ÖPNV 9-Euro-Ticket: Welche Probleme in Sachsen-Anhalt drohen

Eine gute Woche vor Start des 9-Euro-Tickets ist die Nachfrage nach den Fahrkarten deutschlandweit groß. Auch in Sachsen-Anhalt gab es Schlangen an den Verkaufsstellen. Doch während sich viele Kunden auf das Spar-Angebot freuen, sehen sich die Verkehrsunternehmen mit Problemen konfrontiert: große Nachfrage, keine Reserven bei Personal und Material sowie viel ländlicher Raum.

Masken tragende Fahrgäste stehen dicht gedrängt auf dem Bahnsteig zum Einsteigen in einen abfahrbereiten Regionalexpress der DB Deutschen Bahn im Hauptbahnhof Freiburg im Breisgau. 83 min
Sehen Sie hier die MDR-Sendung "Fakt ist! Aus Magdeburg" zum 9-Euro-Ticket. Bildrechte: IMAGO / Ralph Peters

Wegen des 9-Euro-Tickets stellt sich auch Sachsen-Anhalts Verkehrs-Branche auf überfüllte Bahnen und Busse ein. Die Geschäftsführerin der Magdeburger Verkehrsbetriebe, Birgit Münster-Rendel, sagte MDR SACHSEN-ANHALT, sie rechne in der Landeshauptstadt vereinzelt mit Überlastungen – auf welchen Strecken, sei aber noch nicht absehbar.

Ferienfahrplan mit weniger Bussen und Bahnen

Zusätzliche Herausforderung bilde in Magdeburg der ausgedünnte Fahrplan während der Sommerferien. Dieser lasse sich auch nicht mehr zurückdrehen, so Münster-Rendel, denn die Urlaubsplanung für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter stehe seit einem Jahr.

Wir gehen in Magdeburg davon aus, dass es unter Umständen bei einzelnen Fahrten zu Überlastungen kommen kann. Wir können aber im Moment nicht einschätzen, auf welchen Relationen das sein wird.

Birgit Münster-Rendel, Geschäftsführerin der Magdeburger Verkehrsbetriebe
Eine Frau mit deunklem Haar und Brille lächelt in die Kamera.
MVB-Geschäftsführerin Münster-Rendel stellt sich auf volle Busse und Bahnen ein. Bildrechte: MVB/Peter Gercke

Für die Landeshauptstadt bedeutet das beispielsweise, dass Linien, die wochentags im 10-Minuten-Takt fahren, während der Sommerferien nur noch im 15-Minuten-Takt unterwegs sind. In der Hauptverkehrszeit entspricht dies einer Angebots-Reduzierung von einem Drittel. Sommerferien sind in Sachsen-Anhalt vom 14. Juli bis zum 24. August – damit fallen sie zeitlich genau in den Geltungs-Zeitraum des 9-Euro-Tickets.

In Halle, Dessau-Roßlau und Halberstadt gibt es im Bus- und Straßenbahn-Netz keinen allgemeinen Ferienfahrplan.

Überfüllte Züge könnten im Zweifel geräumt werden

Der Geschäftsführer der Nahverkehrsservice Sachsen-Anhalt GmbH (NASA), Peter Panitz, geht zwar grundsätzlich davon aus, dass das ÖPNV-Angebot in Sachsen-Anhalt ausreicht, auch wenn es für die Fahrgäste enger wird. Komme es hart auf hart, müssten bei überfüllten Zügen aber Personal oder Bundespolizei entscheiden, wer mitfahren darf und wer nicht. Sei ein Zug zu voll, könne er auch geräumt werden. "Aber auch hier gehe ich erstmal davon aus, dass die Kolleginnen und Kollegen dort in der Region sich erstmal ein Stück darauf einstellen", so Panitz.

Der Sachsen-Anhalter hätte gerne zwei bis drei Plätze für sich – dann muss er sich auch daran gewöhnen, dass es am Ende nur einer ist.

Peter Panitz, Geschäftsführer der Nahverkehrsservice Sachsen-Anhalt GmbH (NASA)

Aktuell ist nach Panitz' Worten aber noch immer eine niedrigere Nachfrage im ÖPNV zu beobachten als vor der Pandemie. Somit gebe es noch Platz in den Fahrzeugen.

Kaum zusätzliche Bahnen im Einsatz

Da der Nahverkehr in Deutschland Ländersache ist und dort aus Kostengründen langfristig und verbindlich ausgeschrieben wird, ist das System relativ starr und beinhaltet kaum Reserven. Der Bahnbetreiber Abellio etwa hat nach eigenen Aussagen dennoch vorgesorgt. Stefan Dietrich, Sprecher von Abellio Rail Mitteldeutschland, sagte bei "Fakt ist!" im MDR, es seien zusätzliche Züge im Einsatz. Kurzfristig gehe da aber nichts mehr. Weder Züge noch Personal seien kurzfristig zu besorgen.

Es gibt die Züge nicht. Weder die Züge noch das Personal sind so kurzfristig zu besorgen.

Stefan Dietrich, Sprecher von von Abellio Rail Mitteldeutschland

Dietrich hält das Ticket dennoch für ein gutes Projekt, kritisierte aber, dass die Bahn-Unternehmen in die Entscheidungsfindung nicht mit einbezogen worden seien. – Die DB Regio hatte am Montag angekündigt, deutschlandweit täglich 50 zusätzliche Züge auf die Gleise zu schicken – allerdings vor allem entlang touristischer Strecken.

Auf dem Land nur ein kleines ÖPNV-Angebot

Während in den Ballungsgebieten und in Tourismus-Regionen volle Verkehrsmittel drohen, sind sie anderswo gar nicht oder nur selten unterwegs. "Da, wo kein ÖPNV ist, kann auch niemand umsteigen", bekannte Sachsen-Anhalts Ministerin für Infrastruktur und Digitales, Lydia Hüskens (FDP), im MDR. Dass es im ländlichen Raum nur wenig öffentliche Verkehrsmittel gebe, sei eines der Probleme, das Sachsen-Anhalt habe. Die Ministerin verwies beispielsweise auf Rufbus-Angebote in der Altmark. Das 9-Euro-Ticket sei aber nur ein Schritt von vielen, so Hüskens, um die Bürger zu entlasten.

Wir haben sehr viel ländlichen Raum, in dem der ÖPNV sehr überschaubar ist. Ich sage nur: Rufbus in Stendal, einen Tag vorher bestellen.

Lydia Hüskens (FDP), Ministerin für Infrastruktur und Digitales
Haltestellenschild an einer Bushaltestelle
In der westlichen Altmark fängt ein Rufbussystem die ÖPNV-Nachfrage auf. Bildrechte: IMAGO / STPP

Beispiel: Rufbusse in der Altmark Tatsächlich gibt es auch im Linienverkehr der Kreisstadt Stendal abends nur ein Rufbusangebot. Allerdings können Fahrten noch bis zu einer Stunde vorher angemeldet werden, auch am Wochenende. Im Altmarkkreis Salzwedel wird der ländliche Raum durch ein umfangreiches Rufbus-System der Personenverkehrsgesellschaft Altmarkkreis Salzwedel mbH abgedeckt, im Zweistunden- oder Stundentakt, jeweils abgestimmt auf die Fahrpläne der Hauptlinien sowie den Zugverkehr. In den Stadtverkehren Salzwedels und Gardelegens existiert kein fester Fahrplan. Hier können Fahrgäste ihren Rufbus zur vollen und halben Stunde an jede beliebige Haltestelle ordern – auch am Wochenende und bis zu 30 Minuten vor Abfahrt.

MDR (Nadine Hampel, André Plaul)

Dieses Thema im Programm: Fakt ist! Aus Magdeburg | 23. Mai 2022 | 22:10 Uhr

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