Zwischen Online-Vorlesung und Party-Absagen Studieren in der Corona-Pandemie: "Das Sozialleben geht den Bach runter"

Fabian Frenzel
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Die Corona-Pandemie beherrscht schon so lange das gesellschaftliche Leben, dass manche Studierende ein Studium ohne Corona-Einfluss gar nicht kennen. Für sie gehört es zum Alltag, oft nicht zu wissen, ob die Vorlesung morgen im Hörsaal oder in der WG-Küche am Laptop stattfindet. Partys fallen aus, soziale Kontakte gibt es teils nur per E-Mail, Freundeskreise lösen sich auf. MDR SACHSEN-ANHALT hat mit Studierenden in Magdeburg über ihre Erfahrungen in den vergangenen zwei Jahren gesprochen.

Collage aus acht Porträts von Studenten 1 min
Bildrechte: MDR/Fabian Frenzel | Collage: Max Schörm
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Studierende aus Sachsen-Amhalt sprechen über ihr Studium während Corona.

Do 13.01.2022 15:47Uhr 01:04 min

https://www.mdr.de/nachrichten/sachsen-anhalt/magdeburg/magdeburg/video-studium-corona-magdeburg-100.html

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Video

  • Nach zwei Jahren Corona-Pandemie zehren die Corona-Maßnahmen rund um das Studium an den Nerven der Studierenden. Auch Freundeskreise und das studentische Leben leiden unter der Pandemie.
  • Online-Vorlesungen sind das Mittel der Wahl, um die Lehre aufrecht zu erhalten. Doch unkreative Videokonferenzen, der immer selbe Schreibtisch und fehlende Eigenmotivation erschweren das Online-Studieren.
  • Die Studierenden wollen von den Lehrenden mehr miteinbezogen werden, um das Studieren in Corona-Zeiten zu verbessern.

Das sagen Studierende über ...

... zwei Jahre studieren mit der Corona-Pandemie

Alissar, Informatik-Studentin an der Otto-von-Guericke-Universität: "Je länger es geht, desto schwieriger wird es. Am Anfang war es super angenehm. Selbst studieren und die Prüfungen waren super einfach. Jetzt gehen die ganzen Privilegien und Streicheleinheiten weg. Es wird alles so gemacht, als würden wir in Präsenz sein."

Alicia, Studentin der Umwelt- und Energie-Prozesstechnik an der Otto-von-Guericke-Universität: "Ich mag es nicht, dass wir so viele Online-Veranstaltungen haben. Allerdings finde ich es auch nicht gut, dass wir jetzt bei den hohen Corona-Zahlen wieder in die Uni gehen müssen – teilweise auch bei den Prüfungen. Schwierig, wenn man dann da zum Beispiel mit 300 Leuten sitzt."

Maximilian, Student der Mensch-Technik-Interaktion an der Hochschule Magdeburg-Stendal: "Ich muss sagen, es ist schon anstrengender, weil man sich zu Hause mehr motivieren muss. Es kommt auch darauf an, wie viele Profs auch mitziehen bei den Online-Vorlesungen, die sich jetzt sehr verändern. Es gibt Profs, die gehen mit und versuchen sich anzupassen und das auch attraktiv zu gestalten. Dann macht es natürlich Spaß. Aber andere lassen einen auch ziemlich alleine. Dann ist es natürlich ziemlich uninteressant."

... fehlendes Sozialleben rund um den Uni-Alltag

Alissar, Informatik-Studentin an der Otto-von-Guericke-Universität: "Das Sozialleben geht auf jeden Fall komplett den Bach runter. Vor knapp drei Jahren haben wir angefangen und da waren wir eine große Freundesgruppe. Aber seit Corona ist alles komplett auseinandergebröckelt. Die neuen Erstis, die wir eigentlich auch immer mit aufgenommen haben, die wir eingeführt haben, die kennen wir teilweise gar nicht mehr."

Studentin Alissar
Der Freundeskreis von Studentin Alissar ist durch Corona kleiner geworden. Bildrechte: MDR/Fabian Frenzel

Martin, Student der Mechatronischen Systemtechnik an der Hochschule Magdeburg-Stendal: "Gerade als es auf die Prüfungen zuging, war es ein träges Vorankommen. Das war am Schluss eine sehr graue Angelegenheit. Da hatte man nur mit einem kleinen Teil der Kommilitonen den Austausch."

Daniel, studiert Culture Engineering an der Otto-von-Guericke-Universität: "Viele Leute fühlen sich sehr einsam, denn die sitzen die ganze Zeit in der Wohnung."

Flavio, studiert Medienbildung an der Otto-von-Guericke-Universität: "Ich dachte, ich komme hier her und bin der klassische Student, wohne in der WG und gehe zur Uni. Dieses klassische Unileben eben. Aber Pustekuchen. Wegen Corona. Die, die mit mir angefangen haben, habe ich erst ein Jahr später kennengelernt, als Präsenz-Unterricht war beziehungsweise kannte ich sie nur vom Bild in den Online-Veranstaltungen.

Ich dachte, ich komme hier her und bin der klassische Student, wohne in der WG und gehe zur Uni. Dieses klassische Unileben eben. Aber Pustekuchen.

Student Flavio

Hilfe für einsame Studierende

Die Hochschule Magdeburg-Stendal bietet über die Psychosoziale Studienberatung Hilfe an. Auch die Otto-von-Guericke-Universität bietet eine solche Beratung an. Außerdem gibt es an der Uni ein Angebot von Studierenden für Studierende, bei dem sich vertraulich über Probleme im Uni-Alltag ausgetauscht werden kann.

... die Vor- und Nachteile von Online-Vorlesungen und -Prüfungen

Ruth, studiert Wasserwirtschaft an der Hochschule Magdeburg-Stendal: "Ich schätze Präsenz-Vorlesungen sehr, weil ich viel einfacher Rückfragen stellen kann und ich nicht Sorge haben muss, dass das Internet ausfällt oder irgendwie überlastet ist. Wir sind zu dritt in einer WG und wenn alle drei eine Vorlesung haben, dann kann das auch mal schwierig werden. Und es fehlt halt in den Pausen das Gespräch mit den Kommilitonen. Da geht, glaube ich, ganz viel zwischenmenschlich flöten. Online habe ich zwar den Inhalt vom Studium, aber irgendwie nichts mehr drumherum."

Studentin Tsvetelina
Tsvetelina fand die Online-Prüfungen zu schwer. Bildrechte: MDR/Fabian Frenzel

Tsvetelina, studiert Umwelt- und Energie-Prozesstechnik an der Otto-von-Guericke-Universität: "Die Online-Prüfungen waren schwieriger gemacht, damit man keine Möglichkeit hat, abzuschreiben. Aber man konnte gar nicht denken, da es so viel Zeitdruck und so viele Fragen gab. Zum Beispiel 40 Fragen in 70 Minuten und dann nicht Multiple-Choice, sondern Schreiben und Zeichnen. Das war sehr anstrengend."

Martin, Student der Mechatronischen Systemtechnik an der Hochschule Magdeburg-Stendal: "Ich habe durch Online-Vorlesungen weniger Stoff mitgenommen. Das wird von Fach zu Fach verschieden gut umgesetzt. Ich persönlich komme nicht gut klar mit aufgezeichneten Videos. Es war schwierig für mich, mich aufzuraffen und sich so ein Video anzusehen. Allein fürs Gruppengefühl bevorzuge ich die Live-Variante."

Flavio, studiert Medienbildung an der Otto-von-Guericke-Universität: "Online ist natürlich bequem und ich habe am Anfang gedacht, ich kann dadurch gut ankommen in der WG und in der Stadt, weil ich gar nicht erst groß zur Uni gehen muss. Aber nach wenigen Monaten ist es schon ätzend, wenn man wirklich nur zu Hause vor dem PC sitzt und immer die gleiche Umgebung hat.

Bei Vorlesungen um 7 Uhr war ich schon dankbar, wenn die online stattfanden. Aber um 13 Uhr ist man ausgeschlafen – auch als Student. Da kann man auch mal zur Uni gehen.

Student Flavio

So wurde im vergangenen Jahr an der Otto-von-Guericke-Universität studiert:

... das Hin und Her zwischen Präsenz- und Online-Veranstaltungen

Martin, Student der Mechatronischen Systemtechnik an der Hochschule Magdeburg-Stendal: "Wenn Präsenz notwendig ist, darf der Unterricht innerhalb der Hochschule stattfinden. Wo die 'Notwendigkeit' liegt, ist aber jedem Professor selbst überlassen. Das ist ein Problem, weil man nicht so richtig einschätzen kann, wo es tatsächlich notwendig ist und wo nicht. Die Professoren gehen aber auf die Studierenden ein und wir können im Prinzip abstimmen, wie wir es gerne hätten. Aber das ist auch nicht so einfach, weil es unter den Studierenden unterschiedliche Meinungen dazu gibt."

Student Martin
Martin findet gut, dass die Studierenden bei der Frage nach Präsenzunterricht mit einbezogen werden. Bildrechte: MDR/Fabian Frenzel

Ruth, studiert Wasserwirtschaft an der Hochschule Magdeburg-Stendal: "Am Anfang war schlecht kommuniziert, was passiert, wenn wir nicht mehr in Präsenz Vorlesungen haben. Und irgendwann kam halt der Tag, an dem es so weit war. Und dann war es so ein Hin und Her und Suchen, wo man die Infos herkriegt. Welcher Dozent hat wo welche Infos hingestellt? Es wird aber besser. Ich weiß jetzt, wo ich die Infos herbekomme."

.. Ablenkungen und Motivation im Home-Office

Flavio, studiert Medienbildung an der Otto-von-Guericke-Universität: "Ich hatte zum Beispiel einen Vortrag und habe eine Diskussionsfrage gestellt und dachte, meine Kommilitonen antworten mir jetzt. Aber es hat sich keiner gemeldet. Das ist ein bisschen schade. Ich kann das aber verstehen und bin da auch so. Ich sage auch nicht immer was in Online-Veranstaltungen.

Ich habe eigentlich mein Handy dabei auch die ganze Zeit in meiner Hand. Das kann ich offen zugeben. Das würde in Präsenz wahrscheinlich deutlich weniger passieren, weil mich der Prof ja sehen könnte."

Studentin Ruth
Studentin Ruth tauscht ihren Schreibtisch in der WG immer wieder gerne mit einem Platz in der Bibliothek. Bildrechte: MDR/Fabian Frenzel

Ruth, studiert Wasserwirtschaft an der Hochschule Magdeburg-Stendal: "Ich fahre, wenn ich irgendwie lernen muss, in die Bibliothek. Das ist ein Raum, wo ich mich wirklich noch konzentrieren kann.

Zu Hause sitze ich einfach immer vor dem gleichen Schreibtisch, vor dem ich auch meine Freizeit verbringe. Und das ist lahm. Das ist okay, wenn das nur die Hausaufgaben sind oder die Sachen, die man vor- und nachbereitet. Aber, wenn es halt alles ist, dann funktioniert es bei mir irgendwann nicht mehr."

Präsenz-Vorlesungen sind nicht der Heilige Gral.

Erkenntnis durch die Corona-Pandemie

... was besser werden muss

Flavio, studiert Medienbildung an der Otto-von-Guericke-Universität: "Die nächste Klausur schreibe ich im Februar. Und obwohl alles dazu online stattgefunden hat, muss diese Klausur, weil der Professor das möchte, unbedingt in Präsenz geschrieben werden. Warum man da so stur sein muss, verstehe ich nicht. Da könnte man vielleicht andere Möglichkeiten und Lösungen finden. Der Prof sagt mehr oder weniger: 'Das wird schon immer so gemacht.' Ich sage mal so: Einem alten Hund kannst du keinen neuen Trick beibringen. Und wenn er so eingespielt ist seit 30 Jahren, dann wird er das so durchziehen.

Ich würde mir wünschen, dass man da auf die Studierenden eingeht. Man könnte vielleicht irgendetwas in Hybrid machen. Also ein Teil sitzt zu Hause und ein Teil im Hörsaal. Man müsste einfach mal umdenken. Das geschieht nicht und das finde ich schade.

Student Flavio
Flavio findet, dass einige Professoren mehr auf die Studierenden eingehen sollten. Bildrechte: MDR/Fabian Frenzel

Ruth, studiert Wasserwirtschaft an der Hochschule Magdeburg-Stendal: "Ich glaube, es ist selbstverständlicher geworden, dass man sagt, Präsenz-Vorlesungen sind nicht der Heilige Gral. Ich finde die digitalen Angebote als Ergänzung super wichtig und sehr praktisch. Diese Selbstverständlichkeit von beiden nebeneinander als Co-Existenz, das ist etwas, was ich mir für die Zukunft wünsche."

Im MDR-Podcast "Was bleibt" spricht Autor Fabian Frenzel ab Minute 29:10 über seine Eindrücke und Recherche zum Studium in Corona-Zeiten.

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MDR (Fabian Frenzel)

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT | 17. Januar 2022 | 15:30 Uhr

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