Coronasituation in Magdeburg Aussteller auf dem Weihnachtsmarkt: "Eine Schließungssorge haben wir jeden Tag"

Johanna Daher
Bildrechte: MDR/Marieke Polnik

Der Magdeburger Weihnachtsmarkt 2021 stand deutschlandweit in der Kritik, weil er anfangs ohne Kontrollen geöffnet werden sollte. Das änderte sich schnell – seit einer Woche gilt 2G. Wie kommt das Konzept vor Ort an? Und wie geht es den Menschen in den Ständen? Ein Besuch mit persönlichen Gesprächen.

Weihnachtsmarkt in Magdeburg
Seit einer Woche gilt auf dem Magdeburger Weihnachtsmarkt 2G – Impfpässe und Personalausweise werden vor Ort kontrolliert. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

  • 2G-Regelung: Seit einer Woche wird auf dem Magdeburger Weihnachtsmarkt kontrolliert, ob die Besuchenden geimpft oder genesen sind. Sie bekommen ein Bändchen, um das zu zeigen.
  • Größte Sorge: Die Verkäuferinnen und Verkäufer in den Buden haben Angst, dass der Weihnachtsmarkt geschlossen wird. Für viele wäre das eine existentielle Bedrohung.
  • Weniger Personen: An den Ständen wird deutlich, dass erheblich weniger Besucherinnen und Besucher auf dem Weihnachtsmarkt sind als vor Corona.
  • Kontrollen: Die Stadt Magdeburg sagt, dass täglich stichprobenartig kontrolliert wurde – bei der Ausgabe von Speisen und Getränken gab es keine Verstöße.

Von meinem Wohnzimmer aus konnte ich ihn die vergangenen Tage schon sehen, vor allem nachts leuchtet er in bunten Farben: der 80 Meter große Turm auf dem Breiten Weg, mit dem die Weihnachtsmarkt-Besucherinnen und Besucher einen guten Überblick über Magdeburg bekommen. Deshalb beginnt mein Weg über den Markt genau hier. "The Flyer" steht groß über der Bude vor dem Turm, in der Joey Haring sitzt. "Kann ich dich etwas fragen?", sage ich. "Klar." "Wie geht es dir und eurem Unternehmen denn?"

Magdeburger Weihnachtsmarkt: Joey Haring von Gebrüder Boos aus Magdeburg mit der Attraktion "The Flyer"
Joey Haring arbeitet bei "Gebrüder Boos" und ist mit der Attraktion "The Flyer" vor Ort. Bildrechte: MDR/Johanna Daher

"Wir sind natürlich froh, dass wir aufmachen dürfen", fängt Haring an zu erzählen. Das windige Wetter sei zwar nicht so gut für seine Attraktion, aber die 2G-Regelung funktioniere. Dieses Konzept läuft so: Auf dem Weihnachtsmarkt sind alle Buden mit Bändchen ausgestattet worden, so auch "The Flyer" der Gebrüder Boos aus Magdeburg. Besuchende, die noch kein Bändchen haben und über 18 Jahre alt sind, müssen ihren Impfpass und Personalausweis vorzeigen, um eins zu bekommen. Nur Geimpfte und Genesene erhalten damit Zugang zu den Angeboten. So bekomme auch ich mein Bändchen, während Joey Haring weiter von den Besuchenden berichtet:

Der größte Teil ist verständnisvoll. Es gibt natürlich Leute, die ihren Impfpass oder Personalausweis nicht so gerne vorzeigen oder keinen Impfnachweis haben und dann sehr sauer sind, dass sie nicht mitfahren dürfen. Aber damit muss man leider umgehen können.

Joey Haring von der Attraktion "The Flyer" der Gebrüder Boos

Große Sorge vor der Weihnachtsmarkt-Schließung

Was ihn aber viel mehr beschäftigt: Wie lange sie dort noch auf dem Weihnachtsmarkt sein können. "Eine Schließungssorge haben wir jeden Tag. Wenn eine Schließung kommt, dann meistens unerwartet und über Nacht. Dann müssen wir schauen, dass wir zügig unsere Anlage abgebaut bekommen", meint Haring.

Magdeburger Weihnachtsmarkt: Das Konzept "Tafelrunde" an der Kaiser-Otto-Schänke von Gastro Conzept.
Die Attraktion "The Flyer" ist schon von weitem zu sehen: der Turm bringt die Gäste in 80 Meter Höhe. Bildrechte: MDR/Johanna Daher

Für das Magdeburger Unternehmen ist der Weihnachtsmarkt der Heimatstadt das letzte Event vor der Saisonpause und damit eigentlich auch die wichtigste Einnahmequelle. 2016 waren sie zum ersten Mal mit einem Karussell dort, vorher schon viele Jahre mit einer Glühweintheke auf dem Alten Markt.

Hinter mir diskutieren Freunde einer dreiköpfigen Gruppe, die dazugekommen sind, ob sie sich auf "The Flyer" trauen oder nicht. So überlasse ich Joey Haring wieder seiner Kundschaft und gehe weiter den Breiten Weg entlang.

Es ist etwa 15:30 Uhr, viel ist nicht los. Vereinzelt laufen Menschen mit, aber auch ohne Maske, an mir vorbei. Ich habe nicht das Gefühl, dass ich dicht an dicht mit anderen unterwegs bin. Plötzlich sehe ich eine längere Schlange, Menschen, die vor einem Tisch mit dem Schild "Nur für Schmalzkuchen – 2G-Check" stehen.

Tricks für das 2G-Nachweis-Bändchen

Hinter dem Tisch steht Andy Schild von der Bäckerei Hartung. Er schaut sich gerade den gelben Impfpass einer der anstehenden Personen an: "Biontech, richtig?", fragt er und erhält ein Nicken. "Ich kenne mich mittlerweile damit aus", meint Schild grinsend und klebt ihr das Bändchen um den Arm.

Magdeburger Weihnachtsmarkt: Andy Schild von der Bäckerei Hartung
Andy Schild macht den 2G-Check am Stand der Bäckerei Hartung. Bildrechte: MDR/Johanna Daher

Als nächstes bekommt er ein Smartphone mit dem QR-Code des Impfnachweises hingehalten. "Ein Mal scrollen, bitte", fordert Schild. Zu sehen ist der Rest der App, alles in Ordnung. Er erklärt: "Es gibt den Trick, dass sich Ungeimpfte einen Screenshot des QR-Codes auf ihr Handy schicken lassen. Wenn ich sie auffordere zu scrollen, kommt dann das nächste Bild aus der Galerie und man merkt, dass es ein Trick war." Häufig komme das aber zum Glück nicht vor – mit 99,9 Prozent der Personen, die er checkt, gebe es keine Probleme. Die Frage, die auch sein Team am meisten beschäftigt:

Wir haben schlaflose Nächte, weil man sich fragt: "Steht man am nächsten Tag nur noch zum Abbauen auf?"

Andy Schild von der Bäckerei Hartung

Was er und seine Kolleginnen und Kollegen auch gemerkt haben: Mit der 2G-Regelung müssen die Aufgaben anders geplant und die Mitarbeitenden anders eingesetzt werden, da es eine weitere Person benötigt, die nur die Impfnachweise checkt. Vom Marktbetreiber haben sie alle Infos bekommen, worauf sie achten sollen, genau wie die Bändchen selbst.

In Magdeburg gilt die 2G-Regelung, in Quedlinburg beim Weihnachtsmarkt und dem Advent in den Höfen sogar 2G+:

Seit Eröffnung: Deutlich weniger Besucherinnen und Besucher

Als nächstes führt mich mein Weg zu einem weiteren Fahrgeschäft. Der Mitarbeiter hinter der Kasse dreht sich zu der Uhr, die an der Innenseite hängt und meint: "Es ist 16:15 Uhr. Normalerweise sind zu dieser Zeit nach der Schule immer viele Kinder hier, jetzt nicht. Siehst du, man kann bis zum Dom durchgucken, weil da keine Menschen sind." Generell ist der Weihnachtsmarkt von 11 bis 21 Uhr geöffnet. Er erzählt von seinen Sorgen:

Wir schauen immer mit Sorge auf die Ministerkonferenzen, weil eine Schließung für uns den Bankrott bedeuten würde. Wir werden ja nicht wie andere Arbeitnehmer weiter bezahlt und hoffen noch auf finanzielle Unterstützung.

Mitarbeiter eines Fahrgeschäfts auf dem Magdeburger Weihnachtsmarkt

Dass es weniger Weihnachtsmarkt-Besucherinnen und Besucher gibt, merken auch Monika Hafke und Antonia Mentzel. Sie sind von Gastro Conzept und betreiben hier die Kaiser-Otto-Schänke. "Könnt ihr schätzen, wie viel weniger los ist? Vielleicht die Hälfte im Vergleich zu sonst?", frage ich. Die beiden lachen. "Nee, deutlich weniger", sagt Mentzel. "Es sind etwa ein Sechstel." Trotzdem ergänzt Monika Hafke: "Uns geht es vergleichsweise gut, wir können nicht klagen. Unser Vorteil: Wir haben Gastronomie-Betriebe in Magdeburg und sind deshalb nicht nur auf den Weihnachtsmarkt angewiesen."

Magdeburger Weihnachtsmarkt: Monika Hafke (links) und Antonia Mentzel stehen in der Kaiser-Otto-Schänke von Gastro Conzept
Monika Hafke (links) und Antonia Mentzel verkaufen in der Kaiser-Otto-Schänke Getränke. Bildrechte: MDR/Johanna Daher

Nur ein Getränk pro Person – und ohne Schuss

Die beiden stehen in einer größeren Bude am Ausgabefenster – Gäste können auch nach innen kommen und dort Glühwein trinken. Das Konzept nennen sie "Tafelrunde" – Gruppen können sich dort an den Tisch setzen, wenn sie sich zusätzlich in eine Liste eintragen. Das Ganze hat einen exklusiven Charakter, da das Personal den Zutritt erst gewähren muss – sind schon Leute drin, ist es derzeit nicht möglich, auch dort am Sitzplatz zu trinken.

Magdeburger Weihnachtsmarkt: Das Konzept "Tafelrunde" an der Kaiser-Otto-Schänke von Gastro Conzept.
Das Team der Kaiser-Otto-Schänke ermöglicht mit seiner "Tafelrunde" geschlossene Gesellschaften. Bildrechte: MDR/Johanna Daher

Dann kommt eine Kundin an das Fenster von Hafke und Mentzel. "Ich hätte gerne zwei Mal Eierpunsch für mich und meinen Mann", sagt sie. "Wo ist denn Ihr Mann?", fragt Antonia Mentzel und erklärt: "Pro Person darf ich nur ein Getränk ausgeben." "Oh, der ist gerade nicht da", sagt die Kundin und fügt verständnisvoll hinzu: "Dann nehme ich erstmal nur einen und wir kommen dann gleich nochmal wieder."

Solche Begegnungen seien auch hier vor allem der Fall, bestätigen die beiden – viel Negatives gebe es nicht. Eine weitere Regel, die für sie gilt: Harter Alkohol darf nicht ausgeschenkt werden. Es gibt also in diesem Jahr keine Getränke mit Schuss.

Corona-Regeln: Kontrollen auf dem Weihnachtsmarkt

Da ich bis zu diesem Zeitpunkt an keinem Stand etwas gekauft habe, wurde mein Bändchen auch noch nicht aktiv kontrolliert. So zieht es mich zu einem der Essensstände. "Eine Krakauer im Brötchen mit Senf", bestelle ich bei der Frau hinter der Theke. Da die Ärmel meines Mantels so lang sind, ist der eine an der linken Seite über mein Bändchen gerutscht. Entsprechend schaut sie ein paar Sekunden auf meinen Arm. "Oh, hier ist das Bändchen", sage ich, als ich das bemerke. "Sehr gut", sagt sie lächelnd und dreht sich zum Grill.

Wo ich mich zum Essen hinstellen soll? Da bin ich mir noch etwas unsicher, bemerke aber, dass sich andere einfach weiter weg an den Rand stellen. So suche auch ich mir eine Stelle, an der sonst niemand ist. Da ich jetzt ein Mal über den gesamten Markt geschlendert bin, überlege ich zu gehen. Doch dann kommen mir zwei Männer in gelben Westen mit der Aufschrift "Security" entgegen. Zu Beginn der 2G-Maßnahme hatte Paul-Gerhard Stieger von der Magdeburger Weihnachtsmärkte GmbH bereits im Gespräch mit dem MDR erklärt:

Jemand, der hier wohnt, muss den Markt auch queren können. Das ist auch weiterhin so. Wir haben aber bis zu 14 Security-Kräfte, dazu das Ordnungsamt und die Polizei, die dann zusätzlich nochmal die Person ansprechen und nach dem Bändchen fragen und auch nochmal im Zweifelsfall den Impfstatus und den Ausweis kontrollieren.

Paul-Gerhard Stieger von der Magdeburger Weihnachtsmärkte GmbH

Mich interessiert, wie die Security-Leute den Weihnachtsmarkt erleben. "Wir sind gerade mit acht Personen unterwegs und gehen hier so unsere Runden", sagt einer von ihnen, während er mit seiner Hand über den Platz zeigt. "Es hält sich alles im Rahmen. Was nur schon passiert ist: Dass wir jemandem sagen, er soll sich die Maske aufziehen, er das dann macht und sie ein paar Meter weiter wieder auszieht."

Das sagt die Stadt Magdeburg

Ich konnte durch meinen Besuch nur eine Momentaufnahme festhalten und erleben, gespickt mit den Erfahrungen der Menschen in den Buden. Was resümiert die Stadt Magdeburg nach der einen Woche mit 2G auf dem Weihnachtsmarkt? Auf meine Anfrage hin erklärt Pressesprecherin Kerstin Kinszorra, dass uniformierte und zivile Dienstkräfte des Ordnungsamts Magdeburg täglich stichprobenartige Kontrollen durchgeführt haben. Auch das Polizeirevier habe nichts gemeldet. Und:

Bei der Ausgabe von Speisen und Getränken wurden in keinem Fall Verstöße gegen das 2G-Zugangsmodell festgestellt. Die Mund-Nasen-Schutz-Tragepflicht in geschlossenen Räumen wurde von den Besuchenden beachtet. Der Veranstalter hat sich ebenfalls an die allgemeinen Hygieneregeln und Zugangsbeschränkungen gehalten. Das Konzept hat bisher funktioniert.

Kerstin Kinszorra, Pressesprecherin der Stadt Magdeburg

Das einzige Problem, das das Ordnungsamt festgestellt hat: Am Wochenende gab es abends zu viele Besucherinnen und Besucher, die bei der Unterschreitung des Abstand von 1,50 Meter keine Maske getragen haben. Daraufhin gab es Lautsprecherdurchsagen, die auf die Regelung hinwiesen. "Die Besuchenden sind ihrer Verpflichtung nach Ansprache durch das Ordnungsamt, die Polizei oder den privaten Sicherheitsdienst jeweils umgehend nachgekommen", so Kinszorra.

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