Ungewöhnliches Wohnen So lebt es sich im Wasserturm Ballenstedt

Elisa Sowieja-Stoffregen
Bildrechte: MDR/Fabian Frenzel

Hausboot, Bahnhof, Schloss: Manche Menschen in Sachsen-Anhalt wohnen an ungewöhnlichen Orten. So auch René Meyer. Er lebt mit seiner Familie im Wasserturm Ballenstedt. Aus einer denkmalgeschützten Ruine machte er ein Zuhause mit XXL-Turmfenster im Schlafzimmer und einem besonderen Übernachtungsplatz für die Kinder.

Wasserturm Ballenstedt, in dem René Meyer wohnt -  hier die Außenansicht.
René Meyer wohnt mit seiner Freundin, vier Kindern und Hund Karli im Wasserturm in Ballenstedt. Bildrechte: Elisa Sowieja-Stoffregen/MDR

Als René Meyer damals das Schlafzimmer seines Wasserturms bezog, fasste er nach wenigen Nächten einen Entschluss: Nebenan muss er dringend eine Toilette nachrüsten. Denn das einzige Bad war 34 Treppenstufen entfernt. Zu viele, um sich im wohlig-schläfrigen Dämmerzustand zu halten, erinnert er sich: "Wenn du die nachts runter und wieder hoch läufst, bist du wach."

Meyer wohnt seit 2013 im Wasserturm und dem angeschlossenen Kohlesilo in Ballenstedt. Im benachbarten Lokschuppen betreibt er einen Fahrradverleih. Der Gebäudekomplex ist Teil eines ehemaligen Güterbahnhofs. Im Lokschuppen wurden einst die Lokomotiven mit Wasser und Kohle versorgt. Später wohnten im Turm Eisenbahner. Heute bringen neben dem Harzer und seiner Partnerin noch vier Kinder Leben ins Denkmal: Jakob, Johanna, Frieda und Alwin sind zwischen drei und acht Jahre alt.

Blick auf dem Harz durch ein 2,85 Meter hohes Turmfenster

Wasserturm Ballenstedt, in dem René Meyer wohnt -  hier das Schlafzimmer.
Durch das große Schlafzimmerfenster kann man vom Bett aus in den Harz schauen. Bildrechte: Elisa Sowieja-Stoffregen/MDR

Wo früher der Wassertank stand, schauen René Meyer und seine Freundin nun vom Doppelbett aus auf den Harz. Ihr Blick geht durch ein 2,85 Meter hohes Fenster. Die Zimmer der Kinder sind auf Turm und Kohlesilo verteilt. Am liebsten tummeln sich die Kleinen aber ganz oben, über dem Schlafzimmer, direkt unter der Spitze des 12 Meter hohen Turms.

Dort gibt es eine Spielwiese mit Matratzen. "Sie lieben das Rapunzel-Feeling dort", sagt ihr 51-jähriger Vater. Manchmal dürfen die drei Größeren auch oben schlafen – mit Sternenprojektor und, logisch, mit Märchen-Hörspielen.

Wasserturm Ballenstedt, in dem René Meyer wohnt -  hier ein Kinderzimmer.
An der heutigen Kinderzimmerdecke ist ein Stahlträger eingebaut. Er half, das Gebäude mit dem schweren Wassertank stabilisieren. Bildrechte: Elisa Sowieja-Stoffregen/MDR

Auch an anderen Stellen entdeckt man die Besonderheiten des Turms. Der Wassertank damals fasste 100 Kubikmeter. Damit das Gebäude unter der Last nicht einbrach, hatte man es beim Bau mit zwei Besonderheiten versehen. So sind die Wände 80 Zentimeter dick, und in die Decke, die heute das Schlaf- vom Kinderzimmer trennt, ist ein großer Stahlträger eingezogen.

Man muss sich das vorstellen wie eine alte Ritterburg.

René Meyer, Wasserturmbesitzer

Obwohl Meyer in Ballenstedt geboren ist, hatte er den Wasserturm lange nicht wahrgenommen. Er fiel ihm erst auf, als er nach Jahren in Bayern zurückgekehrt war und auf der Suche nach einem Haus durch die Stadt fuhr. Da stach sie ihm plötzlich ins Auge, diese zugewucherte Ruine. "Die Fenster waren zugemauert, es war kein Kabel verlegt, kein Putz an den Wänden", erinnert sich der Harzer. "Man muss sich das vorstellen wie wie eine alte Ritterburg." Trotzdem machte er den Besitzer ausfindig und kaufte den Komplex später.

Ein Treppengeländer aus alten Fenstergittern

Ein dreiviertel Jahr lang werkelte René Meyer an dem Turm, bevor er mit seiner damaligen Partnerin und dem gemeinsamen Sohn einzog. Dabei hatte er viel Hilfe von befreundeten Handwerkern. Die Denkmalschutz-Vorgaben, zum Beispiel für die Fenster, sah er nicht als Hürde: "Ich hatte mir ja bewusst ein altes und besonderes Gebäude gesucht. Deshalb hätte ich eh so viel erhalten wie möglich." So recycelte er zum Beispiel auch alte Fenstergitter aus dem Lokschuppen für das Treppengeländer.

Vor der Sanierung, erzählt der Ballenstedter, hätten ihm seine Handwerkerfreunde einen Vogel gezeigt. Ihr Urteil: Viel zu klein, viel zu runtergekommen. Er sagt: "Vor allem die, die mit Baustoffen arbeiten, meinten: Was willst du denn mit dem Ding?" Mit ein paar Ideen und großem Aufwand schaffte er letztlich 130 Quadratmeter Wohnfläche. Und schon deuteten einige ihr Urteil ein bisschen um. René Meyer muss lachen. "Da kamen dann regelmäßig Leute, die gesagt haben: Also die Idee hatte ich auch."

Elisa Sowieja-Stoffregen
Bildrechte: MDR/Fabian Frenzel

Über die Autorin Elisa Sowieja-Stoffregen arbeitet seit September 2021 für MDR SACHSEN-ANHALT. Nach ihrem Studium in Erfurt hat sie lange bei der Volksstimme gearbeitet, vor allem als Landesreporterin. Nun nimmt sie zu ihren Terminen neben Zettel und Stift auch Smartphone und Mikrofon mit.

Die gebürtige Magdeburgerin ist für MDR SACHSEN-ANHALT als Reporterin vor allem in den Gemeinden und kleinen Städten unterwegs. In ihrer Freizeit hechtet sie gern Badmintonbällen hinterher und testet immer mal wieder, wie viele "Warum?"-Fragen am Stück sie kindgerecht und mit pädagogischer Finesse beantworten kann, bevor ihr ein "Weiell-das-so-ist!" herausrutscht.

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Gernot Quaschny wohnt seit 2013 auf einem Hausboot. Bildrechte: MDR/Elisa Sowieja-Stoffregen/Hoferichter&Jacobs | Fotomontage von Fabian Frenzel

MDR (Elisa Sowieja-Stoffregen)

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