Hype ums Gestern Warum Retro und Vintage so beliebt sind

Tische aus den 1950ern, Schlaghosen aus den 2000ern oder Omas altes Kaffeegeschirr – Retro- und Vintage-Stücke sind gerade wieder im Trend. Das zeigen auch die Ergebnisse einer MDR-Umfrage. Trendbeobachter erklären die Liebe zum Gestern und ein Restaurator aus Wernigerode schätzt den Wert von Möbeln aus der DDR.

exactly: Secondhand, Vinyl, Bulli: Warum lieben wir Retro und Vintage 29 min
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Ein Besuch auf Schloss Wernigerode ist wie eine Reise durch die Zeit. Hier findet man zum Beispiel eine Holztruhe aus der Gotik, ein Sofa aus dem Biedermeier und andere historische Stücke. Viele von ihnen landen in der Werkstatt von Hartmut Meier, der seit mehr als 30 Jahren Möbel aus unterschiedlichen Epochen restauriert.

Meier weiß, welchen Reiz und Wert Retro-Möbel derzeit haben. So schätzt er, dass eine Blumenbank aus der DDR der 1950er-Jahre, die aus Sprelacart und Spanplatten gefertigt ist, heute für 150 bis 200 Euro gehandelt wird. Der Preis hängt dabei nicht von den Materialien oder deren Verarbeitung ab, sondern von Angebot und Nachfrage, sagt Meier: "Das hat nichts mit der Handwerkskunst zu tun, sondern mit dem Zeitgeist", sagt Meier.

Dreharbeiten in Restaurierungswerkstatt
Restaurator Hartmut Meier begutachtet eine Blumenbank aus den 1950er-Jahren. Bildrechte: MDR/Danial Fischer

Viele mögen Dinge aus den 1950er-Jahren, daher kommt der Preis zustande.

Hartmut Meier Restaurator

Mehr als zwei Drittel besitzen Retro-Stücke

Dass Retro und Vintage derzeit ein Comeback erleben, zeigen auch die Ergebnisse einer Umfrage von MDRfragt, dem Meinungsbarometer für Mitteldeutschland. 69 Prozent der Teilnehmenden gaben an, selbst Retro-Teile wie Möbel, Geschirr oder Kleidung in ihrer Wohnung zu haben.

Die allermeisten verbinden damit Erinnerungen und persönliche Geschichten (75 Prozent). Außerdem gaben viele an, dass sie die Stücke noch aus einer Zeit haben, als sie noch nicht als "retro" galten (62 Prozent). Dass Retro-Stücke gerade wieder im Trend sind, spielt eher eine untergeordnete Rolle. Zwölf Prozent besitzen sie, weil sie gerade "modern" sind.

Weitere Gründe, die häufig für Retro-Teile genannt wurden, sind außerdem das Design (41 Prozent) oder der Punkt, dass die Stücke etwas Besonderes sind (40 Prozent). Für 30 Prozent spielen zudem Umweltgründe wie Nachhaltigkeit eine Rolle, für 22 Prozent auch Kostengründe.

Viele Stücke aus der DDR noch in Gebrauch

Auch etliche Gegenstände aus der damaligen DDR befinden sich heute noch in den Wohnungen der Befragten. Über drei Viertel der Teilnehmenden (77 Prozent) sind noch im Besitz von DDR-Klassikern. Dabei ist ein wichtiger Aspekt auch die Langlebigkeit: 61 Prozent gaben an, dass ihre Küchen- und Elektrogeräte aus DDR-Produktion noch in Gebrauch sind. Und 80 Prozent der Teilnehmenden nutzen noch ihr DDR-Werkzeug.

Meine Oma hatte bequeme Sessel, auf denen ich schon als Kind gesessen hatte, und deshalb wollte ich diese behalten!

49-jähriger Teilnehmer aus Anhalt-Bitterfeld

Bildergalerie Alltagsgeräte "made in GDR"

Heutzutage geben Haushaltsgeräte und Co. zuweilen schnell ihren Geist auf. Dagegen scheinen viele DDR-Geräte wie für die Ewigkeit gebaut. Und wenn sie doch einmal kaputt gingen, ließen sie sich leicht reparieren.

Kaffeeboy
Keine Pumpe und kein Hebel zur Erzeugung von Druck – kaputtgehen konnte beim Kaffeeboy kaum etwas. Und wirklich schaden konnte dem robusten Gerät neben Wasserkalk eigentlich nur eines: die Kaffee-Malz-Zichorie-Mischung "Kaffee-Mix". Aber die ist ja inzwischen aus dem Handel genommen. Bildrechte: MDR/Conrad Weigert
Diabetrachter Pentacon DB1
Dieser überaus praktische und mit stabiler Mechanik versehene Diabetrachter Pentacon DB1 diente den Freunden der Diafotografie zum schnellen Vorbetrachten ihrer Dias. Bildrechte: MDR/Weigert
Multiboy gelb
Ob Zwiebeln, Nüsse oder Mandeln - der Multiboy zerkleinerte zuverlässig Backzutaten – und macht das oft noch bis heute. Sogar Getreidekörner soll das Multifunktionsgerät hexeln können. Bildrechte: Michael Diel
Kabeltrommel
Unverwüstliche Kabeltrommel mit dem ulkigen Namen "Stromfix Junior 3". Bildrechte: Conrad Weigert
Kaffeeboy
Keine Pumpe und kein Hebel zur Erzeugung von Druck – kaputtgehen konnte beim Kaffeeboy kaum etwas. Und wirklich schaden konnte dem robusten Gerät neben Wasserkalk eigentlich nur eines: die Kaffee-Malz-Zichorie-Mischung "Kaffee-Mix". Aber die ist ja inzwischen aus dem Handel genommen. Bildrechte: MDR/Conrad Weigert
Mahlwerksmühle MWM 3
Die Mahlwerksmühle MWM 3 war in vielen Küchen der DDR zu Hause und mahlt bis heute zum Beispiel Kaffeebohnen. Bildrechte: MDR/Weigert
Plattenspieler RFT SP 3001 Hifi
Der Plattenspieler RFT SP 3001 Hifi ist genauso stabil wie sein solides Design vermuten lässt. Und Ersatzteile lassen sich nach wie vor günstig beschaffen. Bildrechte: MDR/Weigert
Reiseschreibmaschine Erika
"Erika"-Schreibmaschinen, hergestellt vom VEB Kombinat Zentronic Schreibmaschinenwerk Dresden, waren in der DDR bereits begehrte Klassiker. Vor allem die kleinen Reisemodelle, wie hier im Bild die "32/42", kamen ohne Elektronik aus und sind daher nahezu unzerstörbar. Bildrechte: MDR/Weigert
Schlagbohrmaschine WMW ESB 16
Der Bohrhammer „WMW ESB 16“ aus dem VEB Elektrowerkzeugbau Eibenstock ist wie viele Werkzeuge made in GDR robust und langlebig. Bildrechte: MDR/Weigert
Feldstecher Dekarem
Der Feldstecher Dekarem aus dem VEB Kombinat Carl Zeiss Jena war so lichtstark, dass er ohne weiteres auch nachts verwendet werden konnte. Bildrechte: MDR/Weigert
Spiegelreflexkamera EXAKTA Varex IIB
Die Spiegelreflexkamera EXAKTA Varex aus dem Hause Ihagee in Dresden war prädestiniert für die makro- und wissenschaftliche Fotografie. Bildrechte: MDR/Weigert
Beirette
Die Beirette: Eine robuste und sehr nutzerfreundliche Kamera mit einem Aluminiumgehäuse. Beliebt als Reisekamera. Bildrechte: MDR/Weigert
Radioempfänger Typ REMA Mono 230
Auch das Radio REMA Mono 230 scheint für die Ewigkeit gebaut zu sein. Für den Anschaffungspreis von 600 Mark dudelt es mit maximal 6 Watt bis heute in Küchen und Wohnzimmern. Bildrechte: MDR/Weigert
AKA Staubsauger HSS20
Der AKA Staubsauger HSS20 war eines der Top-Produkte des VVB Elektrische Konsumgüter. Zwar verfügte er nur über eine Leistung von maximal 400 Watt, dafür saugt er aber bis heute. Und Filtertüten gibt es auch immer noch zu kaufen. Bildrechte: Conrad Weigert
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Hinter jedem Teil steckt eine Geschichte

Mit dem Retro-Trend haben sich auch viele Studien beschäftigt. Trendbeobachter Mathias Haas sieht mehr als Nostalgie dahinter: "Wenn Stücke, ob Möbel oder Jeans tatsächlich abgenutzt sind, weil sie eben schon benutzt wurden, ist das noch mal eine höhere Qualitätsstufe."

Menschen lieben eben Geschichten.

Mathias Haas Trendbeobachter

Marktforscher und Psychologinnen vermuten hinter diesen Trends auch das Bedürfnis nach Identität und nach einer Art "Verschnaufpause" – sozusagen als Gegenmodell zur schnellen digitalen Welt.

Noch mehr Retro-Gegenstände und Vintage-Verliebte aus Sachsen-Anhalt, Sachsen und Thüringen sehen Sie in der exactly-Reportage "Secondhand, Vinyl, Bulli: Warum lieben wir Retro und Vintage?"

MDR (Ines Klein, Fabienne von der Eltz)

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Exakt - Die Story | 26. Januar 2022 | 20:45 Uhr

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