Heizkraftwerk Müll statt Gas: Magdeburg baut Fernwärme aus

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Bildrechte: Uli Wittstock/Matthias Piekacz

Wie kalt der Winter wird, ist derzeit weniger eine Frage an Meteorologen, sondern eher eine an die Politik. Doch statt Gas kann man auch Müll verbrennen – das ist die Idee eines Müllheizkraftwerks. In Magdeburg-Rothensee steht so eine Anlage, die nun erweitert wird. Das Ziel ist klar: mehr Fernwärme für Magdeburg. Doch das Energieproblem löst das nur bedingt.

MHKW – diese vier Buchstaben stehen für Müllheizkraftwerk. Ein solches steht im Norden Magdeburgs, im Stadtteil Rothensee. Hier wird all das verbrannt, was nach der Mülltrennung übrigbleibt. Das Geschäft lohnt sich, so dass nun zu den zwei bestehenden Öfen ein Dritter hinzukommt. Bereits jetzt ragen wie Raketensilos acht schlanke Stahlbehälter nach oben. Das ist Magdeburgs Wärmespeicher. Von hier aus wird das Wasser über ein Leitungssystem der Städtischen Werke in die Stadt verteilt.

Müll als Alternative zum Gas ist auch deshalb ein Thema, weil die Fernwärme als klimaneutral gilt. Das sei kein Taschenspielertrick, sagte MHKW-Geschäftsführer Rolf Oesterhoff MDR SACHSEN-ANHALT. Denn rund die Hälfte des Abfalls, der da verbrannt werde, seien nachwachsende Materialien. Das CO2, das so freigesetzt wird, sei also vorher aus der Atmosphäre entnommen worden.

Erweiterung des Müllheizkraftwerks Das Müllheizkraftwerk in Rothensee wird bis 2024 um einen Block erweitert. Im Juni war Grundsteinlegung für die hochmoderne Anlage. Sie wird neben Strom und Fernwärme auch Dampf erzeugen, der an Industriekunden verkauft werden soll. Momentan versorgt das Kraftwerk etwa 44.000 Haushalte in Magdeburg mit Fernwärme.

Nachfrage größer als Angebot

Doch derzeit ist es weniger das ökologische Gewissen, das die Nachfrage nach Fernwärme steigen lässt, sondern vielmehr die weltpolitische Lage in Folge des Ukraine-Krieges. Die Abhängigkeit von Gas erweist sich zumindest in der öffentlichen Debatte als das politische Kardinalproblem der nächsten Monate. Wohl dem, der da auf Gas verzichten kann.

Der Chef der Städtischen Werke Magdeburg, Thomas Pietsch, bestätigt, dass Fernwärme im Trend liegt: "Momentan ist die Nachfrage deutlich höher als das, was wir befriedigen können. So viel Baukapazität steht gar nicht zur Verfügung. Wir suchen uns jetzt Projekte mit dem meisten Potenzial und dem geringsten Investitions- und Bauaufwand."

Simulation, wie das erweiterte Müllheizkraftwerk Magdeburg aussehen könnte.
Simulation: So könnte das Magdeburger Müllheizkraftwerk mit drei Kraftwerksblöcken aussehen. Abnehmer der Fernwärme sind aktuell vor allem Genossenschaften und die städtische Wobau. Bildrechte: MHKW Magdeburg

Große Investition mit Folgen

Fernwärme zu verlegen ist um einiges aufwändiger als nur ein Datenkabel quer durch die Stadt zu ziehen. Magdeburger Umleitungen haben nicht selten auch ihre Ursache in Arbeiten am Fernwärmenetz. Und auch dies spiele bei den Ausbauplänen eine Rolle, so Pietsch.

Denn Baustellen gehören zwar inzwischen scheinbar naturgegeben zum Magdeburger Stadtbild, doch führt das eben nicht zu einer gewissen Gewöhnung, ganz im Gegenteil. Auch darauf müsse man Rücksicht nehmen: "Heutzutage versuchen wir, alles unterirdisch zu verlegen. Und das hat natürlich immer auch Einschränkungen zur Folge, für den Verkehr und auch für die Zugänglichkeit. Für die Anrainer ist es immer ein schwieriges Thema. Da müssen wir uns natürlich mit der Stadt abstimmen."

Kein Angebot für Eigenheime

In den vergangenen Jahren wurden vor allem Teile von Stadtfeld an die Trasse angeschlossen, als nächstes soll der Süden mit dem Stadtteil Sudenburg folgen. An vielen Häusern laufen die Rohre der Trasse vorbei, jedoch ohne Anschluss.

Magdeburger Goethestrasse
Teile des Magdeburger Stadtteils Stadtfeld sind an das Fernwärmenetz angeschlossen. Bildrechte: IMAGO / Christian Schroedter

Das sei keine Niedertracht der SWM, sondern eine Folge der Kosten, so SWM-Chef Pietsch: "Momentan sind die Übergabestationen für ein Einfamilienhaus unverhältnismäßig teuer. Wir suchen nach Lösungen, weil es viele Einfamilienhäuser gibt, die in Trassennähe liegen. Also wo man schon als Laie sieht: Das ist das Rohr, hier ist mein Haus, da will ich mich jetzt anschließen." Die hohen Anschlusskosten rechnen sich also erst, wenn es viele Abnehmer für Fernwärme gibt.

Energiepolitischer Blick ins Ungewisse

Und so bleibt den Eigenheimbesitzern bis auf Weiteres nur die Umrüstung auf eine Wärmepumpe, was allerdings auch schon eine erhebliche Investition ist. Aber möglicherweise fließt nach dem Ende der Wartungsarbeiten wieder Gas durch Nord Stream 1 und dann dürften die Debatten der vergangenen Tage schnell vertagt werden. Doch vom Tisch sind sie nicht: Der Bundestag hat in der vergangenen Woche beschlossen, bis zum Jahr 2030 deutlich mehr auf regenerative Energien zu setzen. Konkret sollen in acht Jahren immerhin 80 Prozent der Energie aus erneuerbaren Quellen kommen. Nimmt man das ernst, dürften die Gasheizungen schneller außer Dienst gestellt werden als der Verbrennungsmotor

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Bildrechte: Uli Wittstock/Matthias Piekacz

Über den Autoren Geboren ist Uli Wittstock 1962 in Lutherstadt Wittenberg, aufgewachsen in Magdeburg. Nach dem Abitur hat er einen dreijährigen Ausflug ins Herz des Proletariats unternommen: Arbeit als Stahlschmelzer im VEB Schwermaschinenbaukombinat Ernst Thälmann. Anschließend studierte er evangelische Theologie.

Nach der Wende hat er sich dem Journalismus zugewendet und ist seit 1992 beim MDR. Er schreibt regelmäßig Kolumnen und Kommentare.

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MDR (Uli Wittstock, Luise Kotulla)

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT – Das Radio wie wir | 13. Juli 2022 | 09:30 Uhr

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