Corona-Pandemie Impfskepsis unter Pflegekräften – ein Ausbildungsproblem?

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Noch in dieser Woche will der Bundestag über eine Impfpflicht im Pflegebereich abstimmen. Doch warum gibt es ausgerechnet in der Pflege Menschen, die der Impfung skeptisch gegenüber stehen? Mit verantwortlich dafür ist ein Ausbildungssystem, das noch im letzten Jahrhundert verhaftet zu sein scheint. Dabei war man in der DDR an dieser Stelle schon mal weiter.

Klinikmitarbeiterin erhält Corona-Impfung.
Beschäftigte in Krankenhäusern und Pflegeeinrichtungen müssen sich voraussichtlich ab März 2022 gegen das Coronavirus impfen lassen. (Symbolbild) Bildrechte: dpa

Professorin Gabriele Meyer ist Wissenschaftlerin und auf die Frage, warum sich wohl so viele Pflegekräfte gegenüber einer Corona-Impfung skeptisch zeigen, antwortet sie mit einer Gegenfrage: "Haben wir die Zahlen, die belegen, dass es wirklich so ist? Wir lesen die Schlagzeilen, aber wir wissen deswegen noch lange nichts." 

Professorin Gabriele Meyer in ihrem Büro
Professorin Gabriele Meyer, Pflegewissenschaftlerin an der Uniklinik in Halle Bildrechte: MDR/Uli Wittstock

Gabriele Meyer bildet an der medizinischen Fakultät der Universität in Halle junge Menschen aus, die sich wissenschaftlich mit dem Thema Pflege beschäftigen. Ein Fachgebiet, das mit Blick auf den demografischen Wandel sicherlich an Bedeutung gewinnen wird. Andere europäische Länder haben auf diese Entwicklung schon früher reagiert, mit einer stärkeren Akademisierung des Pflegebereichs, so Professorin Meyer: "Tatsächlich ist es so, dass in den meisten europäischen Ländern der Bachelor-Abschluss das Eintrittskriterium in die professionelle Pflege ist. Die Folge ist eine andere Zusammensetzung des Pflegeteams. Es gibt natürlich Beschäftige als Pflegeassistenz – aber eben dazu auch einen großen Anteil von Bachelor-Absolventen auf den Stationen."

Impfpflicht in der Medizin nichts Neues

Dass derzeit offenbar besonders unter Pflegekräften über die Corona-Impfung debattiert wird, verwundert schon. Denn schon jetzt besteht im Gesundheitswesen eine Impfpflicht, zum Beispiel gegen Masern oder auch Hepatitis B. Bei der Einführung habe es seinerzeit kaum Debatten gegeben, sagt Dr. Anja Bieber, ebenfalls Pflegewissenschaftlerin an der halleschen Medizin-Fakultät. Bieber kennt die Praxis gut, denn sie selbst ist ausgebildete Altenpflegerin und hat heute noch Kontakte vor Ort.

Eine Frau mit kurzen schwarzen Haaren steht vor einem Bücherregal mit Fachbüchern.
Anja Bieber, Pflegewissenschaftlerin Bildrechte: MDR/Uli Wittstock

Es gibt Pflegedienste, die haben 25 Mitarbeiter und die Chefin sagt, fünf davon seien bereit, sich impfen zu lassen. In normalen Schichten macht jeder Mitarbeiter zehn bis 15 Hausbesuche. Das Risiko, die Infektion von Haus zu Haus zu tragen, ist also groß.

Bislang sei die Pflegeausbildung eben sehr praktisch orientiert, so Bieber. Wissenschaftliche Grundlagen spielten zwar eine Rolle, aber letztendlich werde wenig Wert gelegt auf komplexe medizinische Zusammenhänge.

Rückständiges Ausbildungssystem

Wer in Deutschland Dachdecker wird, der besucht neben der praktischen Ausbildung eine Berufsschule und wird dort von studierten Berufsschullehrern unterrichtet. Wer jedoch in der Krankenpflege ausgebildet wird, der kann sich in Deutschland nicht sicher sein, von studierten Pädagogen unterrichtet zu werden, denn große Krankenhäuser betreiben eigene Ausbildungsstätten. Und dort unterrichten dann, auch aus Kostengründen, häufig Quereinsteigerinnen.

Das bestätigt Pflegewissenschaftlerin Gabriele Meyer: "Die Pflegelehrenden, früher hießen sie Lehrschwestern, die besuchen Weiterbildungsakademien vom Roten Kreuz oder dergleichen. Und das ist eben kein Studium, kein akademischer Abschluss, sondern tatsächlich eine Weiterbildung. Das war das traditionelle Modell in Westdeutschland, das nach der Wende auch in Ostdeutschland übernommen wurde."

Ein Rückschritt, wie sich nun zeigt, denn die DDR setzte auf Medizinpädagogen. Was nach Ansicht vieler eine höhere Qualität der Ausbildung zur Folge hatte. Das hat sich nun offenbar auch politisch herumgesprochen, denn ein neues Gesetz sieht vor, dass in Zukunft Pflegekräfte nur noch von studiertem Fachpersonal unterrichtet werden dürfen. Allerdings beginnt die Zukunft erst im Jahr 2029, denn die Lehrkräfte müssen erstmal in ausreichendem Maße ausgebildet werden.

Dr. Anja Bieber von der Universität Halle, neben ihr der Text: "Ich würde fragen: Wie gut sind die Leute informiert? Wo haben die Pflegenden ihre Informationen her?" 1 min
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Impfskepsis ist auch bei Mitarbeitenden in der Pflege oder in Krankenhäusern verbreitet. Woher diese kommen könnte und was die Einrichtungsleitung dagegen tun kann, erklärt Dr. Anja Bieber von der Uni Halle.

MDR SACHSEN-ANHALT - Das Radio wie wir Mi 08.12.2021 18:00Uhr 00:40 min

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Pflegepraxis bringt scharfe Unterschiede

Auch wenn die Pflegeausbildung stark verbesserungswürdig ist, so ist dies nach Ansicht von Anja Bieber nicht der einzige Grund für die Corona-Impfskepsis. Denn neben der Arbeit gebe es ja auch noch ein Leben außerhalb der Pflegestationen: "Im Grunde genommen spiegelt sich das Bild der jeweiligen Region auch in den Altenpflege-Einrichtungen wieder. Eine höhere Skepsis in der Allgemeinbevölkerung kann man dann auch in den Einrichtungen ablesen."

Und es gibt noch einen weiteren Umstand, der eine Rolle spielen könnte. Denn im Pflegeberuf gibt es beinahe eine Zwei-Klassen-Gesellschaft, auch wenn Professorin Meyer diesen Begriff nicht verwendet, wenn sie auf das starke Lohn- und Prestigegefälle verweist: "Also auf der einen Seite die ambulante Pflegerin im Erzgebirge, auf der anderen die Intensivpflege-Fachpersonen in Köln. Da gibt es ein Gehaltsgefälle, dass man der Meinung sein könnte, es müsse ein anderer Beruf sein. Das ist einfach inakzeptabel." Die Erfahrung einer persönlichen Zurücksetzung, das ist ja inzwischen oft beschrieben, sorgt zusätzlich für ein gewisses Misstrauen gegenüber staatlichen Strukturen.

Prof. Dr. Gabriele Meyer von der Universität Halle, neben ihr der Text: "Ich bin für die Bereichsverpflichtung Pflegender und anderer Berufe, die bewohnernah arbeiten." 1 min
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Prof. Dr. Gabriele Meyer von die Universität Halle spricht sich für eine Impfpflicht von Pflegepersonal aus. Die Debatte um die Corona-Impfung verwundert sie. Eine Impfpflicht existiere nämlich bereits.

MDR SACHSEN-ANHALT - Das Radio wie wir Mi 08.12.2021 18:00Uhr 00:58 min

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Verantwortung der Chefetagen

Für Anja Bieber stellt sich in der Debatte über die Corona-Impfung aber auch die Frage nach dem jeweiligen Betriebsklima. Zumeist werde mit den Beschäftigten über Rundschreiben kommuniziert. Wenn es aber darum ginge, Befürchtungen oder Fehlinformationen zu begegnen, dann müsse sich die Geschäftsführung schon etwas Zeit nehmen, um mit den Beschäftigten zu reden.

Gabriele Meyer geht davon aus, dass der Anteil der Impfskeptiker im Pflegebereich nicht höher ist als auch sonst in der Bevölkerung: "Nach all dem, was wir wissen, handelt es sich um eine tatsächlich sichere Impfung, die millionenfach angewandt wurde und besser untersucht ist als manch anderer Impfstoff. Insofern würde ich denken, dass Personen in der Pflege die Dringlichkeit erkennen, sich impfen lassen." Dennoch ist Meyer für eine Impfpflicht in Gesundheitsberufen, denn das Wohl des Patienten sollte nicht leichtfertig aufs Spiel gesetzt werden.

Dass die Impfskepsis unter Pflegerinnen und Pflegern besonders verbreitet ist, bleibt bis auf Weiteres also nur eine Behauptung. Wer Vegetarier ist, wird wohl nicht in einem Schlachthof arbeiten und so werden wohl auch radikale Impfgegner keinen Beruf ergreifen, in dem medizinische Erkenntnisse die Grundlage des Handelns sind.

MDR (Uli Wittstock, Cornelia Winkler)

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL - Das Nachrichtenradio | 02. Dezember 2021 | 06:00 Uhr

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