestalten", sagt sie.

Ende dieses Monats soll es ein Online-Meeting geben mit einigen Vertretern aus dem Bildungsministerium und den Schulleitern der Schule. Die Elternvertreter hoffen, dass auch sie an dem Treffen teilnehmen können. Laut Bange sollten dann die ersten Schritte für schnelle kurzfristige Lösungen besprochen werden.

Mehr zum Thema: Lehrermangel in Sachsen-Anhalt

MDR (Maximilian Fürstenberg)

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT HEUTE | 27. November 2022 | 19:00 Uhr

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