Nach Waldbränden NABU klagt gegen Räumung von Totholz im Nationalpark Harz

Weniger Totholz und Brandschneisen – beides soll künftig helfen, die Gefahr von Waldbränden im Nationalpark Harz zu verringern. So wurde es vor wenigen Wochen beschlossen. Jetzt hat der Naturschutzbund Sachsen-Anhalt Eilantrag eingereicht – wegen der Entnahme von Totholz und der Fällung von Bäumen. Die Maßnahmen stünden dem Naturschutz-Recht entgegen.

Abgestorbene Bäume stehen und liegen im Nationalpark Harz unterhalb des Brockens
Immer wieder Gegenstand kontroverser Diskussionen: Totholz im Harz Bildrechte: dpa

Der Naturschutzbund Sachsen-Anhalt (NABU) klagt gegen die Totholz-Entnahmen und Baum-Fällungen im Nationalpark Harz. Wie der Umweltverband mitteilte, wurde am Dienstag ein Eilantrag beim Verwaltungsgericht Magdeburg eingereicht. Ein Gerichtssprecher bestätigte MDR SACHSEN-ANHALT den Eingang des Antrags. Der NABU kritisierte, die Verwaltung des Nationalparks habe auf eine vorherige Aufforderung des NABU nicht reagiert.

Europäisches Naturschutzgebiet

Der Nationalpark Harz sei zum großen Teil europäisches Naturschutzgebiet, in dem besonders strenge Vorgaben sowohl für Lebensräume als auch für geschützte Tierarten gelten, heißt es in einer Mitteilung des Umweltverbandes. Brandschneisen zu schlagen oder die Entnahme von Totholz sind demnach grundsätzlich verboten, können bei einer "belastbaren Planung" jedoch zugelassen werden. Auch ein Ausgleich für mögliche Beeinträchtigungen sei vorgeschrieben.

Der NABU habe bei der Nationalpark-Verwaltung nachgefragt, ob es eine solche Planung gibt, darauf aber keine nachvollziehbare Antwort erhalten. Die Beräumung von Totholz und Brandschneisen zu schlagen, waren vor wenigen Wochen als Reaktion auf die zahlreichen Waldbrände im Harz beschlossen worden.

Erneute Diskussion über Totholz

Der Harzer Landrat Balcerowski (CDU) sprach am Mittwoch von einer "grünen Brille", mit der der NABU die Lage im Nationalpark einschätze. Es sei Grundlagen-Wissen unter Feuerwehrleuten, dass Brandschneisen zentral für die Brandbekämpfung in Wäldern sind, erklärte Balcerowski MDR SACHSEN-ANHALT. Er könne die Kameraden nicht mehr zu gefährlichen Einsätzen motivieren, wenn im Nationalpark nicht die Brandlast, also das Totholz, verringert werde.

Balcerowskis Einschätzung widerspricht der NABU. Es sei unter Fachleuten umstritten, ob Brandschneisen oder breitere Wege zu einer besseren Brandbekämpfung beitragen würden. Wenn die Feuerwehr jede Fläche erreichen soll, müsste der Nationalpark Harz von einem engmaschigen Feld von breiten Wegen durchzogen werden. In einem großen und naturnahen Waldgebiet müsse die Brandbekämpfung daher primär aus der Luft erfolgen.

Totholz mit wichtiger Funktion

Mit Blick auf die Auswirkungen der Totholz-Entnahme und der Fällung der Bäume zeigte sich Anne Arnold, Landesgeschäftsführerin des NABU, besorgt. "Die Maßnahmen sind mit den europäischen Vorgaben nicht vereinbar und führen zu einem herben Verlust an Biodiversität", kritisierte Arnold. Totholz sei ein "essentieller Lebensraum-Bestandteil" und erfülle wichtige Funktionen. "Wird es beseitigt, geht ein wichtiger Lebensraum verloren", erklärte Arnold weiter.

Der NABU betonte aber auch, dass er sich nicht gegen die Beräumung im direkten Umfeld von Ortschaften, beispielsweise von Schierke, wendet. Jedoch erwarte der Verband auch hier einen Ausgleich der für die "zerstörten Natur-Funktionen". Für Flächen, die nicht unmittelbar an Ortschaften angrenzen, seien derartige Maßnahmen nicht erlaubt, weil sie dem Naturschutz-Recht entgegenstünden.

Harzer Schmalspurbahnen als Problem

Dass das Totholz nicht die Hauptursache für die letzten Brände im Harz war, sei mittlerweile bekannt. Auch die Politik hat laut NABU zwischenzeitlich erkannt, dass die meisten Brände vom Betrieb der Harzer Schmalspurbahnen ausgingen. "Wenn es für die ganz überwiegende Mehrzahl der Brände im Nationalpark einen einzigen, dingfest gemachten Verursacher gibt, dann muss diese Brandursache primär abgestellt werden", sagte Martin Schulze, erster stellvertretender Vorsitzender des NABU Sachsen-Anhalt. Dafür gebe es mittlerweile Vorschläge. Gleichzeitig Schneisen in das Naturschutzgebiet zu schlagen, sei jedoch sinnlos, so Schulze weiter.

Wenn es für die ganz überwiegende Mehrzahl der Brände im Nationalpark einen einzigen, dingfest gemachten Verursacher gibt, dann muss diese Brandursache primär abgestellt werden.

Martin Schulze Erster stellvertretender Vorsitzender des NABU Sachsen-Anhalt

Landrat Balcerowski, der auch Aufsichtsratsvorsitzender der Harzer Schmalspurbahnen ist, wies Kritik des NABU an der Bahn als Brand-Verursacher strikt zurück. In keinem Brandfall habe das die Staatsanwaltschaft nachgewiesen. In den kommenden Tagen soll laut Balcerowski das Umfeld der Strecke der Brockenbahn untersucht werden. Dann werde entschieden, wo weitere Schneisen oder Wasserleitungen nötig seien.

NABU signalisiert Gesprächsbereitschaft, Landrat fordert Gesetzesänderung

Der NABU betonte, jederzeit bereit zu sein, sich an einer "vernünftigen und naturschutz-verträglichen Planung" für den Nationalpark zur Verhinderung und Bekämpfung von Waldbränden zu beteiligen. Einen Anlass für "hektische und ungeplante" Aktionen gebe es aber nicht.

Der Harzer Landrat forderte das Forstministerium zudem dazu auf, die Gesetzgebung zu ändern, damit künftig Eingriffe wie Brandschneisen oder verbreiterte Wege im Nationalpark einfacher möglich wären. Das Nationalpark-Gesetz müsse überarbeitet werden, da sich die klimatischen Bedingungen seit des Inkrafttretens 2004 deutlich verändert und somit die Waldbrand-Gefahr gesteigert hätten.

MDR SACHSEN-ANHALT hat auch die Nationalpark-Verwaltung für eine Stellungnahme angefragt. Ein Sprecher sagte, der Nationalpark wolle sich nicht zu einem laufenden Verfahren äußern.

Mehr zum Thema: Schutz vor Waldbränden im Harz

MDR (Moritz Arand)

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT – Das Radio wie wir | 02. November 2022 | 10:00 Uhr

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