Mit deutlicher Mehrheit gewählt Silvia Ristow: So tickt Bernburgs neue Oberbürgermeisterin

Oliver Leiste
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Mit Silvia Ristow übernimmt zum ersten Mal eine Frau das Oberbürgermeisteramt in Bernburg. Seit vielen Jahren ist sie in der Stadtverwaltung verantwortlich für den Haushalt. Deswegen wird sie nun nicht alles auf den Kopf stellen – und plant doch einige entscheidende Veränderungen. Ein Porträt.

Bernburgs Oberbürgermeisterin Silvia Ristow
Silvia Ristow wurde zur neuen Oberbürgemeisterin von Bernburg gewählt. Anfang März übernimmt sie die Amtsgeschäfte. Bildrechte: MDR/Oliver Leiste

Wie verbringt eine angehende Oberbürgermeisterin die Zeit bis zur Amtsübernahme Anfang März 2022? Silvia Ristow (Linke) muss lachen, als sie diese Frage hört. Die künftige Bernburger Oberbürgermeisterin weist zur Antwort auf ein dickes Buch auf ihrem Schreibtisch. Es ist der Haushaltsplan für 2022, der in Kürze im Stadtrat verabschiedet werden soll.

Bislang ist Ristow unter anderem für die Finanzen der Saalestadt zuständig. Seit 1999 leitet sie als Dezernentin die Bereiche Haupt- und Personalamt, Kämmerei und Kasse. 2013 kamen Bauverwaltung und Hochbau als Aufgabenfelder hinzu. Sie gestaltet die Entwicklung der Stadt schon lange im Hintergrund mit. Durch den anstehenden Wechsel auf den Chefsessel wird sich für sie weniger die Arbeit, sondern vor allem die Wahrnehmung ändern, glaubt die 59-Jährige.

Erst der Haushalt, dann die Zukunft: Im Interview erklärt Bernburgs angehende Oberbürgermeisterin, welche Pläne sie für die Entwicklung der Stadt hat.

Liebe auf den zweiten Blick

Geboren wurde Silvia Ristow in Ueckermünde in Mecklenburg-Vorpommern. 1982 kam sie zum Studium nach Bernburg und wollte maximal vier Jahre bleiben. Dann lernte sie während des Studiums ihren späteren Mann kennen. Es folgte ein Promotionsstudium im Bereich Abrechnungssysteme für die Landwirtschaft.

Mit der Zeit verliebte sie sich auch in Bernburg. Wobei sie sich an die dortige Mundart erst gewöhnen musste, erzählt sie lachend. Und dass es wohl auch den Wirren der Wendezeit zu verdanken war, dass sie hier blieb, gibt sie freimütig zu. Denn so ergab sich eine berufliche Perspektive bei der Stadt, die andernfalls nicht unbedingt zustande gekommen wäre.

Heute sagt Ristow:

Im Laufe der Zeit habe ich so viele Menschen kennengelernt. Ich bin in zwei Vereinen tätig, arbeite in der Stadtverwaltung und war im Stadtrat. Auch im Kreistag und im Aufsichtsrat der Sparkasse bin ich aktiv. Egal wo ich hingehe, ich kenne immer jemanden. Die vielen unterschiedlichen Gesprächspartner machen es spannend.

Silvia Ristow

Es ist vor allem die Herzlichkeit der Menschen in Bernburg, die sie begeistert.

Wo sich Silvia Ristow ehrenamtlich engagiert

In ihrer Freizeit engagiert sich Silvia Ristow in verschiedenen Vereinen und weiteren ehrenamtlichen Tätigkeiten. Früher war sie selbst Mitglied des Bernburger Stadtrates. Sie gehört zum Vorstand des Reitsportvereins SV Roschwitz. Am Wochenende spielt sie beim SV Aufbau gern Volleyball. Zudem sitzt sie im Kreistag und im Aufsichtsrat der Sparkasse. Beide Ämter will sie auch als Oberbürgermeisterin behalten.

Ein weiterer Grund für ihre Liebe zu Bernburg ist die Entwicklung der Saale. Zu DDR-Zeiten schwammen dicke Schaumteppiche auf dem Fluss. Heute ist er Naherholungsort und Zentrum touristischer Aktivitäten. Und auch durch ihre Arbeit hat Ristow einen besonderen Bezug zu Bernburg. Mitunter hat sie den bisherigen Oberbürgermeister Henry Schütze (parteilos) auch in den vergangenen Jahren schon bei Veranstaltungen vertreten – und so Orte entdeckt, die nicht jedem offenstehen.

Die Saale war zur DDR-Zeiten stark verschmutzt. Inzwischen hat sich der Fluss erholt und ist bei Touristen sehr beliebt – auch in Bernburg.

In ihre Verantwortung fällt auch das städtische Personal. Deswegen kennt sie fast jede Kita-Erzieherin mit Namen und von vielen auch die persönliche Geschichte. Sämtliche Baumaßnahmen gehen wegen der Finanzierung ohnehin über ihren Tisch. Deshalb finden sich im Stadtbild zahlreiche sanierte Gebäude, an denen sie irgendwie auch mitgewirkt hat, erzählt die angehende Oberbürgermeisterin mit einem Lächeln.

Verwaltung soll nahbarer werden

Bleibt durch ihre Wahl, die Ristow am Ende deutlich gegen CDU-Mann Thomas Gruschka gewann, also alles beim Alten in Bernburg? "Nein, nein", erwidert Ristow energisch. "Natürlich wollen wir weiter für unsere Unternehmen da sein und den Weg bei der touristischen Entwicklung weitergehen. Aber als Verwaltung müssen wir nahbarer und sichtbarer werden. Die Bürger sollen wissen, dass sie uns ansprechen können. Und wenn sie nicht zu uns in die Sprechstunde kommen, müssen wir hingehen – im Stadtzentrum, aber auch in den Ortschaften."

So lief die OB-Wahl in Bernburg

Laut vorläufigem Wahlergebnis erhielt Silvia Ristow (Linke) etwa 69 Prozent der Stimmen. Thomas Gruschka (CDU) kam auf etwa 31 Prozent. Die Wahlbeteiligung lag bei rund 38 Prozent. Die Amtszeit der neuen OB beginnt am 1. März 2022. Der bisherige Amtsinhaber Henry Schütze (parteilos) war nicht wieder zur Wahl angetreten.

Künftig sollen den Bürgerinnen und Bürgern deshalb niedrigschwellige Gesprächsangebote gemacht werden, sagt Ristow. Sie selbst lebt das schon vor und ist vermutlich auch deshalb so beliebt bei den Menschen. Dass sie bei der Stichwahl am 17. Oktober knapp 70 Prozent der Stimmen bekam, ist auch ein Ergebnis ihrer Offenheit und ihres vielseitigen Engagements, glaubt sie.

Das Schloss Bernburg gilt als die "Krone Anhalts". Fast direkt am Ufer der Saale gelegen, ist es das wohl markanteste Wahrzeichen der Stadt. Burg und Museum werden gerade saniert. Das Schloss befindet sich nur wenige Meter von Silvia Ristows künftigen Amtssitz – dem Bernburger Rathaus – entfernt.

Bürgermeisterin will Brücken schlagen

Als Oberbürgermeisterin will Silvia Ristow Brücken schlagen. Bernburg soll eine Stadt sein, in der sich Jung und Alt gleichermaßen wohlfühlen. Schon heute gibt es dafür gute Grundlagen, erklärt sie. So könnten Jugendliche aus einer Vielzahl von Sport- oder Kulturvereinen wählen. Die Skateranlage im Stadtpark an der Saale ist eine der beliebtesten in Sachsen-Anhalt. Dafür würden sogar junge Menschen aus anderen Städten anreisen, wurde ihr berichtet. Es gibt ein Kino und ein Freibad.

Für eine eigene Disko ist Bernburg zu klein. Mehrere Versuche, einen Club in der Saalestadt zu etablieren, sind in den vergangenen Jahren gescheitert. Doch zum Beispiel im Kurhaus gibt es hin und wieder Tanzveranstaltungen für junge Erwachsene, so Ristow. Die größeren Unternehmen in der Stadt böten jüngeren Menschen durchaus attraktive Arbeitsplätze. Was fehle, seien Berufsschulen, moniert die angehende Oberbürgermeisterin.

In Bernburg ist aus einem Mehrfamilienhaus ein Kunstwerk geworden: Marco Brzozowski hat die Fassade in ein 3D-Graffito verwandelt. Es ist ein weiteres Zeichen dafür, dass sich Bernburg bemüht, auch für jüngere Menschen attraktiv zu sein.

Klar ist aber auch: Bernburg ist schon jetzt eine Stadt für überwiegend ältere Menschen. Nach der Wende ist die Einwohnerzahl um ein Drittel geschrumpft – von 45.000 auf etwas mehr als 30.000. Geblieben sind vor allem die, die schon immer da waren. Um die Menschen im Alter zu betreuen, ist Bernburg gut vorbereitet, sagt Ristow. Viele würden aber so lange es geht zu Hause wohnen wollen.

Und auch Gesellschaft sei den Senioren wichtig. Die Stadt will deshalb auch in Zukunft unter anderem Cafés unterstützen, um den Menschen Orte zu bieten, an denen sie sich treffen können. Auch die Busverbindungen sollen noch verbessert werden. Sowohl in der Stadt als auch in die Ortschaften, um die Mobilität älterer Menschen zu gewährleisten.

Blick auf die Fußgängerbrücke in Bernburg.
Brücken gibt es in Bernburg einige. Sie bringen die Menschen physisch zusammen. Silvia Ristow will auch im übertragenen Sinne Brücken bauen. Bildrechte: MDR/Oliver Leiste

Andere Mehrheiten im Stadtrat

Brücken schlagen will Ristow auch zu den politischen Gegnern. Weil sie bereits der SED und der PDS angehörte, gibt es durchaus Vorbehalte gegen die Linken-Politikerin. Im Wahlkampf wurde sie vereinzelt sogar angefeindet. Stichwort "Linksrutsch" – "was auch immer das bedeuten soll", schüttelt sie den Kopf. Doch das will Ristow nun hinter sich lassen. Im Stadtrat haben CDU und FDP die Mehrheit.

Ristow hofft trotzdem auf eine gute Zusammenarbeit, die sich vor allem an Sachthemen und der Gestaltung Bernburgs orientieren soll. So wie sie es auch schon als Finanzdezernentin erlebt hat, Parteibuch hin oder her:

In der zweiten Reihe habe ich mit dem Stadtrat sehr gut zusammengearbeitet. Ich hoffe, das bleibt auch so, wenn ich jetzt in der ersten Reihe stehe.

Silvia Ristow

Ristow: "Migration bietet Chancen für Bernburg"

Schwieriger gestaltet sich vermutlich der Austausch mit dem direkt gewählten Bundestagsabgeordneten aus dem Bernburger Wahlkreis. Denn das Mandat ging an Kay-Uwe Ziegler von der AfD. Dem Vorgehen der Partei, aber vor allem deren populistischen und rechtsextremen Positionen, kann Ristow nichts abgewinnen. "Doch wenn Herr Ziegler mit mir sprechen möchte, werden wir auch da einen Termin finden", gibt sie sich dialogbereit. Der zweite Repräsentant des Wahlkreises, der über die Landesliste in den Bundestag kam, ist ihr Parteikollege Jan Korte. Mit dem sei die Zusammenarbeit naturgemäß deutlich leichter.

Das Thema Abgeordnete treibt Ristow auch deshalb um, weil sie sich wünscht, dass sich nicht nur die Bernburgerinnen und Bernburger, die schon da sind, in der Stadt wohlfühlen. Silvia Ristow will sich bei der Bundespolitik dafür einsetzen, dass Geflüchtete die Chance bekommen, sich in der Saalestadt heimisch zu fühlen. Etwa indem sie schneller einen Job annehmen können. In einer geordneten Migration sieht Ristow durchaus Chancen für die Stadt – etwa um dem Fachkräftemangel zu begegnen.

Bernburgs Oberbürgermeisterin Silvia Ristow
Geht es nach Silvia Ristow, soll Bernburg grüner werden. Die Verwaltung will sie digitalisieren, um den Aufwand im Umgang mit der Verwaltung für die Menschen zu verringern. Bildrechte: MDR/Oliver Leiste

Welche Pläne Silvia Ristow für Bernburgs Zukunft hat

Für die Zukunft sind Bernburgs künftiger Oberbürgermeisterin vor allem zwei Sachen wichtig: "In sieben Jahren gehe ich davon aus, dass die Verwaltung bei der Digitalisierung einen großen Schritt gemacht hat. Auch bei den Solaranlagen auf den Dächern werden wir einen großen Schritt weiter sein. Die grünen Gedanken manifestieren sich ja gerade in der Politik."

Digitalisierung und Umweltschutz – das sind Themen, die Silvia Ristow auch schon während ihres Studiums bewegt haben. Damals, als sie gerade nach Bernburg gezogen war. Bald trägt sie als Oberbürgermeisterin auch für diese Bereiche die Verantwortung. Und somit schließt sich für sie spät in ihrer beruflichen Karriere der Kreis.

Oliver Leiste
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Über den Autor Oliver Leiste arbeitet seit Anfang 2015 bei MDR SACHSEN-ANHALT - mit dem Schwerpunkt Sport. Dabei begleitet er den Halleschen FC, den 1. FC Magdeburg und den SC Magdeburg durch alle Höhen und Tiefen. Zudem ist er immer auf der Suche nach spannenden Geschichten aus dem Süden Sachsen-Anhalts. Während seines Anglistikstudiums in Leipzig und auch danach war er für die Mitteldeutsche Zeitung in Halle und Radio Mephisto 97,6 am Ball. Als gebürtiger Bernburger hat er in Sachsen-Anhalt schon vieles gesehen und noch lange nicht genug davon.

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MDR/Oliver Leiste

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT – Das Radio wie wir | 29. Oktober 2021 | 15:30 Uhr

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